Drohungen

Drohungen: Ulf Künemund lässt sich nicht einschüchtern

Gräfenhainichen - Ulf Künemund erhält gestern Nachmittag überraschenden Besuch. „Mir war es wichtig, dass wir uns bei Ihnen blicken lassen“, erklärt Wulf Gallert bei seiner Blitz-Stippvisite. „Ich möchte Ihnen gegenüber meine Hochachtung für Ihren Mut zum Ausdruck bringen“, sagt der Fraktionschef der Linken im ...

Von Andreas Hübner 01.03.2016, 12:51

Ulf Künemund erhält gestern Nachmittag überraschenden Besuch. „Mir war es wichtig, dass wir uns bei Ihnen blicken lassen“, erklärt Wulf Gallert bei seiner Blitz-Stippvisite. „Ich möchte Ihnen gegenüber meine Hochachtung für Ihren Mut zum Ausdruck bringen“, sagt der Fraktionschef der Linken im Landtag.

Künemund, der Mitbegründer der Bürgerinitiative offen.bunt.anders, setzt sich für Flüchtlinge ein. Er wurde deshalb schon vor den Schüssen auf das geplante Asylheim persönlich mehrfach bedroht. Doch der Gräfenhainichener lässt sich den Mund nicht verbieten. „Wir machen weiter“, sagt der Unternehmer. Er spricht von etwa 30 Leuten, die sich in der Initiative engagieren und „sich von den Dingen, die hier jetzt passieren, nicht einschüchtern lassen“.

Er macht klar, dass er sich bedeutend wohler fühlen würde, wenn seine Heimatstadt wegen „toller Konzerte in Ferropolis“ in den Schlagzeilen stehen würde, statt wegen „dieser rechtsextremen Übergriffe“. Die Anschläge auf das Schleifer-Gebäude in Gräfenhainichen seien aber neben vielen Schmierereien und Bedrohungen nur eine Ebene der Auseinandersetzungen. Eine straff organisierte rechte Szene aber könne er in Gräfenhainichen nicht ausmachen. Vereinzelte Personen seien bekannt, und die Szene erreicht in der Umgebung der Heidestadt erkennbare Strukturen. „Im Moment haben wir mehrere rechte Gruppierungen in der Region“, bestätigt Wittenbergs Kreistagsmitglied Uwe Loos (Linke).

„Ich bin nicht fassungslos“, sagt Gallert, „wir haben eine extrem große Dichte von rechtsextremen Straftaten in Sachsen-Anhalt. Der Staat muss zeigen, dass er sich sowas nicht gefallen lässt. Dagegen müssen wir vorgehen.“

Künemund sieht die Flüchtlinge gerade für solche Kommunen wie Gräfenhainichen aber auch als Chance an. Der demographische Wandel und der Abzug der Jugend habe das Heidestädtchen arg gebeutelt. „Wir überaltern, Gesellen und Auszubildende findet der Unternehmer schon gar nicht mehr.“ Dabei sei er nicht so blauäugig zu glauben, dass der Flüchtling, der heute hier ankommt, schon morgen der perfekte Elektriker sei, „aber vielleicht übermorgen“.

„Wir sollten über jeden Flüchtling, der sich entscheidet, hierzubleiben, froh sein“, so Künemund. „Wir machen das, was wir machen, ja eigentlich für unsere Stadt“, meint er ernüchtert, denn bis jetzt gibt es noch kein einheitliches Bekenntnis der Stadträte. (mz)