Zu wenig „deutsche Stücke“?

Zu wenig „deutsche Stücke“?: AfD-Antrag will Anhaltischem Theater Millionen streichen

Dessau - „Dieser Vorschlag bedeutet das Ende dieses Theaters“, kündigt Johannes Weigand an. Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters bezieht sich auf einen Antrag der AfD-Landtagsfraktion zum sachsen-anhaltischen ...

Von Daniel Salpius
AfD will über finanzielle Kürzungen auf die Spielpläne der sachsen-anhaltischen Bühnen einwirken.

„Dieser Vorschlag bedeutet das Ende dieses Theaters“, kündigt Johannes Weigand an. Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters bezieht sich auf einen Antrag der AfD-Landtagsfraktion zum sachsen-anhaltischen Haushaltsplan.

Darin fordert die Partei, die Mittel zur Unterstützung von Theatern in kommunaler Trägerschaft drastisch zu reduzieren - wegen angeblich fehlender „deutscher“ Stücke. Demnach sollen die 2020 für die Spielstätten vorgesehenen rund 38 Millionen Euro um knapp 18 Millionen Euro gekürzt werden, 2021 um 19 Millionen.

Bei derartigen Kürzungen würden der Bühne in diesem Jahr 3,1 Millionen Euro abgezogen

Bislang erhält das Anhaltische Theater sieben Millionen Euro jährlich vom Land. Bei derartigen Kürzungen würden der Bühne in diesem Jahr 3,1 Millionen, im darauffolgenden Jahr 3,6 Millionen abgezogen. Das wurde am hiesigen Kulturdezernat ausgerechnet. „Bei diesen Summen würden hier gewaltig die Lichter ausgehen“, unterstreicht Weigand und schätzt, dass derartige Maßnahmen ganze Sparten kosten würden. „Dann könnten wir womöglich nur noch Orchester und Puppenspiel halten.“

Die Mitarbeiter des Theaters verzichten bereits auf einen Teil ihrer Bezüge, um den Betrieb trotz schon jetzt knapper Mittel in seiner Breite aufrecht zu erhalten. „Alle gut 300 Festangestellten bekommen nur 90 Prozent dessen, was ihnen eigentlich zusteht“, so Weigand. Dieses Engagement werde durch den AfD-Vorstoß förmlich mit Füßen getreten, ärgert sich der Intendant.

Dass der Änderungsantrag in den Haushaltsverhandlungen Mehrheiten findet, ist unwahrscheinlich. Der Ausschuss für Bildung und Kultur des sachsen-anhaltischen Landtags hat ihn bereits Ende Januar abgelehnt. Ein Blick auf die Begründung der Kürzungen lohnt dennoch. Im Antragstext heißt es: „Insbesondere werden kaum deutsche Theaterstücke auf die Bühne gebracht.“ Das, was gebracht werde, sei „politisch höchst einseitig orientiert“. „Dergleichen sollte nicht aus Steuergeldern gefördert werden.“

Intendant Johannes Weigand: „Was ist denn ein deutsches Stück? Ist Brecht deutsch?“

Die dahinter stehende Forderung nennt Johannes Weigand ein „dummes Kriterium“. „Was ist denn ein deutsches Stück? Sind Hoffmanns Erzählungen für die AfD deutsch, wo doch ein Jude die Musik komponiert hat. Ist Brecht deutsch? Und was ist ein deutscher Spielplan? Einer aus Nazi-Zeiten?“, fragt der Theatermacher rhetorisch zurück. Zudem schreibe er den Regisseuren nicht vor, mit bestimmter politischer Gesinnung zu inszenieren. „Sonst würden wir hier nicht mehr Kunst, sondern Propaganda machen.“

Der Generalintendant sieht in den Seitenhieben gegen die Bühnen im Land, vor allem den Versuch, Druck auf die Theatermacher auszuüben. „Es gibt Kollegen, die haben das Gefühl, sich für ihre Spielpläne rechtfertigen zu müssen“, so Weigand. Er lasse sich von solchen Erwägungen nicht beeinflussen. Für den Erfolg dieser Haltung sprechen die 180.000 Besucher im vergangenen Jahr. Von ihnen habe sich jedenfalls niemand über den Spielplan beschwert, so Weigand.

Dennoch: Auch die Dessau-Roßlauer AfD hat das Anhaltische Theater im Fokus. In der aktuellen Ausgabe des Amtsblatts beklagt die Fraktion ebenfalls das kulturelle Angebot, mit dem sich nicht jeder identifizieren könne, und fordert die Kommune müsse bei der Finanzierung des Theaters entlastet werden. Im Stadtrat schlug die AfD jüngst vor, 275.000 Euro beim Theater zu kürzen, um dadurch die Hundesteuer zu senken. Dafür solle das Land seine Zuwendungen erhöhen. Das allerdings steht im Widerspruch zum beschriebenen Haushaltsantrag der Landtagsfraktion. Kennt die Stadtratsfraktion den Antrag der Landtagskollegen nicht oder möchte die Partei die Mittel für das Theater gleich an beiden Enden kürzen?

Andreas Mrosek begrüßt eigenen Angaben zufolge Mittelkürzungen als Instrument

Der Fraktionsvorsitzende Andreas Mrosek widerspricht diesem Eindruck. Zwar kenne er den Antrag der Landes-AfD, es gehe ihm aber nicht um eine doppelte Kürzung. Stattdessen stehe seine Forderung unter dem Vorbehalt, dass das Land seine Mittel aufstockt. „Da gehen die Kollegen im Landtag aber im Moment nicht mit, weil die Inszenierungen zu links-grün-lastig sind. Ich teile diese Einschätzung.“ Mrosek begrüßt eigenen Angaben zufolge auch Mittelkürzungen als Instrument, um auf die Ausrichtung von Inszenierungen einzuwirken. Das Dessauer Theater müsse jedoch als kultureller Höhepunkt der Stadt weiter gefördert werden.

Für Kulturdezernent Robert Reck sind die widerstreitenden Aussagen „janusköpfig“. „Das Theater ist für die Stadt identitätsstiftend“, so Reck. Zudem habe man hart dafür mit dem Land gerungen, dass das Theater in seiner Breite erhalten bleiben kann. Die AfD rüttle mit ihrer Rhetorik kulturpolitisch an den Grundfesten dieses Erfolgs. „Insbesondere missfällt mir die versuchte Vorgabe künstlerischer Inhalte. Es ist Aufgabe der Regisseure und Intendanten, hier künstlerische Inhalte zu schaffen“, stellt der Kulturdezernent klar. (mz)