Weniger Unfälle, weniger Tote

Weniger Unfälle, weniger Tote: Corona lässt die Staus auf der A9 bei Dessau schrumpfen

Dessau-Roßlau - Phänomen leer gefegter Autobahnen in Lockdown-Zeiten schlägt sich in Statistik nieder.

Von Thomas Steinberg
31. Juli 2020: Zwischen Dessau-Süd und Dessau-Ost steht der Verkehr. Vorausgegangen war ein schwerer Unfall mit zwei Fahrzeugen und fünf Verletzten. Ausgelöst wurde er durch einen Reifenplatzer.

Im März tauchten immer wieder Videos im Internet auf. Sie zeigten den Blick auf fahrende Pkw auf der A9 - und über Kilometer kein einziges anderes Fahrzeug. Und das, wohlgemerkt, am helllichten Tag.

Über die Ursache muss man nicht lange rätseln: Corona und der Lockdown. Das Phänomen der leer gefegten Autobahnen schlägt sich auch in der jetzt veröffentlichten Staustatistik des ADAC nieder.

Für die an Dessau-Roßlau vorbeiführende A9 addierte der Autoclub die Staus auf sachsen-anhaltischem Gebiet auf rund 3.450 Kilometer, das sind 46 Prozent weniger als noch im Jahr zuvor. Der mit 20 Kilometern längste Stau wurde am 14. August zwischen Coswig und Bitterfeld-Wolfen gemessen. Und am 11. Juni löste sich eine auf der A9 zwischen Thurland und Coswig krauchende Autoschlange erst nach neun Stunden auf.

Gerade zu Beginn des ersten Lockdowns sank das Verkehrsaufkommen rapide

Zwischen den Anschlussstellen Dessau-Ost und Süd ging es 33 Mal nur schleppend voran (2019: 61 Staus), in der Gegenrichtung passierte das 29 Mal (2019: 116 Staus). Für den ADAC nimmt sich das im Vergleich zu anderen Bundesländern alles moderat aus.

Gerade zu Beginn des ersten Lockdowns sank das Verkehrsaufkommen rapide. Auf 55 Prozent bei Pkw und 20 Prozent bei Lkw bezifferte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer kurzen Studie den Rückgang. „Vollbremsung“ betitelte es diese folgerichtig.

Beinahe von einem Tag auf den anderen war alles anders. Pendlerverkehr fiel weg, weil Beschäftigte entweder eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten konnten, im Homeoffice saßen oder Elterntaxis in die Kita oder zur Schule nicht mehr benötigt wurden. Dienstreisen wurden durch Videokonferenzen ersetzt, Messen gestrichen.

Die Abnahme besonders der Pkw-Fahrten spiegelt nur die halbe Wahrheit

Ebenso brach der Freizeitverkehr ein, der sonst rund ein Drittel aller Autofahrten ausmacht: Von Theatern über Freizeitparks bis zu Hotels waren potenzielle Ziele geschlossen. Und die Diesel der Lkw blieben aus, weil reihenweise Lieferketten gerissen waren.

Dennoch spiegelt die Abnahme besonders der Pkw-Fahrten nur die halbe Wahrheit. Parallel verschob sich die Nutzung der Verkehrsmittel, wie das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in nunmehr drei umfangreichen Befragungen herausfand. Danach haben besonders Busse und Bahnen unter den Corona-Folgen gelitten.

Die Passagiere stiegen aus, gingen zu Fuß, radelten - und nahmen vor allem den eigenen Pkw. 37 Prozent, mehr als ein Drittel aller Befragten, gab Ende des Jahres an, seltener Busse und Bahnen als zuvor benutzt zu haben. Und 19 Prozent meinten unterm Strich, daran werde sich nichts ändern.

Die Unfallzahlen auf der A9 sind deutlich gesunken

Das ist in der Tat die große Frage: Was geschieht nach Corona? Andreas Krämer, Professor an der University of Europe for Applied Sciences Iserlohn und Vorstand von Exeo Consulting Bonn, hält sich wie andere Forscher mit Prognosen zurück. Auch wenn es zu einer Erholung komme, „auf breiter Front wird kein Segment unangetastet bleiben“, meint er und schließt dabei den Flugverkehr ein.

Zudem sieht er ein Risiko für die Verkehrswende, also dem Ziel, umweltfreundlichen Verkehr zu stärken und das Privatauto zurückzudrängen: „Es ging seit Ausbruch der Corona-Krise in die entgegengesetzte Richtung.“ Es werde „sehr schwer“, den alten Stand zu erreichen. Erst dann könne es wieder um die „ehrgeizigen Ziele der Verkehrswende“ gehen.

Soviel Ungewissheit und Kummer Corona beschert hat, einen positiven Aspekt hatten die wegen der Pandemie verhängten Lockdowns. Die Unfallzahlen sind deutlich gesunken. Für die A9 im Bereich Dessau-Roßlau liegen die noch nicht vor, wohl aber bundesweit von Januar bis November 2020. Danach sank die Zahl der Unfälle gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14 Prozent. Auf den Straßen starben 300 Menschen weniger. (mz)