Das klebt wie Pech

Was nach dem Konzert von „Feine Sahne Fischfilet“ in Dessau bleibt: Politischen Schaden klebt wie Pech

Dessau - Von der Stiftung Bauhaus vor die Tür gesetzt, hat die Band Feine Sahne Fischfilet jetzt in der alten Brauerei Dessau gespielt. Was den politischen Schaden nicht geringer macht.

Von Andreas Montag 07.11.2018, 21:07

Hier macht das Brauhaus Schule. So haben Spaßvögel den offiziellen Slogan Sachsen-Anhalts zum 100. Geburtstag des Bauhauses im kommenden Jahr umgedichtet. Ein Scherz mit tieferer, sarkastischer Bedeutung, der im Internet kursiert. Und das ist nur ein Beispiel für den immensen Schaden, den sich die Stiftung Bauhaus Dessau und die Magdeburger Staatskanzlei mit der peinlichen Ausladung der Rockband Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern selbst zugefügt haben.

Ohne jede Not, wie sich beim Dessauer Konzert am Dienstagabend erwiesen hat, das vom ZDF wie geplant aufgezeichnet wurde - statt auf der Bauhaus-Bühne nun eben in der Alten Brauerei. Ein politischer, aber vor allem auch friedlicher und fröhlicher Abend, vor mehr als 600 Menschen. Sechs Mal mehr, als der Saal im Bauhaus hätte fassen können.

Alles gut gegangen also. Bis auf die vorausgegangene, erkennbar aus „Staatsinteressen“ erfolgte Absage des Konzerts im Bauhaus, die von dessen Direktorin Claudia Perren sowie Rainer Robra (CDU), dem Vorsitzenden des Stiftungsrates und Kulturminister Sachsen-Anhalts, mit der Sorge um das Weltkulturerbe begründet wurde. Erbärmlich haben Kritiker dieses Lavieren genannt, bei dem die Pressesprecherin Helga Huskamp als Bauernopfer „freigestellt“ worden ist.

Schuss ins eigene Knie

Der gesamte Vorgang wird am Bauhaus Dessau, der Landesregierung und der CDU kleben bleiben wie das Pech an dem faulen Mädchen im Grimmschen Märchen von Frau Holle. Wer sich von einem Häuflein Rechtsextremer, von AfD-Propaganda - aber wohl auch aus Angst vor den Ultras aus der Rechtskurve des eigenen Mitgliederblocks ins Bockshorn jagen lässt und die Freiheit der Kunst wie der Institutionen im Lande beschneidet, hat der viel beschworenen Demokratie, die es zu verteidigen gelte, nicht geholfen. Man hat sich   selbst ins Knie geschossen. Rechtspopulisten rechts überholen zu wollen, geht jeder Erfahrung nach schief.

Von alledem ist am Dienstagabend bei allem Spaß an krachender Musik natürlich immer wieder die Rede gewesen in der Dessauer Brauerei - einer riesigen, imposanten Immobilie übrigens, die sonst weitgehend ungenutzt liegt, obwohl (oder weil) sie das Potenzial hat, das Kulturzentrum einer fünf Mal größeren Stadt als Dessau-Roßlau zu sein.

Monchi: „Sachsen-Anhalt ist noch nicht völlig im Arsch“

Als das Konzert um 19 Uhr mit dem Auftritt von Neonschwarz, einer HipHop-Band aus Hamburg, beginnt, sind die anderen Messen des Tages gelesen. Kundgebungen und Demonstrationen gegen Rechts haben stattgefunden, die „Kameraden“ selbst haben ihren Aufmarsch in letzter Sekunde abgesagt, vielleicht aus Personalnot. Am späteren Abend hat es immerhin noch für ein Spruchband gereicht, mit dem sich ein Häuflein von ihnen vor dem Bauhaus aufbaute und bei dessen Leitung bedankte, „Linksterroristen“ keine Bühne geboten zu haben.

Das ist bitterer Lohn für die Stiftung und ihre Entscheidungshelfer. An Spott hat es zu allem Überfluss auch nicht gefehlt. Auf dem Weg zur Brauerei hatten die Musiker um den Sänger Jan „Monchi“ Gorkow einen Abstecher in die Dessauer Gropiusallee gemacht und dem Bauhaus eine selbst gebastelte Dankes-Urkunde für die „PR-Aktion des Monats“ hinterlegt, dazu eine Flasche Pfefferminzlikör. Vielleicht kann der süße Fusel dort über den bittersten Kummer hinwegtrösten.

Sachsen-Anhalt jedenfalls ist, so befindet es Monchi kurz vor 23 Uhr, „noch nicht völlig im Arsch“. Damit meint er die Leute im Saal, bei denen es ihm nicht darauf ankomme, ob sie auf Punk oder Schlager stehen, bekämen sie nur das Maul auf und den Arsch hoch, wenn es nötig ist. Wie an diesem Abend, aber auch schon durch die breiten Proteste gegen das Auftrittsverbot, das Feine Sahne Fischfilet vom Bauhaus erteilt worden war. Von Maul und Arsch und anderen deutschen Wörtern der deftigeren Art ist öfter die Rede an diesem Abend. „Ich will jetzt diesen ganzen, verdammten Scheißsaal tanzen sehen!“, brüllt Monchi vor dem letzten Song des Zugabenblocks.

Aber herrje, was soll der Mann auch rufen? Er ist schließlich Rockmusiker von Beruf - da gibt es Standards, die man einhalten muss. Sonst braucht man sich gar nicht erst auf die Bühne zu stellen. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich würde mich freuen, bewegten sie sich jetzt alle noch einmal“ wäre nicht wirklich publikums- und genrekonform.

Damit ist das „Schreckenspotenzial“ der Band aber auch ausgereizt, will man von den Bierduschen absehen, die zum Spiel gehören. Im Bauhaus hätte die Band mit Rücksicht auf das Denkmal sicher darauf verzichten können.

Gewissen und Haltung

Früher war die Band allerdings politisch deutlich härter unterwegs, was man ihr in Kreisen besorgter Konservativer und lustvoll die öffentliche Meinung manipulierender Rechter nachredet. Tatsächlich sind die Musiker längst im Mainstream gelandet. Aber mit Gewissen und Haltung. Sie haben was gegen Nazis. Und nehmen Geflüchtete in Schutz. Beides ist in Deutschland erlaubt. Im Übrigen: Nette Leute, die bestimmt älteren Menschen aus der Bahn und über die Straße helfen.

Monchi hat ein Lied für seine Eltern geschrieben, „die geilsten Leute, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte“. Die Band feiert ihre Heimat und beklagt drastisch die alkoholisch geprägte Feierkultur der Jugendszene: „Wann habe ich das letzte Mal nüchtern gefickt?“. Monchi ist es im Übrigen egal, ob sie „richtigen“ Punk spielen. Eine Prise Element of Crime ist auch dabei, die beiden Trompeter machen ihre Sache wirklich gut.

Ein Stück, „Angst frisst Seele auf“, ist ein Gruß an die linke Thüringer Politikerin Katharina König, die von einer Neonazi-Band mörderisch bedroht worden war. Da wird es wieder politisch. Ein Leitmotiv, das sich durch das ganze Konzert zieht. Keines wie jedes andere, sagt Monchi. Unter den Zugaben ist ein jüdisches Lied, solo vom Gitarristen Christoph Sell. Hier schließt sich der Kreis zum Bauhaus. Viele seiner Mitarbeiter, vor allem Juden, mussten einst emigrieren, einige wurden ermordet. Eine Geschichte, die zu Respekt und größter Aufmerksamkeit verpflichtet. Hier und heute. (mz)