Verbrechen in Dessau

Verbrechen in Dessau: Eltern holen ihre ermordete Tochter ab

Dessau-Rosslau - Die Familie der ermordeten Yangjie Li wird in Berlin erwartet.

Von Ralf Böhme 17.05.2016, 18:01

Es wird die schlimmste Reise ihres Lebens. Die Eltern der ermordeten chinesischen Architektur-Studentin Yangjie Li kommen nach Dessau. Sie wollen die 25-Jährige noch einmal sehen, Abschied nehmen. Für immer.

Die Überführung des Leichnams ist geplant. Keine Klarheit gibt es über den Zeitpunkt. Ein Kriterium ist, wie die Ermittlungen vorankommen. Befragungen und kriminaltechnische Untersuchungen werden gerade noch einmal intensiviert. Momentan gilt eine Nachrichtensperre - aus ermittlungstaktischen Gründen.

Vater, Mutter und weitere vier Angehörige des Mordopfers sind mehr als 7500 Kilometer unterwegs, bevor sie in Berlin eintreffen. Die Familie lebt in der ostchinesischen Provinz Henan. Ihre Ankunft ist nach Angaben der Gastgeber für das Wochenende avisiert. Das Programm steht noch nicht in allen Einzelheiten fest. Die Organisatoren der Reise verweisen auf die psychische Verfassung der Eltern. Auf alle Fälle will sich die chinesische Botschaft um sie kümmern. Abgesandte der Hochschule Anhalt, die Kosten für Flug und Aufenthalt übernimmt, sind gleichfalls an der Seite der Opfer-Familie.

In Dessau findet an diesem Mittwoch ein Gedenklauf für die vergewaltigte und ermordete Yangjie Li statt. Er solle genau eine Woche nach dem Verbrechen durch die Stadt führen. Am Donnerstag ist zudem eine Gedenkveranstaltung für das Mordopfer mit Dieter Orzessek, Präsident der Hochschule Anhalt, und Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Peter Kuras geplant.

Aufmerksamkeit in China

Der Mord und das Umfeld, in dem er sich ereignet hat, lösen indes in China großes Interesse aus. Aus dem Reich der Mitte kommen 28.000 junge Leute, die gegenwärtig in Deutschland studieren. 800 Frauen und Männer sind es allein an der Hochschule Anhalt mit den Standorten Köthen, Bernburg und Dessau. So erklärt sich, dass die größte englischsprachige Zeitung des Landes „China Daily“ (Auflage: mehr als 500.000 Exemplare) ausführlich über den Fall berichtet.

Auch chinesische Nachrichtenportale und Blogs widmen sich dem Thema. Ein Schwerpunkt der Berichte in China ist das Ersuchen Chinas an die deutsche Polizei, für die Sicherheit der ausländischen Studenten zu sorgen. Autoren verweisen unter anderem auf spezielle Fremdenfeindlichkeit in Kreisen der ostdeutschen Bevölkerung und nennen Vorkommnisse, darunter teils lange zurückliegende Überfälle auf Studenten aus China in Köthen.

Unter den chinesischen Studenten in Sachsen-Anhalt kursiert eine nach dem Mord an Yangjie Li aufgelegte Publikation zur Vorsorge. Darin gibt die Botschaft in Berlin detaillierte Hinweise. Ausdrücklich werden alle Studenten, vor allem aber Frauen, vor nächtlichem Ausgehen gewarnt. Das Joggen in Dämmerung und Dunkelheit gilt demnach generell als gefährlich. Damit nimmt der Regel-Katalog direkt Bezug auf die Umstände des Dessauer Verbrechens. Gegenüber der MZ äußerte sich die Botschaft bislang nicht.

Zeugen haben ausgesagt

Die junge Studentin verschwand während eines abendlichen Trainingslaufes durch Dessau. Mehrere Zeugen, die sie dabei gesehen haben, sollen sich gemeldet und ausgesagt haben. Ihre Angaben werden jetzt von der Polizei überprüft. Gesucht wird das Mobiltelefon von Yangjie Li, das nach Auskunft der Polizei seit Mittwoch vergangener Woche verschwunden ist. Es sendete um 21.40 Uhr sein letztes Signal.

Die Leiche wurde am Freitag gefunden. Ihre Obduktion in der Gerichtsmedizin ergab laut Staatsanwaltschaft Spuren, die auf sexuelle Misshandlung von Yangjie Li schließen lassen. Eine schwarze Laufhose, die das Opfer trug, nahm der Täter mit. Wer Hinweise auf so ein Kleidungsstück machen kann, soll sich bei der Polizei melden. (mz)