Studie zur Nitratbelastung

Studie zur Nitratbelastung: Trinkwasser in Dessau-Roßlau bleibt sicher

Dessau-Roßlau - Umweltbundesamt warnt vor Preissteigerung beim Trinkwasser wegen hoher Nitratwerte. In Dessau-Roßlau ist die Sorge unbegründet.

Von Thomas Steinberg 20.06.2017, 14:00

Torsten Ritter hatte pflichtschuldigst die Studie des Umweltbundesamtes (Uba) heruntergeladen. Schließlich ist er Chef des Dessauer Wasserversorgers Deswa, da muss ihn das Thema Nitrat im Trinkwasser interessieren.

Denn das Uba war zu dem Schluss gekommen: „Trinkwasser könnte in etlichen Regionen Deutschlands in Zukunft spürbar teurer werden.“ Trinkwasser und teurer - das sind Ansagen, die Leute wie Ritter schon von Berufs wegen fürchten müssen.

Seine Lektüre brach Ritter dennoch alsbald ab. Denn für Dessau-Roßlau ist die Studie „Quantifizierung der landwirtschaftlich verursachten Kosten zur Sicherung der Trinkwasserbereitstellung“ ohne Belang.

Im gesamten Stadtgebiet liegt der Nitratanteil im Trinkwasser weit unter dem Grenzwert. Dessau-Roßlau gehört mithin nicht zu den „etlichen Regionen“, in denen jetzt oder in Zukunft erhebliche Aufwendungen betrieben werden müssen, um Nitrat aus dem Trinkwasser zu entfernen.

Nitrat kann in großen Mengen zu Schäden am menschlichen Körper führen

Nitrate sind Stickstoffverbindungen, ohne die Leben unmöglich wäre. Stickstoff kommt in der Natur reichlich vor - die Luft besteht zu mehr als dreiviertel aus diesem -, doch kann das Gas direkt nicht von den meisten Pflanzen und Tieren genutzt werden. Um überhaupt Eiweiße aufbauen zu können, sind sie direkt oder indirekt auf Verbindungen wie Nitrate angewiesen.

Der Haken: Nitrat gilt ab einer gewissen Konzentration als problematisch für den menschlichen Körper. Im Körper wird es zu Nitrit abgebaut. Insbesondere bei Babys kann dies die Sauerstoffaufnahme des Blutes lebensgefährlich verringern. Zudem wird Nitrit verdächtigt, eventuell krebsauslösende Verbindungen einzugehen.

Deshalb gelten 50 Milligramm Nitrat je Liter im Trinkwasser als Grenzwert. In Dessau-Roßlau erreicht man den locker: Hier liegen die Werte zwischen einem (Rodleben) und knapp 18 Milligramm (Süd und westliche Stadtteile).

Als Hauptverursacher von Stickstoffeinträgen gilt mit 57 Prozent die Landwirtschaft. Insbesondere die übermäßige Gülle-Verbringung gilt als problematisch. Weil Deutschland hier über Jahre sich nicht an gültiges EU-Recht gehalten hat, wurde es von der EU-Kommission vor dem europäischen Gerichtshof verklagt. Schließlich wird an 28 Prozent der Messstellen in landwirtschaftlich stark genutzt Gebieten der Grenzwert überschritten.

Schwerpunktthema der Nitrat-Belastung liegt nicht in der Region Anhalt

Michael Schenk, Geschäftsführer des Bauernverbandes Anhalt, müssen solche Vorwürfe nicht anfechten. „Das ist für uns kein Schwerpunktthema.“ Er benennt einen der Gründe für vergleichbar sauberes Grundwasser in der Region: „Nach der Wende ist die Viehproduktion eingebrochen, weil Schlachthöfe und Molkereien schlossen.“ Wenige Tiere gleich weniger Gülle gleich weniger Nitrat.

Die vor wenigen Tagen veröffentlichte Uba-Studie untersucht dagegen andere Regionen, etwa Ostfriesland und Südoldenburg, wo die Fleischtöpfe der Republik stehen. Die dortigen Wasserwerke berappen jährlich 2,3 Millionen Euro für die Beratung von Landwirten und freiwillige Vereinbarungen mit diesen.

Geld, für das am Ende die Wassernutzer aufkommen müssen. Jan Ulland, Sprecher des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, sieht das kritisch: „Wir fordern, dass die Verursacher für die Kosten aufkommen müssen.“

Jörg Rechenberg, Leiter des Uba-Fachgebiets „Übergreifende Angelegenheiten Wasser und Boden“ will die Studie auch nicht als Plädoyer verstanden wissen, den Verbrauchern die Kosten überzuhelfen.

Sondern als Hinweis, dass, sollte sich die Grundwasserqualität in einigen Regionen nicht grundlegend verbessern, Nitrat technisch entfernt werden müsste - was dann tatsächlich die Kosten durch die Decke treiben würde. Und er rät, jeder könne mit geringerem Fleischkonsum und Kauf von Bioprodukten selbst einen Beitrag leisten.

Politik hat schon frühzeitig auf Nitratbelastung reagiert

Auf den Rüffel aus Brüssel hat inzwischen auch die Politik reagiert und striktere Düngeregeln erlassen, mit denen zum Beispiel die Zeitfenster eingeengt werden, in denen Gülle ausgebracht werden darf. Die Einhaltung der Regeln wird auch kontrolliert - 2014 geschah das übrigens in 4.100 von 280.000 Betrieben.

Ein wenig wirkt die Studie so, als solle sie zusätzlich Druck gegenüber der Politik aufbauen, sich intensiver um das Thema Nitrat zu kümmern. Dabei schränken die Studien-Autoren selbst ein: „Die Kosten […] beziehen sich daher auf bestimmte Kreise beziehungsweise kreisfreie Städte, in denen eine besondere Nitratbelastung vorliegt.“ Das klingt ein wenig anders als „etliche Regionen“ in der Pressemitteilung.

Denn tatsächlich gibt es - momentan - mit Trinkwasser kein größeres Problem. Eine „exzellente Qualität“ wurde ihm Anfang 2015 von Uba-Präsidentin Maria Krautzberger bescheinigt. Anlass zur Beruhigung ist das dennoch nicht. Die Überdüngung setzt erwiesener Maßen der Natur massiv zu. Aber aus dem Verlust von - oftmals unscheinbaren - Arten lässt sich schlecht eine finanzielle Drohkulisse zimmern. (mz)