Jahr der Schicksalsschläge

Storch in Dessau: Albert wurde erst verlassen, dann verjagt

Dessau/Loburg - Weißstorch aus Loburg hat 2016 das Pech gebucht und startet überpünktlich ins Winterquartier Afrika.

Von Silvia Bürkmann 17.08.2016, 07:56

Albert hat vorigen Donnerstag Deutschland verlassen. In Richtung Polen. Ist er frustriert? „Sein Jahr 2016 war ja auch wirklich turbulent“, sagt Michael Kaatz, Leiter von Storchenhof Loburg und Vogelschutzwarte Steckby. Und blickt zurück auf eine Serie von Schicksalsschlägen: So kam Albert diesmal viel zu spät zurück aus Afrika und fand bei seiner Heimkehr nach Loburg seine langjährige Partnerin Mina nicht mehr vor.

Mit dem Neuen davongezogen

Die Dame war pünktlich eingeflogen und hatte vergeblich auf ihren seit 2010 vertrauten Nist- und Brutpartner gewartet. Schließlich gab Mina dem Werben von Jürgen nach und zog mit dem Neuen rund 300 Meter weg vom Storchenhof.

Das neue Storchenpaar bekam zwei Junge. Verlor eines noch als Winzling. Als die Loburger Storchen- freunde dies mitbekamen, setzten sie Mina und Jürgen noch ein kleines Waisenküken ins Nest. Das kleine „Kuckuckskind“ wurde anerkannt und von Mina und Jürgen gemeinschaftlich aufgepäppelt, so dass unterm Strich der Bruterfolg gesichert war.

Unbekannte Nachmieter

Mit Minas Umzug stand der Haupthorst in Loburg zeitweilig leer. Das hoch aufgetürmte Nest fiel kurz darauf einem neuen Storchenpaar ins Auge. Die namenlosen Unbekannten nisteten sich ein und begannen zu brüten.

Und Storchenmann Albert? Sitzengelassen vom Weib, vertrieben vom Stammsitz, ließ er die Fetzen fliegen. Einen Angriff auf den Nesträuber hat Michael Kaatz im Foto dokumentiert und Alberts weitere Touren auf der Landkarte verfolgt.

Schließlich haben die Neulinge den Alten erfolgreich abgewehrt und die Jungtiere aufgezogen.

Bewegte Vergangenheit

Altstorch Albert hat eine bewegte Vita hinter sich. Im Mai 2007 erstmals gesichtet, eingefangen und beringt (Nummer H 4839) hatte er anfangs Jungstörchin Micki an seiner Seite und hieß auf Wunsch seiner Patin Paco. Ein Jahr später hatte Paco mit seiner neuen Partnerin Eva vier Junge zu versorgen – ein hartes Stück Arbeit!

Im Juni 2008 gelang es noch einmal, ihn mit Futter in die Falle zu locken und einzufangen. Er bekam den von Lotto Sachsen-Anhalt gesponserten Sender und den Adelstitel – zumindest einen adligen Namen „Albert von Lotto.“

So ausgestattet, fliegt er seither im Herbst die Langstrecke in Richtung Afrika, im Frühling zurück und liefert aktuelle Daten per GPS-Sender über seinen Aufenthalt. Ein moderner Datenlogger mit SIM-Karte setzt jetzt zweimal täglich eine SMS ab mit den aktuell erreichten Koordinaten.

„Verpeilte“ Rückkehr 2016

2016 aber hat Albert die Rückkehr total „verpeilt“. Startete im Februar aus Südost-Afrika nicht etwa nach Norden, sondern nach Süden. „Es gab da eine lange Trockenheit und zu wenig Futter“, mutmaßt Michael Kaatz. Also ist Albert noch ganz weit nach Simbabwe und Südafrika geflogen, um Kräfte zu tanken.

Ende März erst überflog er den Äquator und steuerte im April Ägypten und die Sinai-Halbinsel an. In Israel und in der Türkei freilich gönnte sich der Bummelant noch einmal eine Verschnaufpause von einer Woche und pirschte sich im Mai durch Europa.

Am 26. Mai 2016 erst passierte Albert von Lotto die Neiße und damit die Grenze zu Deutschland. Da war alles zu spät. Kein Chance mehr auf Mina und Nachwuchs 2016.

Nächstes Jahr wird spannend

Nach dem nun überpünktlichen Start vorigen Donnerstag zurück ins Winterquartier hat es der Storch vom Loburger Storchenhof nicht mehr besonders eilig mit dem Vogelzug. Ist gemütlich durch Niederschlesien getrödelt und um Breslau gekreist.

Montagmittag 12.30 Uhr hat er seine Markierung südlich von Opole gesetzt. Könnte seinen Schlafplatz nah bei Katowice in Süden von Oberschlesien gefunden haben. Der erfahrene Albert teilt seine Kräfte für den Langstreckenflug auf der Ostroute nach Afrika wohl klug ein.

Und im nächsten Jahr? „2017 ist alles wieder möglich und es wird sehr spannend“, lacht Kaatz. Kommen Mina und Albert pünktlich zurück, kann sich das entzweite Paar durchaus wieder zusammenraufen.

Auch um den Nistplatz könnte ein Kampf entbrennen. Denn auch hier gilt die Weisheit: „Wer zu spät kommt...“ (mz)