Stolpersteine in Dessau

Stolpersteine in Dessau: Tochter und Enkel von Ida Wunderlich sagen Dank

Dessau - Seit Donnerstag erinnert der inzwischen 95. Stolperstein dauerhaft an ein Opfer des NS-Regimes in der Stadt. In den Vorjahren hatte er sie gleich im Gros in die Fußwege eingelassen; diesmal kommt der Bildhauer Gunter Demnig wegen eines einzigen Steines aus Köln nach Dessau. „Weil es ein besonderer ist“, so Günter Donath von der Werkstatt Gedenkkultur im Kulturellen Informations- und Einwohnerzentrum ...

Von silvia Bürkmann

Seit Donnerstag erinnert der inzwischen 95. Stolperstein dauerhaft an ein Opfer des NS-Regimes in der Stadt. In den Vorjahren hatte er sie gleich im Gros in die Fußwege eingelassen; diesmal kommt der Bildhauer Gunter Demnig wegen eines einzigen Steines aus Köln nach Dessau. „Weil es ein besonderer ist“, so Günter Donath von der Werkstatt Gedenkkultur im Kulturellen Informations- und Einwohnerzentrum (Kiez).

Was macht die polierte Messingplatte so besonders? Sie erinnert an Ida Wunderlich auf Initiative ihrer Nachfahren. Und wird im Beisein ihrer heute 85-jährigen Tochter Magda Regler feierlich der Öffentlichkeit übergeben. 1908 in Dessau geboren, war das Mädchen Ida als ältestes Kind von Marie und Gustav Wunderlich mit vier Geschwistern in der Friedhofstraße 63 aufgewachsen. Als Jugendliche hatte sie sich der kommunistischen Jugendbewegung, später der KPD angeschlossen und sich als junge Frau in einen Mann verliebt.

Seit über zehn Jahren setzt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig Stolpersteine zur Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten, Sinti und Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und von

„Euthanasie“-Opfern in der Zeit des Nationalsozialismus. Was 1995 in Köln begann, ist inzwischen in vielen Städten zu finden. Auch im Stadtbild von Dessau-Roßlau erinnern seit 2008 „Stolpersteine“ an die Opfer des Nationalsozialismus; seit gestern 95.

Der aber ließ sie und das gemeinsame Kind sitzen. Tochter Marga kam 1930 in einer schweren Geburt zur Welt. Gleich danach zeigten sich bei Ida Wunderlich Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Heute werden Wochenbettdepressionen medikamentös behandelt, 1930 zogen sie für die unglückliche Mutter stationäre Behandlungen im anhaltischen Landeskrankenhaus Bernburg nach sich.

Auch die zwischenzeitliche Heimkehr zu den Eltern brachte keine Besserung, Idas Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter. Am 6. Juli 1940 wurde sie aus dem Bernburger Krankenhaus in die für unheilbare Fälle zuständige anhaltische Landessiechenanstalt Hoym überführt.

Jetzt geriet sie in die Fänge des im Herbst 1939 begonnenen „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten, zu dessen Umsetzung sechs Gasmordanstalten im Deutschen Reich eingerichtet wurden. In der Gaskammer Bernburg wurde Ida Wunderlich am 21. April 1941 mit Kohlenmonoxid ermordet.

Das kurze Leben der jungen Frau haben Schüler des Philanthropinums und Jugendliche des Bildungszentrums Dessau in einem außerschulischen Projekt des Alternativen Jugendzentrums erforscht und gestalten eine musikalisch-szenische Lesung am neuverlegten Stolperstein. Idas Tochter Marga hat Tränen in den Augen, Enkel Uwe Regler umfasst den Rollstuhl seiner Mutter und dankt der Werkstatt Gedenkkultur, dem Kiez, AJZ und den jungen Leuten bewegt. „Was ihr hier für uns getan habt, ist einfach großartig.“ (mz)