Stolpern über Schicksale

Dessau/MZ. - Seit Montag erinnern an ihrem letzten Wohnsitz, August-Bebel-Platz 24 (früher Askanischer Platz), vier "Stolpersteine" mit den Namen Gustav, Hanna, Fritz-Werner und Karl-Günter Hoch an ihr Schicksal und an die Verbrechen des deutschen Faschismus. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der dieses Projekt vor 14 Jahren entworfen hat, fügte die Steine vor rund 80 Einwohnern in das Pflaster des Fußweges ein. Unter den Teilnehmern waren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Dessau ebenso wie Stadträte, der Leiter des Polizeireviers, Vertreter der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft und des Vereins Kiez e.V., der in der Stadt als Träger des Projekts ...

Von Claus Blumstengel

Seit Montag erinnern an ihrem letzten Wohnsitz, August-Bebel-Platz 24 (früher Askanischer Platz), vier "Stolpersteine" mit den Namen Gustav, Hanna, Fritz-Werner und Karl-Günter Hoch an ihr Schicksal und an die Verbrechen des deutschen Faschismus. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der dieses Projekt vor 14 Jahren entworfen hat, fügte die Steine vor rund 80 Einwohnern in das Pflaster des Fußweges ein. Unter den Teilnehmern waren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Dessau ebenso wie Stadträte, der Leiter des Polizeireviers, Vertreter der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft und des Vereins Kiez e.V., der in der Stadt als Träger des Projekts auftritt.

Mit dem Stück "Esquisses Hebräiques" von Alexander Krein stimmte Klarinettist Reinhard Gutte von der Anhaltischen Philharmonie auf die Gedenk-Veranstaltung ein. Anschließend erhielten sieben weitere Opfer des Nationalsozialismus auf dem Schloßplatz, in der Kurzen Gasse, in der Wolfframsdorffstraße und der Hauptstraße in Roßlau Stolpersteine.

Dessau-Roßlau ist die 337. Stadt in Deutschland und die siebente in Sachsen-Anhalt, die auf diese Weise an dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte erinnert. Das Projekt wird aus Mitteln des Lokalen Aktionsplanes Dessau-Roßlau innerhalb des Bundesprogramms "Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" gefördert. Die Steine selbst sind aus Spenden finanziert.

"Die Stolpersteine sind mehr als ein kollektives Gedenken zu festgelegten Terminen. Sie kommen jedem ganz nah", hieß es in der Rede von Pfarrer i.R. Günter Donath

von der Dessau-Roßlauer Arbeitsgruppe Gedenkkultur. Die Steine würden an Menschen "aus unserer Nachbarschaft" erinnern, "deren Leben auf verbrecherische Weise ausgelöscht wurde", an Vertriebene, politisch Verfolgte, an Juden, Sinti und Roma, an Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Behinderte, die von den Nazis als "lebensunwert" bezeichnet und umgebracht wurden, führte Donath aus und wies darauf hin, dass die meisten dieser Opfer kein Grab haben. "Wahrheitsgemäßes Erinnern bewahrt vor Missbrauch und Verleugnung, wie sie uns heute begegnen", mahnte der Pfarrer.

Kulturamtsleiter Gerhard Lambrecht erinnerte an den Beschluss des Stadtrates vom November vorigen Jahres, die Gedenkkultur in Dessau-Roßlau zu fördern. Auch in der Mendelssohn-Gesellschaft, der AG Heimatgeschichte Roßlau, der evangelischen und jüdischen Gemeinde sowie im Fachgymnasium des Berufsschulzentrums habe das Projekt eine breite Unterstützung gefunden, stellte Stadtrat Stefan Giese-Rehm (Bürgerliste / Grüne) fest. Recherchen hätten ergeben, dass in der Doppelstadt noch etwa 25 Stolpersteine verlegt werden könnten. Hierfür benötige der Projektträger Kiez e.V. noch Spenden.

"Unsere Aufgabe ist es, auf die Steine zu schauen, zu stolpern und uns daran zu erinnern, was passiert ist", äußerte Landesrabbiner Moshe Flomenman. Die Stolpersteine allein würden jedoch nicht alle Probleme lösen, gab er zu bedenken und erinnerte daran, dass diese in Halle bereits in der ersten Nacht herausgerissen worden waren.

Eigens zur Verlegung der Stolpersteine war Dorothee Wallner zum August-Bebel-Platz gekommen. Die Hamburger Malerin bereitet zurzeit ihre Ausstellung vor, die am 26. Mai im Palais Dietrich eröffnet wird. "Bei uns in Hamburg haben wir ganze Straßenzüge mit solchen Stolpersteinen", wies sie auf die zahlreichen Nazi-Opfer hin.

"Das ist richtig und nötig und ich bin froh, dass man hier jetzt auch damit beginnt", kommentierte die Dessauerin Gudrun Biener die Verlegung der Stolpersteine. Man müsse sich unbedingt mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit beschäftigen; denn in vielen Kommunalvertretungen würden heute Rechtsextreme sitzen. "Wir haben ja auch einen DVU-Mann im Stadtrat", merkte Gudrun Biener an.

Spenden für die "Stolpersteine" an Kiez, Konto-Nr. 55 50 bei der Volksbank Dessau-Anhalt, BLZ 800 935 74, Verwendungszweck "Stolpersteine" sowie Anschrift des Spenders.