Gutachter sagt, Vater ist voll schuldfähig

Prozess um Baby-Misshandlung in Dessau: Gutachter sagt, Vater ist voll Schuldfähig

Dessau - Psychiater sagt im Prozess um Tod eines Babys aus. Einen Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum des Vaters und der Tat schließt er aus.

Von Thomas Steinberg

Als sein sieben Wochen alter Sohn starb, war Mario R. weder im besonderen Maße alkoholisiert noch stand er unter Drogen. Zu diesem Schluss kommt ein Gerichtspsychiater, der den Angeklagten aus Dessau untersucht hat. Ihm wird vorgeworfen, vor vier Jahren den Jungen so geschüttelt zu haben, dass der an den dadurch beigefügten Verletzungen starb. Das Urteil soll am 19. März gefällt werden.

Felix Schneider, Psychiater am Krankenhaus in Uchtspringe, hatte R. zwei Mal sprechen und untersuchen können. Sein Befund ist eindeutig: R. ist - trotz massiven Bierkonsums - weder alkohol- noch drogenabhängig, auch eine psychische Störung sei bei ihm nicht zu diagnostizieren.

R. trinkt nach eigenen Angaben sehr viel. Waren es früher bis zu zwanzig Bier täglich, sind es nach der Geburt seines ersten Kindes noch vier bis sechs Flaschen. Mangels genauerer Angaben hatte Schneider eine besonders kritische Konstellation angenommen, nach der R. vier Flaschen Bier am späten Vorabend der Tat hinterkippt. Ergebnis: Am nächsten Tag zirkuliert kaum noch Alkohol im Blut. „Zum möglichen Tatzeitpunkt könnte er als noch fahrtüchtig gegolten haben.“ Irgendeine Einschränkung der Schuldfähigkeit durch Alkohol schloss Schneider damit aus - und damit indirekt die Unterbringung im Entzug.

Seine Frau habe der Angeklagte als dominant beschrieben

Schneider zählt zu den Psychiatern, die sich zurückhalten bei der Interpretation von Geschehnissen und Verhaltensweisen und sich vor allem auf Fakten beschränken. Etwa diese: R. war eines von zwölf Kindern, kam mit zwei ins Heim und mit zwölf Jahren zurück zu den überforderten Eltern. Die Schule verließ R. in der siebten Klasse, einen Beruf lernte er nie und jobbte nur gelegentlich. „Für ihn ist das Familienleben sein Ein und Alles.“

Seine Frau habe R. als dominant beschrieben, was sich mit den Einschätzungen außenstehender Zeugen decke, dass vorwiegend R. den Haushalt schmeiße und sich um die beiden Kinder kümmere. R. sei ein ängstlicher und gehemmter Mensch, ob indes seine Tränen echt seien oder „nur Drama“ vermöge er, Schneider, nicht zu beurteilen.

Zwei von ihm erwähnte Szenarien wollte er nur als Möglichkeiten verstanden wissen, nicht als wissenschaftlich fundierte Ansichten. Es sei denkbar, dass R. mit der gesamten Situation überfordert gewesen sei und dann das weinende Kind geschüttelt habe. Aber: „In diesen Fällen sind Männer nach meiner Erfahrung häufig geständig.“ Nicht für völlig ausgeschlossen hält er ebenfalls, dass R. seine Frau schützen wolle und deshalb die Schuld auf sich nehme. „Er hat jetzt zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Familie.“

Ein neues Detail vom Todestag des Babys

Er betrachte sich jedoch nicht als Ermittler, betonte Schneider. Um den Tathergang zu beurteilen, fehlte ihm nicht zuletzt Kenntnis über jene vier Stunden, die zwischen dem von den Rechtsmedizinern als wahrscheinlichsten Todeszeitpunkt und der Alarmierung des Rettungsdienstes gelegen haben.

R. hatte in den Gesprächen mit Schneider im Kern das berichtet, was er schon immer erzählt hatte: Er habe den Jungen versorgt, sich dann gegen acht Uhr mit ihm hingelegt und sei gegen Mittag vom älteren Bruder Noels geweckt worden - Noel habe da leblos neben ihm gelegen. Warum, wisse er nicht. Lediglich ein Detail war neu: Vor dem Hinlegen habe er den Jungen ein paar Mal vorsichtig hochgeworfen und wieder aufgefangen. Wie genau, könne er nicht mehr sagen. (mz)

Vor vier Jahren starb ein sieben Wochen alter Säugling an schweren Schädelverletzungen. Der 39-jährige Vater aus Dessau ist angeklagt, das Baby so schwer verletzt zu haben, dass es wenig später starb. Bei seiner Vernehmung hatte der Mann das bestritten.

Wie das Baby zu seinen tödlichen Verletzungen kam, könne er sich nicht erklären. Laut Rechtsmedizin erlitt es einen Hirnschaden, der durch Schütteln hervorgerufen wurde. Zudem gab es ältere Blessuren wie Schädelbruch und Rippenbrüche.