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Woher kam das Feuerzeug? Oury Jalloh: Der Fall bleibt endgültig voller Rätsel und offener Fragen - Woher kam das Feuerzeug?

Von Jan Schumann und Alexander Schierholz 30.11.2018, 05:00

Berlin - Als Oury Jalloh in Zelle 5 des Dessauer Polizeireviers verbrennt, ist er an Händen und Füßen fixiert. Kurz zuvor ist der Mann aus Sierra Leone von Polizisten festgenommen worden - der 36-Jährige soll zwei Frauen belästigt haben. In der Zelle stirbt er in den Flammen.

Wie das Feuer an diesem Januartag im Jahr 2005 ausbrechen konnte, ist bis heute ungeklärt. Über Jahre gehen Behörden davon aus, dass Jalloh es selbst legte. Auch in dem aktuellen, endgültigen Befund schreibt Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad: „Im Ergebnis der Prüfung haben sich keine beweisbaren Anhaltspunkte ergeben, die eine Entzündung der Matratze durch Ouri Jallow (Schreibweise der Behörde, d.R.) ausschließen können und eine Entzündung durch Polizeibeamte oder durch Dritte belegen.“

Fall Oury Jalloh: Brandstiftung trotz Fessel?

Laut Konrad lässt sich nicht beweisen, dass jemand den Asylbewerber anzündete. War es Jalloh selbst, wie die Generalstaatsanwaltschaft schreibt? Obwohl seine Hände gefesselt waren? Obwohl er zuvor durchsucht wurde? Obwohl er fast drei Promille Alkohol im Blut hatte? Und obwohl die Matratze feuerfest war?

Bis heute ist der Fall voller ungeklärter Fragen. Unklar ist vor allem die Rolle des wichtigsten Beweismittels: des Feuerzeugs, mit dem Oury Jalloh laut früheren Angaben von Polizisten den Brand gelegt haben soll. Für die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ steht seit Jahren fest: Dieses Beweisstück kann nicht aus der Polizeizelle stammen, Jalloh kann den Brand also nicht selbst gelegt haben.

Zwar finden sich unter den Asservaten das Beweisstück „Feuerzeugrest“ – ein verschmolzener Plastikklumpen mit Metallrad. Doch die Initiative beklagt, dass das Polizeivideo der Zellendurchsuchung an der Stelle abbricht, an der Beamte das Feuerzeug bergen. Die Staatsanwaltschaft war in früheren Prozessen immer davon ausgegangen, das Beweisstück habe sich zwischen Leiche und Matratze befunden.

Brandgutachten: Feuerzeug „nur theoretisch“ zum Entfachen des Brandes genutzt

Doch neuere Brandgutachten brachten diese Version ins Wanken: Der Schweizer Brandsachverständige Kurt Zollinger stellte fest, dieser Auffinde-Ort sei äußert unwahrscheinlich, das Plastik wäre an dieser Stelle aufgrund der starken Hitze vollständig geschmolzen. Laut einem Vermerk des langjährigen Chefermittlers Folker Bittmann aus dem Jahr 2017 ging Zollinger noch weiter: Er habe auf Nachfrage dargelegt, dass „vieles dafür spreche, dass das asservierte Feuerzeug nicht am Brand beteiligt war“. Gelangte es nachträglich an den Brandort?

Brandgutachter Zollinger sagt laut Bittmanns internem Vermerk aber auch, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Feuerzeug an einer anderen Stelle des Raumes lag, wo es nur teilweise schmolz. Auf den Punkt gebracht: Das vom Landeskriminalamt eingetütete Feuerzeug könne „nur theoretisch“ zum Entfachen des Brandes genutzt worden sein. Das weckt auch bei Abgeordneten Zweifel an der Arbeit des LKA.

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh kritisierte jahrelang, dass das zentrale Beweisstück erst am dritten Tag der Ermittlungen dokumentiert wurde - nachträglich eingetütet, um einen Mord zu vertuschen? Generalstaatsanwalt Konrad widersprach der These 2017 im Rechtsausschuss des Landtags. Seine Erklärung: Nach dem Feuer hätte die Tatortgruppe den Brandschutt zügig in Tüten versiegelt, um chemische Gas-Untersuchungen möglich zu machen. In einer der Tüten sei das Feuerzeug dann am dritten Tag gefunden worden – und einzeln dokumentiert und gelagert worden.

Fragen bleiben offen: Fremde Textilspuren, Video der Polizei bricht ab, DNA fehlt

Bis heute ist zudem unstimmig: Befragte Gutachter halten es übereinstimmend für wahrscheinlich, dass das Feuer in Zelle 5 mit Hilfe von Brandbeschleuniger zustande kam - so steht es im Bericht Bittmanns. Ist die These der Selbstentzündung zu halten? Auch weitere Fragen bleiben rätselhaft.

Wieso wurde erst bei der zweiten Obduktion entdeckt, dass Jalloh eine gebrochene Nase hatte? Wieso wurde eine Handfessel vom Hausmeister entsorgt? Warum fand sich nicht Jallohs DNA am Feuerzeug - fremde Textilspuren aber schon? Und wieso bricht das Polizeivideo ab? Es bleiben viele offene Fragen. (mz)