Kundgebung

Oury-Jalloh-Demo in Dessau: AfD-Chef André Poggenburg provoziert mit Fernsehinterview

Dessau-Roßlau - Zwölf Jahre nach dem Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle hat es in der Stadt eine der größten Gedenkdemos gegeben: Am Sonnabend zogen nach Angaben der Polizei etwa 1.100 Menschen aus ganz Deutschland durch die Innenstadt und erinnerten an Jalloh, aber auch an Alberto Adriano, der im Juni 2000 von Rechtsextremen im Stadtpark erschlagen wurde, an Mario Bichtemann, der im November 2002 in der selben Dessauer Polizeizelle wie Oury Jalloh starb, und auch an Yangjie Li, die im Mai 2016 in Dessau vergewaltigt und ermordet wurde. Der Aufzug blieb friedlich. Gegen 18.50 Uhr wurde die Demonstration offiziell für beendet ...

Von Steffen Brachert

Zwölf Jahre nach dem Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle hat es in der Stadt eine der größten Gedenkdemos gegeben: Am Sonnabend zogen nach Angaben der Polizei etwa 1.100 Menschen aus ganz Deutschland durch die Innenstadt und erinnerten an Jalloh, aber auch an Alberto Adriano, der im Juni 2000 von Rechtsextremen im Stadtpark erschlagen wurde, an Mario Bichtemann, der im November 2002 in der selben Dessauer Polizeizelle wie Oury Jalloh starb, und auch an Yangjie Li, die im Mai 2016 in Dessau vergewaltigt und ermordet wurde. Der Aufzug blieb friedlich. Gegen 18.50 Uhr wurde die Demonstration offiziell für beendet erklärt.

AfD-Chef André Poggenburg provoziert am Rande der Oury-Jalloh-Demo mit Fernsehinterview

Am Ende gab es nur kleinere Zwischenfälle. Darunter war eine Rangelei in der Nähe des Anhaltischen Theaters. Dort wollte Sachsen-Anhalts AfD-Vorsitzender André Poggenberg gegen 15 Uhr ein Fernsehinterview geben, als die Demonstranten gerade aus der Fritz-Hesse-Straße zum Friedensplatz abbogen. Die Provokation gelang. Die Polizei verhinderte aber eine direkte Auseinandersetzung.

„Verbal und sogar tätlich extreme linke Gewalt in Dessau. Großes Gewaltpotenzial gegen AfD-Abgeordnete und Polizei“, twitterte Poggenburg wenig später und wollte gegen 17.30 Uhr noch einmal den Kontakt zur Demo suchen. Die Polizei riet ihm nach den Erfahrungen des erstens Versuchs aber eindringlich davon ab.

Die Polizei selbst sprach von einem größtenteils ruhigen Verlauf der Demonstration und bat nur einmal per Twitter darum, das Werfen von Schneebällen zu unterlassen. Trotzdem wurde zwei Ermittlungsverfahren eingeleitet: Zwischen Stadtpark und Marktplatz hatten einige Demo-Teilnehmer Bengalos angezündet. Die Polizei prüft nun den Verdacht der gefährlichen Körperverletzung. „Die Pyrotechnik“, begründete ein Polizeisprecher diesen Schritt, „kann bis zu 1.000 Grad heiß werden.“ Verletzte gab es aber nicht. Dazu gab es eine Sachbeschädigung: Auf das Landgericht flogen mehrere Farbbeutel.

Die wichtigsten Stationen der Demo waren der Sitz der Staatsanwaltschaft in der Ruststraße und der Sitz des Dessauer Landgerichts in der Willy-Lohmann-Straße. „Oury Jalloh - das war Mord“ hallte es immer wieder lautstark durch die Dessauer Straßen.

Fall „Oury Jalloh“: Feuerzeug das entscheidenste Beweismittel

In der Ruststraße konnten drei Vertreter der Initiative „Oury Jalloh“ in Absprache mit der Polizei ein eigenes Brandgutachten in den Briefkasten der mit Gittern gesicherten Staatsanwaltschaft werfen. Dazu wurde noch eine Tüte mit Feuerzeugen ausgekippt.

Ein Feuerzeug ist das entscheidende Beweisstück im Fall Oury Jalloh: Hat sich der Asylbewerber aus Sierra Leone am 7. Januar 2005 in einer Zelle des Polizeireviers in der Wolfgangstraße selbst angezündet - oder nicht?

Die Staatsanwaltschaft Dessau hat dazu im August ein neues Brandgutachten in Auftrag gegeben, das der Schweizer Brandsachverständige Kurt Zollinger durchgeführt hat. Die Ergebnisse sollten längst vorliegen. Im Dezember hatte die Staatsanwaltschaft Dessau angekündigt, dass das Gutachten nach einer Erkrankung des Sachverständigen nicht vor dem 7. Januar vorliegen kann. Ein genauer Termin wurde bislang nicht genannt.

Das verstärkt die Zweifel bei den Unterstützern von Oury Jalloh. Der Staatsanwaltschaft warfen sie am Sonnabend „den Versuch der Verwirrung und Vertuschung vor“. Man forderte die unverzügliche Herausgabe der Versuchsergebnisse - auch wenn man an diese schon jetzt nicht glaubt.

Ihre Vorwürfe stützt die Initiative „Oury Jalloh“ auf ein neues Gutachten des Londoner Sachverständigen Iain Peck, der 2015 schon ein eigenes Brandgutachten im Fall Oury Jalloh erstellt hat - und damals zu dem Schluss kam, dass Jalloh angezündet wurde. Der Feuerzeugrest, der erst drei Tage später in den Asservaten aufgetaucht sei, habe ausschließlich tatortfremde Fasern und DNA-Spuren aufgewiesen. Es könne nicht im Brandschutt von Zelle 5 gelegen haben.

Peck hat sich nun von London aus mit dem neuen Brandversuch aus dem August 2016 auseinander gesetzt - und zweifelt in seinem Papier offen die Methodik Zollingers an. Man hätte für den Test in Dippoldiswalde möglichst gleiche Bedingungen wie 2005 in der Polizeizelle 5 in Dessau herstellen und die Anzahl der Variablen, die das Feuer beeinflussen können, auf ein Minimum reduzieren müssen. „Es war jedoch das Gegenteil der Fall.“ Angesichts der großen Anzahl der veränderten Variablen seien die Ergebnisse unbrauchbar. Die Initiativen „Oury Jalloh“ sprach am Freitag von einem „nachhaltig kompromittierenden Versuchsaufbau“, von einer „Feuershow“. Es ist abzusehen, dass das neue Gutachten, wann immer es vorvorlegt wird, der Initiative und der Stadt keinen Frieden bringt. (mz)