Neue Herausforderung Corona

Neue Herausforderung Corona: Rosemarie Bahn ist seit 20 Jahren Seelsorgerin am Städtischen Klinikum in Dessau

Dessau - Wie sie auf ihre Arbeit mit Hilfesuchenden blickt und wie Corona diese verändert hat.

Von Thomas Steinberg

Rosemarie Bahn hat sich eine neue Begrüßungsgeste angewöhnt. Wenn sie das Krankenzimmer betritt, sagt sie „Hallo, ich gehöre zum Team und dies“, in diesem Moment lüpft sie kurz ihre Maske, „ist mein Gesicht.“

Seit 20 Jahren arbeitet die examinierte Krankenschwester im Städtischen Klinikum als Seelsorgerin. Für sie ist es Alltag, mit Menschen zu sprechen, die sich sorgen, sich ängstigen, seien es Patienten oder deren Angehörige. Sie übernimmt eine Rolle, die nach ihrer Überzeugung Ärztinnen und Ärzte nur bedingt verkörpern können: „Der Überbringer der schlechten Nachricht kann nicht der Tröster sein.“

Wer dieser Tage ins Klinikum kommt, wird gleich am Eingang von einem Schild empfangen: „Besuchsverbot“

Wer dieser Tage ins Klinikum kommt, wird gleich am Eingang von einem Schild empfangen: „Besuchsverbot“ ist darauf zu lesen. Und in der Tat sind die Möglichkeiten bei Angehörigen oder Freunden vorbeizuschauen seit Beginn der Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Aber, so betont Bahn, es gibt Ausnahmen: Man habe vom ersten Tag an Wert darauf gelegt, dass unheilbar kranke Menschen besucht werden können. Bahn weiß, dass dieses Versprechen nicht immer eingehalten wurde, was ihr leid tue.

Wer als Journalist bei Rosemarie Bahn um ein Gespräch bittet, muss ein wenig auf die Wortwahl achten. Die zwanghafte Kopplung von Sterben und dramatischer Lage lehnt sie nicht zuletzt nach jahrelanger Erfahrung als Klinikseelsorgerin ab. Sie blickt bei ihrer Arbeit weniger auf Kranke, als auf „Menschen in einer besonderen Situation“, denen sie zu helfen versucht, mit dieser umzugehen, diese anzunehmen. Bahn spricht von „Heilwerden“.

Manchmal wird sie zur Brückenbauerin zwischen den Patienten und den Angehörigen

Diese Situation ist gerade in einem Krankenhaus nicht frei von Konflikten: Einerseits befinden sich Patienten in einer Position, in der sie sich unterordnen müssen, was sich schon in der Wortherkunft versteckt: Das lateinische „patiens“ heißt nichts anderes als „erduldend, ertragend, fähig zu erdulden“.
Andererseits steht für Bahn die Selbstbestimmtheit des Kranken außer Frage.

Die kann sich auch gegenüber nahen Angehörigen ausdrücken: Wenn ein Mann beispielsweise darauf besteht, seiner Ehefrau nichts von der Krebsdiagnose zu sagen. Der Wunsch ist verbindlich, Rosemarie Bahn würde sich auch niemals anmaßen, diesen zu werten. Manchmal wird sie in solchen Situationen zur Brückenbauerin zwischen den Patienten und den Angehörigen.

Bahn ließ sich zur Klinikseelsorgerin ausbilden, später machte sie noch das 1. Staatsexamen in Theologie

Krankenhausseelsorgerin wurde sie in dem Moment, als sie das Klinikum nach Jahren als Krankenschwester (und einem Zwischenspiel als Gemeindeschwester für Kleutsch und Sollnitz) verlassen wollte. „Das war ein Stück Burnout.“ Zufällig ging damals, im Jahr 2000, die vorherige Klinikseelsorgerin in Rente. „Da habe ich ganz blauäugig gesagt, das mache ich.“ Bahn ließ sich zur Klinikseelsorgerin ausbilden, später machte sie noch das 1. Staatsexamen in Theologie. Vom Klinikum spricht sie als einer „Gemeinde vor Ort“.

Wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen will, müsse nicht an den einen Gott glauben. Sie spreche die jedem Menschen gegebene Spiritualität an, eine starke Kraftquelle.

Wer ihrer Hilfe eventuell bedarf, erfährt sie auch von den Stationen. Patienten müssen sich dafür nicht zwangsläufig in einem medizinisch kritischen Zustand befinden, die Not kann zum Beispiel ebenso daher rühren, dass kurz vor der Einlieferung ins Krankenhaus der Ehemann gestorben ist.

„Wir haben inzwischen auf fast allen Abteilungen Mitarbeiter mit palliativer Ausbildung“

Die Medizin hat in den vergangen Jahrzehnten einen Wandel durchlaufen, der wichtig ist für die Arbeit von Klinikseelsorgern und Patienten selbst. Sie hat sich teilweise von der Überzeugung verabschiedet, alles machen zu müssen, was möglich ist, um noch eine kurze Spanne Lebenszeit herauszuschinden, selbst wenn dabei der letzte Rest Lebensqualität verloren geht. Der Tod wurde eher als Panne gesehen denn als unabwendbarer Teil des Lebens.

„Wir haben inzwischen auf fast allen Abteilungen Mitarbeiter mit palliativer Ausbildung“, die einschätzen können, wann Schmerzlinderung das Mittel der Wahl sein könnte. Und wann ein Stein zum „Festhalten im Strom des Lebens“ hilfreicher sein könnte als eine weitere Therapie.

Corona, oder genauer Covid-19, hat auch die Arbeit von Rosemarie Bahn verändert. Sie muss, bevor sie eine Station betritt, eine Schutzausrüstung anlegen und ahnt, wie anstrengend das ist, wenn man wie sie darin nicht nur sitzend zuhört und redet, sondern körperlich arbeiten muss. Und Corona hat sie etwas gelehrt, nämlich Routinen in ihrer Arbeit zu hinterfragen. „Es gibt wichtigere Dinge, nämlich Gelassenheit und Demut.“ (mz)