Großkühnauer Kirche

Kirche Großkühnau: Spezialfirma rettet Glocke vor dem Absturz

Großkühnau - Vor etwa tausend Jahren wurde die Glocke in Großkühnauer Kirche gegossen. Jetzt drohte ein Absturz.

Von Lisa Garn

Der Abschiedsgruß ist in ganz Großkühnau zu hören: Punkt 12.40 Uhr läutet im Kirchturm die große der kleinen Glocke hinterher.

Mehrere Etagen geht es für sie dann nach unten. Über eine Art Flaschenzug schwenken die Glockentechniker das etwa 100 Kilo schwere Geläut von Etage zu Etage. Es ist eine wertvolle Fracht, die da zur Reparatur abtransportiert werden muss.

Die Bronzeglocke ist eine der ältesten noch genutzten Glocken in Anhalt und Deutschland. Um 1050 wurde sie gegossen, fast tausend Jahre hing sie in Großkühnau neben der größeren.

Die Glocke muss von einer Spezialfirma repariert werden

„Aber nach all den Jahrhunderten muss sie nun dringend repariert werden“, sagt der evangelische Pfarrer Stephan Grötzsch. Zwei Bügel der Aufhängung sind herausgebrochen. „Es besteht die Gefahr, dass die Glocke abstürzt, kaputt geht und vielleicht noch größeren Schaden anrichtet.“

Das erklärt der Pfarrer geduldig diversen Medienvertretern und auch den Einwohnern, die sich vor der Evangelischen Kirche versammelt haben. Im September waren die Schäden festgestellt worden, die kleinere der beiden Glocken wurde sofort stillgelegt.

Am Dienstag hat sie eine Glockentechniker-Firma aus Berlin abgehängt und im Turm an einem Stahlseil heruntergelassen. Am Ende des Treppenhauses blieben nicht einmal fünf Zentimeter Platz, um die Glocke um die Ecke zu transportieren.

Gebracht wird sie nach Nördlingen in Bayern. Dort repariert die Glockenschweißerei Lachenmeyer seit den 1920er Jahren Kirchenglocken. Sie ist weltweit das einzige darauf spezialisierte Unternehmen.

Dort sollen an die Großkühnauer Glocke wieder Aufhängungen geschweißt werden. Etwa 5.000 Euro soll die Reparatur kosten, einschließlich eines neuen Klöppels nach historischem Vorbild. In den ersten Monaten kommenden Jahres, voraussichtlich im Februar, soll das Geläut wieder zurückkehren.

Eine der ältesten Glocken in Sachsen-Anhalt, die noch in Benutzung ist

„Ich würde am liebsten mitfahren“, sagt Pfarrer Grötzsch. Denn ein bisschen stolz ist er schon auf diese Glocke in der Kirche. Er nennt sie die kleine Schwester der großen Glocke, deren Guss ebenfalls um 1050 herum datiert wird.

„Sie sind mit die ältesten, vielleicht sogar die ältesten in Anhalt, die noch in Nutzung sind. Das finde ich schon besonders und wertvoll. Wer hat sowas schon?“ Rund 900 Mitglieder haben Grötzschs Gemeinden Großkühnau und Ziebigk derzeit.

Die Kirche wird seit 2014 auch als Polizeikirche genutzt. Sie war die erste in Deutschland, die diese Zusatzfunktion hat. „Nach schwierigen Einsätzen finden die Beamten hier einen Ort für Besinnung und Gespräche“, erklärt der Pfarrer.

Die beiden Glocken hingen bereits in der romanischen Vorgängerkirche zusammen, die Herzog Leopold, der Enkel von Fürst Franz, im Jahr 1828 habe abreißen lassen, um eine größere zu bauen. Er entwarf mit seinem Baumeister Carlo Ignazio Pozzi eine neue Kirche im neoromanischen Stil, die in den Jahren 1828/1829 entstand.

Die Glocken in Großkühnau harmonieren perfekt

Die beiden Glocken wurden wieder eingehängt. „Das ist doch eine wunderbare Vorstellung: Sie haben über Jahrhunderte die Menschen zum Gebet gerufen, mittags und abends geläutet, wenn von der Tageslast geruht wird“, sagt Grötzsch. „Ich habe da auch Ehrfurcht. Davor, was unsere Vorfahren schon gebaut haben.“ Und: „Beide Glocken harmonieren noch heute. Sie haben einen schönen aufeinander abgestimmten Klang.“

Etwa einen halben Meter groß ist die kleinere jetzt abtransportierte Glocke und trägt die lateinische Inschrift: „Zu Ehren der seligen Jungfrau Maria“.

Die größere hatte übrigens während des Zweiten Weltkriegs schon auf dem Glockenfriedhof in Hamburg gelegen und sollte eingeschmolzen werden. Doch sie kehrte zurück. „Die kleinere ist nun krank und muss behandelt werden. Sie können sie gern noch mal streicheln und ihr gute Besserung wünschen“, forderte Grötzsch die Einwohner am Dienstag scherzhaft auf.

Und ein paar strichen tatsächlich über das Bronzegeläut. „Ich freue mich auf die Wiederkehr. Und hoffe, dass die Glocke die Menschen noch weitere 1.000 Jahre rufen wird“, so der Pfarrer. (mz)