Heftige Debatte um Schloßplatz

Heftige Debatte um Dessauer Schloßlatz: Wie lassen sich die unterschiedlichen Interessen einen?

Dessau - Zwei Entwürfe für einen Hotelneubau forcieren Diskussion um Gestaltung des Schloßplatzes. Wie lassen sich die unterschiedlichen Interessen einen?

Von Lisa Garn

Weinrote Klinker, eine leuchtend helle Fassade - oder das historische Vorbild: Die beiden Entwürfe für einen Hotelneubau auf dem Schloßplatz haben die Debatte um die grundsätzliche Gestaltung des Areals forciert.

Nicht zuletzt, weil sich eine Bürgerinitiative zur „Rettung des Schloßplatzes“ gegründet hat. Diese will einen Wiederaufbau von Gebäuden auf dem bedeutsamen Platz nach historischem Vorbild.

„Es geht nicht nur um eine Entscheidung zwischen beiden Entwürfen, wir müssen das Areal als Ganzes im Blick haben“, sagt Anne Sommer, Vorsitzende des Gestaltungsbeirates. Das ehrenamtliche Gremium berät die Stadt und auch Investoren bei gestalterischen Fragen und gibt Empfehlungen. Am Donnerstag will sich der Beirat mit den vorgelegten Plänen für den Hotelbau beschäftigen. Am Freitag wird es eine weitere Runde geben, unter anderem mit Vertretern der Stadt und Architekten.

Drängen auf Gesamtkonzeption für den Schloßplatz in Dessau

Sommer drängt auf eine Gesamtkonzeption für den innerstädtischen Platz. „Wenn wir jetzt für einen wichtigen Standort am Schloßplatz die Festlegungen treffen - was geschieht dann mit dem Rest des Areals? Wir dürfen jetzt nicht nur in Einzelprojekten denken, sonst machen wir uns eine künftige Entwicklung des Platzes kaputt“, sagt die Architektin.

„Wir brauchen einen Masterplan: Was wollen wir mit diesem Platz, was an Funktionen ist realisierbar?“ Dabei sollten, so Sommer, auch alte Entwürfe einbezogen werden, die es beispielsweise in den 90er Jahren zum Schloßplatz gegeben habe.

Am Schloßplatz, auf dem Areal der ehemaligen Berufsschule, wollen zwei Großunternehmen aus Sachsen-Anhalt bauen. Ende Januar hatten der Energiedienstleister Getec und das Bauunternehmen Papenburg Hochbau ihre Pläne im Bauausschuss vorgestellt.

Eine Entscheidung soll in den nächsten Monaten fallen

Der Getec-Entwurf orientiert sich optisch an der Bauweise der Marienkirche, durch eine abgewinkelte Ecke wird eine Öffnung zum Lustgarten erreicht. Entstehen sollen 123 Betten, im Erdgeschoss befindet sich ein Café-Restaurant. Papenburg hat eine moderne Variante eines klassizistischen Baus entworfen. Vorgesehen ist eine Mischnutzung mit etwa 90 Hotelzimmern und Gewerbeflächen sowie ebenfalls Gastronomie im Erdgeschoss.

Eine Entscheidung soll in den nächsten Monaten fallen. Im dritten Quartal will die Stadt das Grundstück verkaufen. Bis dahin soll an den Konzepten weiter gearbeitet werden. Die Hotel-Entwürfe werden seit der Vorstellung heftig diskutiert. Allein auf der Internetseite der MZ hatten rund 2 450 Leser abgestimmt: 60 Prozent für den Papenburg-Entwurf, 40 für den Getec-Bau. Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Skepsis bleibt.

Kerstin Franz, Mitbegründerin der Schloßplatz-Bürgerinitiative, hat in der Diskussion auf der MZ-Facebook-Seite beide Entwürfe als „seelenlose Klötzer“ abgelehnt, die Geschichte Dessaus werde damit „ausgelöscht“. Die Bürgerinitiative fordert, dass Gebäude am Schloßplatz in weiten Teilen nach historischem Vorbild wieder aufgebaut werden - darunter das Schloss, die Buden vor der Marienkirche und ein Gartenreichhotel.

Letztmalige Chance, „dem Schloßplatz sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben“

Mit dem Grundstücksverkauf ergebe sich die letztmalige Chance, „dem Schloßplatz sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben“. Das Kostenargument will die Initiative, die sich am Dienstag wieder getroffen hat und inzwischen über 50 Mitglieder zählt, nicht gelten lassen. „Dass es genau andersherum ist, beweisen die Beispiele ,neuer’ Historie - in Dresden, Frankfurt am Main und das Berliner Schloss.“

Der Architekt Dieter Bankert, der schon in den 90ern für die Aufwertung des Platzes gekämpft und sich auch 2018 mit dem Thema befasst hatte, sieht die Lage derzeit als „etwas hektisch“. Auf der einen Seite gebe es konkrete Entwürfe für ein Hotel. Auf der anderen Seite die Forderungen der Initiative. „Es ist gut, dass sich Menschen einbringen und sich Gedanken machen. Im Moment ist aber nicht klar, wie die unterschiedlichen Ansätze in Einklang zu bringen sind. Und was am Ende raus kommt.“

SPD-Stadtrat Robert Hartmann warnt vor einer vorschnellen Ablehnung der Entwürfe

Auch Ralf Schönemann (Die Linke), Vorsitzender des Bauausschusses, sieht widerstreitende Interessen am Schloßplatz. „Wir sind auf dem Weg, das Hotel ist ein erster Baustein. Jetzt müssen wir die Ideen sondieren, auch im Austausch mit der Initiative. Das verlangt von allen Seiten Akzeptanz und Kompromissfähigkeit.“ Dabei sei auch die teilweise Historisierung zu diskutieren. „Die Realisierbarkeit hängt an Nutzung und Finanzkraft.“

SPD-Stadtrat Robert Hartmann warnt vor einer vorschnellen Ablehnung der Entwürfe. Er hält eine originalgetreue Rekonstruktion des Gesamtareals für unmöglich. „Es kann nur eine interpretierende Rekonstruktion sein, die aber grundsätzlich nicht den Charme der ehemaligen Bauwerke wiedergeben wird.“ Deshalb müsse zeitgenössische Architektur zugelassen werden, die historische Ideen mit „neuzeitlichen Inspirationen“ aufgreife. „Wir sollten den Mut haben, auch moderne Bauten an diesem Ort zu denken.“ (mz)