Gottesdienst zum 70. Jahrestag der Zerstörung von Dessau

Gottesdienst zum 70. Jahrestag der Zerstörung von Dessau: Glockenläuten statt Sirenengeheul

Dessau - Selbst ein fast noch voller Mond blitzt nur selten durch die dichte Wolkendecke, als Samstagabend die Stadt an die dunkelste Stunde ihrer Geschichte erinnert. Um 21 Uhr läuten die Glocken der Pauluskirche zum zentralen Gedenkgottesdienst am 70. Jahrestag der Bombardierung Dessaus im Zweiten Weltkrieg. „Das klingt anders als Sirenengeheul“, flüstert eine Frauenstimme der Nachbarin im Kirchenschiff zu. „Ja, viel schöner“, haucht es ...

Von Silvia Bürkmann 08.03.2015, 18:50

Selbst ein fast noch voller Mond blitzt nur selten durch die dichte Wolkendecke, als Samstagabend die Stadt an die dunkelste Stunde ihrer Geschichte erinnert. Um 21 Uhr läuten die Glocken der Pauluskirche zum zentralen Gedenkgottesdienst am 70. Jahrestag der Bombardierung Dessaus im Zweiten Weltkrieg. „Das klingt anders als Sirenengeheul“, flüstert eine Frauenstimme der Nachbarin im Kirchenschiff zu. „Ja, viel schöner“, haucht es zurück.

Das neogotische Gotteshaus im Backsteinstil mit dem auffällig schlanken Turm an der Nordseite ist gut besucht. Die Stühle im Kirchenschiff und auf der Empore sind besetzt, als Pfarrer Martin Günther neben seiner Jakobus-Paulus-Gemeinde, aktuelle und frühere Stadtoberhäupter und der christlichen Kirchen, Stadträte und Bürger der Stadt zum Gedenkgottesdienst einlud, gemeinsam eine Stunde des Innehaltens, Nachdenkens und Erinnerns zu begehen. Für eine sehr würdige Begleitung des Gottesdienstes sorgt der Vocalkreis Dessau unter Leitung des Kreiskirchenmusikwarts Hans-Stephan Simon. Die insgesamt 14 Stimmen, ausgebildet und geschult vom glockenhellen Sopran bis zum tiefsten Bass, füllen das Gotteshaus mit Chormusik aus den Jahrhunderten und päpstlichen Sprüchen.

Prosatexten und Theateranekdoten

Gebete und Texte der Erinnerung an die Bombennacht vor 70 Jahren lesen Karin Rieche, Marlies Hartmann, Silvia Schmidt, Cornelia Lisso und Anke Schüler. So hinterließ der im vorigen Jahr im Alter von 78 Jahren gestorbene Hermann Jäger neben Prosatexten und Theateranekdoten umfangreiche Erinnerungen und Biografien aus seiner Heimatstadt. In die dunkelsten Grüfte jahrzehntelanger Albträume führten Abend und Nacht des 7. März den damals Neunjährigen. „Der Himmel brennt. Dessau ist nicht mehr“, hatte eine Frau mit blutverschmiertem Gesicht vor dem Hochbunker gewimmert. Das Gesicht eingefallen und grau, aber die Augen von unstetem Flackern entflammt.

Der folgenschwerste alliierte Luftangriff auf Dessau am 7. März von 21.49 bis 22.20 Uhr fordert 668 Menschenleben, vom Greis bis zum zweiwöchigen Säugling. Die Stadt hört auf zu existieren unter einem Trümmermeer von 3,5 Millionen Kubikmetern. Ein grausamer Krieg ist nach Dessau grausig zurückgekehrt, erinnert Pfarrer Günther an das Lob des israelischen Diplomaten Avi Primor am Volkstrauertag zur deutschen Erinnerungskultur: Das einzige Land, was Denkmäler baue, um sich an die eigene Schande zu erinnern.

70 Jahre später hat sich ein buntes statt braunes Dessau wahrhaft keine Schande gemacht. (mz)