Fußball

Fußball: Narben auf der Seele bleiben

wittenberg/Dessau/MZ. - Die Erleichterung ist Erhard Garstecki anzumerken. Der Interims-Präsident der ASG Vorwärts Dessau und Abteilungsleiter Fußball freut sich auf den Mittwoch mindestens genauso wie derjenige, der am Mittwoch seinen 30. Geburtstag feiert: André Schubert. "Wir sind so froh, dass er das alles soweit erst einmal überstanden hat und es ihm wieder besser geht", sagt Garstecki mit hörbar bewegter ...

Von thomas tominski und frank harnack 20.03.2012, 18:49

Die Erleichterung ist Erhard Garstecki anzumerken. Der Interims-Präsident der ASG Vorwärts Dessau und Abteilungsleiter Fußball freut sich auf den Mittwoch mindestens genauso wie derjenige, der am Mittwoch seinen 30. Geburtstag feiert: André Schubert. "Wir sind so froh, dass er das alles soweit erst einmal überstanden hat und es ihm wieder besser geht", sagt Garstecki mit hörbar bewegter Stimme.

Zivilcourage bewiesen

Am 18. Januar, vor gerade mal zwei Monaten, hing das Leben von André Schubert noch am seidenen Faden. Bei einer Messerattacke in der Innenstadt von Dessau wurde der Jugendleiter und Nachwuchs-Trainer der ASG niedergestochen, als er Zivilcourage bewies und einem älteren Mann zu Hilfe kam. Schubert musste sofort ins Krankenhaus, wurde zwei Mal operiert. Die Spuren des Angriffs sind noch heute zu sehen. Die 15 Zentimeter lange Narbe am Hals ist aber gut verheilt. Das Gesicht hängt auf der linken Seite ein Stück herunter, im Augenlid ist eine zwei Gramm schwere Titanplatte eingenäht. André Schubert hofft, dass in zwei Jahren Fortschritte zu sehen sind. "Wenn alles perfekt läuft", meint er, "ist mein Gesicht dann zu 85 Prozent wiederhergestellt."

Die Narben auf der Seele verheilen wahrscheinlich nie. Schubert dachte immer, dass er ein harter Typ ist. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist manche Träne geflossen. Er gibt offen zu, dass es ihm schlecht geht. "Alles andere wäre gelogen", meint der Verteidiger.

Wittenberger spenden

Schubert hat kein Problem, über diesen 18. Januar zu sprechen. Der 30-Jährige weiß, dass er die Uhr nicht zurückdrehen kann. Trotz seiner schweren Verletzung betont er aber, dass er wieder Zivilcourage zeigen und sich zwischen Angreifer und Opfer stellen würde. "Nur diesmal umsichtiger. Ich habe es versäumt, Umstehende mit einzubinden. Das war ein Fehler."

Von der Zivilcourage des Sportlers beeindruckt, startete die Fußball-Abteilung des SV Einheit Wittenberg eine Sammelaktion und überreichte dem Jugendleiter in der Halbzeitpause der Fußball-Landesklassenpartie Einheit gegen Vorwärts Dessau (Endstand 1:1) 160 Euro. "Das ist doch selbstverständlich, dass sich Sportler untereinander helfen", meint der Wittenberger Abteilungsleiter Kay von bansen, der diese Aktion von seinen Kickern "einfach erwartet" hat. "Wir kennen André Schubert als fairen Sportsmann und wünschen ihm, dass er bald wieder Fußball spielen kann."

Für den Vorwärts-Spieler, der sich im Februar mit einem Imbiss eigentlich selbstständig machen wollte, kommt die Spendenaktion zum rechten Zeitpunkt. "Ich muss mal raus", sagt er und spricht vom Urlaub mit Freunden. Drei Wochen Krankenhaus, tägliche Physiotherapie und wöchentliche Besuche beim Traumatologie haben den Lebensrhythmus des Dessauers verändert. Schubert hat nach seiner Verletzung schnell gemerkt, auf wen er zählen kann. "Meine Familie ist mir das Wichtigste", sagt er und drückt Freundin Jessica Neumann fest die Hand. "Es ist gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die zu 100 Prozent hinter einem stehen."

Arbeiten am Comeback

Seine Karriere als Fußballer hat Schubert nicht abgehakt. Es kribbelt in den Beinen, betont er, nach der Saison beginnt der Start ins neue Sportlerleben. "Ohne Fußball geht es nicht", sagt Schubert, der in der Serie 2012 / 13 mithelfen will, dass Vorwärts in der Landesklasse Akzente setzt. "Das ist einfach mein Lieblingsverein." Auf sein Comeback arbeitet der Verteidiger akribisch hin. Früher war er selbst nach dem härtesten Training noch fit wie ein Turnschuh, heute bereitet ihm selbst das Treppensteigen körperliche Schmerzen.

Optimistischer Blick nach vorn

"Das wird schon", ist er überzeugt, noch ein seelischer Rückschlag passt nicht in sein Konzept. Schubert will auch wieder als Trainer arbeiten. Zu seinen emotionalsten Momenten im Krankenhaus gehörte der Besuch "seiner" F-Jugend. "Als sie mir ihre bei den Hallenkreismeisterschaften gewonnenen Medaillen gezeigt haben, standen mir die Tränen in den Augen." Als seine jungen Vorwärts-Kicker am vergangenen Wochenende einen 11:0-Kantersieg gegen den Dessauer SV 97 feierten, lud Schubert sie spontan auf ein Eis ein. Die Nähe zum Team ist ihm wichtig. Trotz seiner seelischen Achterbahnfahrt kann Schubert der Verletzung etwas Positives abgewinnen. "Ich bin ruhiger geworden." Dinge, die ihn früher zur Weißglut getrieben haben, akzeptiert er nun als Bestandteil seines Lebens.