Ex-Regierungspräsident Gert Hoffmann

Ex-Regierungspräsident Gert Hoffmann: Von politischen Extremen und einem Strippenzieher

Dessau - Der Aufstieg kam einem freien Fall gleich. Aus dem Audi 200 wurde ein Lada. Aus der funktionierenden Verwaltung eine Behörde mit fünf Mitarbeitern, untergebracht in einer besseren Baracke. Statt des familiären Heims stand eine Unterkunft im „Ledigen-Wohnheim“ parat. Zum Abendbrot gab es Hot ...

Von Thomas Steinberg 16.05.2018, 09:46

Der Aufstieg kam einem freien Fall gleich. Aus dem Audi 200 wurde ein Lada. Aus der funktionierenden Verwaltung eine Behörde mit fünf Mitarbeitern, untergebracht in einer besseren Baracke. Statt des familiären Heims stand eine Unterkunft im „Ledigen-Wohnheim“ parat. Zum Abendbrot gab es Hot Dogs.

Letztlich schienen dies Nebensächlichkeiten, denn 1991 hatte Gert Hoffmann es geschafft. War aufgestiegen vom Verwaltungsdirektor des niedersächsischen Städtchen Gifhorn zum Präsidenten des Regierungsbezirks Dessau. Mochte dies auch der zweitkleinste Deutschlands sein und er selbst zunächst Chef einer Scheinbehörde.

Autobiografie Gert Hoffmann: 480 Seiten Leben

27 Jahre später ist Hoffmann zurück in Dessau. Eingeladen vom Anhaltischen Heimatverein stellt er im Palais Dietrich seine Autobiografie „Von Irrwegen in die Verantwortung“ vor. Ein 480 Seiten dickes Buch, dem ein straffes Lektorat gut angestanden hätte, um peinliche Eitelkeiten wie „[Bundeskanzler Helmut] Kohl […] sagte freundlich zu mir ,Guten Tag, Herr Hoffmann, wie geht es Ihnen?‘“ zu entschärfen.

Andererseits kennzeichnet ein solcher Satz Hoffmann, als einen von Ehrgeiz Getriebenen, der bestens verstand, Strippen zu ziehen und Beziehungen zu den Mächtigen zu knüpfen. Zugleich ein Sturkopf, der selbst dann nicht zurückruderte, wenn über ihn ein Shitstorm niederging und er selbst seinen Fehler erkannt hatte.

Und einen, der Tatsachen schuf. Wie mit der Abholzung des Waldes zwischen der Autobahn und Oranienbaum, weil er hoffte, so Audi in die Region locken zu können. Bedenken? Ließ er nicht gelten, selbst nicht im Nachhinein, als der Autohersteller sich dann doch für Ungarn entschied.

Extreme Pfade: Zwei Jahre Mitglied in der NPD

Diese Neigung kann man als Arroganz auslegen, hat aber auch ihr Gutes. Seinen Eintritt in die rechtsextreme NPD 1968 und sein Engagement in dieser Partei für zwei Jahre erklärt er sachlich, ohne etwas zu entschuldigen. Und, so jedenfalls die persönliche Erfahrung: Man konnte als Journalist mit ihm über Kreuz liegen, Hoffmann nahm es nie persönlich und wenn, ließ er es sich nicht anmerken.

Auch weil er wusste, dass er Journalisten braucht - und sie gelegentlich benutzte, wenn er auf dem Dienstwege nicht weiterkam oder Strippenziehen nicht half. Denn darin war Hoffmann durchaus geschickt, setzte auf alte Bekanntschaften, durchschaute die Spielzüge der anderen, auch wenn es trotz alledem für die ganz große Karriere nicht reichte: Längst Mitglied in der CDU und in der mehr hinter als vor den Kulissen durchaus nicht ohne Einfluss, fiel ihm immer wieder seine NPD-Mitgliedschaft auf die Füße. Dass deshalb ausgerechnet statt seiner Thilo Sarrazin den Chefposten der Treuhandliegenschaftsgesellschaft bekam, kann getrost als Ironie der Geschichte verstanden werden.

Gert Hoffmann: Der letzte Preuße oder geschätztes Feindbild?

Es sind dies die vielleicht interessantesten Passagen des Buches, wenn Hoffmann über Vorgänge in Hinterzimmern schreibt, um zum Beispiel das Umweltbundesamt nach Dessau oder Bayer nach Bitterfeld zu holen - neben seinem Engagement fürs Gartenreich die wichtigsten Verdienste seiner 1995 nach dem Regierungswechsel in Magdeburg endenden Zeit als Regierungspräsident.

Eine Zeit lang arbeitete Hoffmann noch als Anwalt in Dessau, ging dann nach Niedersachsen zurück und wurde Oberbürgermeister von Braunschweig.

Als er in den Ruhestand ging, schrieb „Die Welt“ bedauernd, vom letzten Preußen, der von Bord gegangen sei. Die „Tageszeitung“ verkniff sich einen Text, obwohl sie mit Hoffmanns Abdankung eines ihrer liebsten Feindbilder verlor.

Wie auch immer, Respekt: So viel Aufmerksamkeit in der zweiten, wenn nicht dritten Reihe stehend auf sich zu ziehen, das muss man erst einmal schaffen.

(mz)