Erinnerung an Bombardierung vor 71 Jahren

Erinnerung an Bombardierung vor 71 Jahren: Flammenhölle über Dessau

Dessau-Rosslau - Am heutigen 7. März 2016 jährt sich zum 71. Mal die Bombardierung und die fast völlige Zerstörung Dessaus. Für Helmut Zander ist das ein doppelt besonderer Tag: Beim Aufräumen auf dem Boden seines Hauses hat der Kühnauer Aufzeichnungen von der Bombennacht seiner 2002 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Mutter Gertrud Zander gefunden - und diese der Mitteldeutschen Zeitung zum Abdruck zur Verfügung gestellt. „Das Lesen hat mich tief bewegt,“ sagte Zander. „Viele der Schilderungen kannte ich so nicht.“ Gertrud Zander war zum Zeitpunkt des verheerenden Luftangriffs 32 Jahre ...

07.03.2016, 09:25

Am heutigen 7. März 2016 jährt sich zum 71. Mal die Bombardierung und die fast völlige Zerstörung Dessaus. Für Helmut Zander ist das ein doppelt besonderer Tag: Beim Aufräumen auf dem Boden seines Hauses hat der Kühnauer Aufzeichnungen von der Bombennacht seiner 2002 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Mutter Gertrud Zander gefunden - und diese der Mitteldeutschen Zeitung zum Abdruck zur Verfügung gestellt. „Das Lesen hat mich tief bewegt,“ sagte Zander. „Viele der Schilderungen kannte ich so nicht.“ Gertrud Zander war zum Zeitpunkt des verheerenden Luftangriffs 32 Jahre alt.

Schutz suchen im Bunker

Der 7. März 1945 brachte uns den gewohnten täglichen Fliegeralarm mit der Vorwarnung durch das Radio: „Starke Fliegerverbände im Anflug Richtung Magdeburg“. Die Kühnauer flüchteten zum größten Teil in Richtung Aken „Weiße Brücke“ in den Wald. Zu Fuß, per Fahrrad, Kleinkinder auf dem Arm oder huckepack, Säuglinge im Wäschekorb. Die Bewohner der Hauptstraße wichen in Richtung „Werkheim-Nord“ zwischen Groß- und Kleinkühnau aus.

Infolge der Nähe der Junkers-Werke und des an Kühnau angrenzenden Flugplatzes verließen die Anlieger des östlichen Ortsteiles ihre Häuser und Schutzkeller, um in dem kleinen Erdbunker, der für Übungen des sogenannten Volkssturmes gedacht war, Schutz zu suchen. Der „Bunker“ bestand aus zirka zehn Meter langen und zwei Meter hohen Betonröhren, die zur Hälfte in die Erde eingelassen und oben mit Erde und Gestrüpp getarnt waren.

1.700 Tonnen Spreng- und Brandbomben

Circa 100 Meter davon entfernt standen zwölf Baracken, die für die Unterbringung ausländischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener, die die Kriegsproduktion der Junkers-Werke aufrecht erhalten sollten, errichtet wurden. In diesen „Bunker“ flüchteten wir nichtsahnend auch am 7. März 1945. Als die Luftschutzwarnungen in immer kürzeren Abständen starke Verbände über Magdeburg in Richtung Dessau meldeten, füllte sich unser „Erdloch“ immer mehr, auch mit den Werkheim-Nord-Bewohnern. Im Augenblick hatten wir mehr Angst vor den Ausländern als vor den Bomben. Denn wir wussten noch nicht, was auf uns zukommen sollte.

Inzwischen hörten wir nur noch das Zischen und Donnern der Bombenabwürfe und die Erschütterungen der Einschläge ganz in unserer Nähe. Die Anflüge erfolgten aus Richtung Elbe direkt über unser Gebiet. Eine Welle löste die andere ab.

Wie wir später erfuhren, flogen über 500 Bomber mit 1.700 Tonnen Spreng- und Brandbomben an Bord über unsere Köpfe und verwandelten die Stadt Dessau in ein Flammenmeer.

Mehr über die Erinnerung Gertrud Zanders an die Bombenangriffe, lesen Sie auf Seite 2.

Wir saßen in der Nähe eines kleinen Luftschachtes und sahen es draußen plötzlich taghell werden. Das Werkheim-Nord war von Brandbomben getroffen. Wir zwängten uns in dem kleinen Raum immer enger zusammen, hielten uns fest an den Händen und beteten still vor uns hin. Wir zitterten am ganzen Körper und waren auf den großen Treffer vorbereitet. Die Ohren sausten, und die Köpfe dröhnten, wir hatten kein Zeitgefühl mehr.

Als sich der „Bunker“ langsam leerte und wir nach einer Ewigkeit ins Freie und an die frische Luft (die uns fast erstickte) kamen, sahen wir über Dessau eine einzige Flammenhölle. Vom Ausmaß der Zerstörung ahnten wir noch nichts.

Wir sahen zu unserem Entsetzen auch über Kühnau die Brandfackeln leuchten. Drei Punkte zeichneten sich besonders ab: Das Eckgrundstück Hauptstraße/Osternienburger Straße (gegenüber dem Konsum), das Eckgrundstück Rosenburger Straße/Amtsweg (gegenüber dem Rathaus) und ein großer Teil der Mittelstraße. In dem Bereich Hauptstraße/Mittelstraße zerstörte eine Luftmine, die „zum Glück“ in den Hausgärten der aneinandergrenzenden Straßen niederging, das Zentrum unseres Ortes.

Vollkommen zerstört wurden die Häuser Karl Zabel, Fahrradreparaturwerkstatt, und Otto Ostmann, Gaststätte und Lebensmittel in der Mittelstraße. Da die meisten Bewohner ihre Häuser verlassen hatten, gab es Gott sei Dank keine Toten, nur einige Leichtverletzte. Die Kühnauer Feuerwehr, auf sich allein gestellt, und alle, die zufassen konnten, waren sofort nach Entwarnung zur Stelle.

Wir Frauen kümmerten uns zuerst um die am schwersten betroffenen Frauen und Kinder und brachten sie in Sicherheit. Wir, im weiteren Umkreis der Luftmine, sind mit ausgehakten Türen und zersplitterten Fensterscheiben davongekommen. In unseren Räumen lag alles durcheinander, und der Kalkdreck lag zentimeterhoch auf den Möbeln. Aber was war das schon im Vergleich zu denen, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten? Ich nahm die Familie Stock, drei Erwachsene, zwei Kinder und einen Säugling mit nach Hause. Die am schwersten betroffenen Familien kamen bei Freunden, Verwandten oder Bekanten unter, während einige inmitten der Trümmer Behelfsunterkünfte errichteten. Da es kein Baumaterial gab, dauerten die Arbeiten einige Jahre.

Das durch Brandbomben schwer getroffene Haus Ecke Rosenburger Straße/Amtsweg ragte noch Jahrzehnte mit seinem verkohlten Dachstuhl in den Himmel als Mahnung an die schrecklichste Nacht, die Kühnau je erlebt hatte. (mz)