Einsatz in Grosskühnau

Einsatz in Grosskühnau: Hoch hinaus ins Storchennest

Grosskühnau - Horst Graff hält inne und atmet kurz durch. Ist das anstrengend. „Vor allem, wenn der Körper nicht mehr so mitmacht, wie man selbst will.“ Fast 84 Jahre zählt Graff und lässt es sich nicht nehmen, noch immer durch die Region zu touren, um über 100 Jungstörche in ihren Nestern zu beringen. „Ich bin Deutschlands dienstältester ...

Von Danny Gitter

Horst Graff hält inne und atmet kurz durch. Ist das anstrengend. „Vor allem, wenn der Körper nicht mehr so mitmacht, wie man selbst will.“ Fast 84 Jahre zählt Graff und lässt es sich nicht nehmen, noch immer durch die Region zu touren, um über 100 Jungstörche in ihren Nestern zu beringen. „Ich bin Deutschlands dienstältester Vogelberinger.“

Seit 67 Jahren im Einsatz

105 000 Vögel hat der Dessauer in 67 Jahren ehrenamtlich beringt. Allein 3 000 Störche waren darunter. Am Montag hat der Rentner seine Bilanz noch ein bisschen aufgebessert. Früh um neun Uhr ging es am Storchennest in Sollnitz los. Danach standen Mildensee, Waldersee, Neeken, der Wallwitzhafen, Ziebigk, Großkühnau und Mosigkau auf dem Plan. In Oranienbaum war Graff schon im Mai. Coswig und Raguhn stehen in den nächsten Tagen noch auf dem Plan. Am Sonnabend folgt dann noch einmal eine große Tour im Wörlitzer Winkel.

Vor langer Zeit hat sich Graff immer selbst eine Leiter geschnappt und ist zu den Storchennestern hochgestiegen. Früher kamen Eisenringe an die Storchenbeine. Später hielten die modernen Kunststoffvarianten Einzug. Bis heute ist das so. Die eigene Leiter haben längst Hubsteiger und Leiterwagen abgelöst. Bei seiner Tour durch Dessau hat Graff Unterstützung von der Feuerwehr erhalten, um in luftiger Höhe Adebars Nachwuchs zu kennzeichnen.

In Sollnitz fuhr der 84-Jährige noch einmal selbst mit hoch zum Nest. Auf den restlichen Stationen war es Herbert Kleindienst, ein Storchenfreund aus Ziebigk, der mit beherzten Griffen die Ringe anbrachte. Doch an einen Rücktritt wird nicht gedacht. „So lange es noch geht, will ich mein Ehrenamt ausüben“, sagt Graff, auch wenn sich der Dessauer schon Nachfolger aufgebaut hat, die sein Werk zuverlässig weiterführen können.

Doch Graff kann und will ohne die Ornithologie nicht leben, seit er mit zehn Jahren das erste Mal in der Mosigkauer Heide auf Streifzug ging und sich seitdem immer mehr Wissen über die heimische Vogelwelt angeeignet hat. Mit 17 Jahren durfte Graff seinen ersten eigenen Vogel beringen. Seitdem lässt ihn diese Aufgabe nicht mehr los. Denn Vogelberingung heißt nicht nur, wirklich nah dran zu sein am gefiederten Nachwuchs, sondern auch noch einen besonderen Beitrag für die Wissenschaft zu leisten. Anhand der Buchstaben-Zahlen-Kombination an den Ringen können die Experten Flugrouten der Vögel, Ortstreue und Lebenserwartung sowie Todesursachen nachvollziehen und wissenschaftlich auswerten.

2015 ist ein gutes Storchenjahr

In vielerlei Hinsicht steht das Storchenjahr 2015 dabei unter guten Sternen. „In jedem Nest haben wir bisher Nachwuchs entdeckt“, bilanziert der Storchen-Beringer. Das ist nicht immer so. „Im letzten Jahr ist durch den kühlen und nassen Mai manches Nest leergeblieben..“

Leidenschaft steckt an

Mit seiner Leidenschaft hat Graff auch seine zweite Ehefrau Irene angesteckt, mit der er seit über 30 Jahren die Vogelwelt erkundet. „Man hat immer einen Grund rauszugehen“, erzählt Irene Graff begeistert. Und meistens trifft man auch Menschen, mit denen man schnell ein Thema hat. So wie am Montag Gerda und Karl-Heinz Tirsch. Auf ihrem Grundstück in der Rietzmecker Straße in Großkühnau wurden drei Jungstörche beringt.

Der Vater hatte den Winter in der Region ausgeharrt. Die Mutter kam am 18. März aus ihrem Winterquartier in Südafrika zurück. Jetzt macht es sich die fünfköpfige Familie auf dem Schornstein einer ehemaligen Gärtnerei gemütlich. „Wir werden um dieses Privileg beneidet, eine Storchenfamilie zu beherbergen“, sagt Karl-Heinz Tirsch. Am Montag wurde das Glück an einer gedeckten Tafel geteilt, an der Storchen-Anekdoten erzählt wurden.