Dessau-Roßlau

Dessau-Roßlau: Sonnenstrahl blitzt über neue Stolpersteine

DESSAU-ROSSLAU/MZ. - Die klagend-wuchtigen Töne aus Richard Wagners Feder schwingen aus dem von Justine Beckmann geblasenem Flügelhorn schwer über das Viertel um die Amtsmühle. Das Mädchen aus der Klasse 10b der Bietheschule gestaltet mit den drei Altersgefährten der Parallelklasse 10a das feierliche Programm aus Musikstücken und Rezitationen: Was zeichnet den jüdischen Humor aus? Das fragen Julia Heise und Elise Wilhelmine Winkler. Wer alles verliert, dem bleibt neben der Religion nur der Witz zum Überleben. Und was die Seife für den Körper, ist das Lachen für die Seele - ...

Von SILVIA BÜRKMANN

Die klagend-wuchtigen Töne aus Richard Wagners Feder schwingen aus dem von Justine Beckmann geblasenem Flügelhorn schwer über das Viertel um die Amtsmühle. Das Mädchen aus der Klasse 10b der Bietheschule gestaltet mit den drei Altersgefährten der Parallelklasse 10a das feierliche Programm aus Musikstücken und Rezitationen: Was zeichnet den jüdischen Humor aus? Das fragen Julia Heise und Elise Wilhelmine Winkler. Wer alles verliert, dem bleibt neben der Religion nur der Witz zum Überleben. Und was die Seife für den Körper, ist das Lachen für die Seele - befreiend.

Elisa Schröder entlockt den Gitarrensaiten die Rod-Stewart-Hymne vom Aufbruch zu neuen Ufern: Sailing. Neben den Bietheschülern um die Lehrer Barbara Mahlich, Heike Eilfeld und Uwe Hannibal gestalten Viertklässler und Klassensprecher der Förderschule Roßlau den Donnerstagmorgen am Rosselufer. Vor der Mühlenstraße 47 werden als Auftakt für den Aktionstag in Dessau-Roßlau zwei Stolpersteine der Werkstatt Gedenkkultur beim Kulturellen Informations- und Einwohnerzentrum (Kiez) verlegt.

Seit dem Jahr 2008 hat Dessau-Roßlau 47 Stolpersteine. Die erinnern in dem von Künstler Günter Demnig initiierten dezentralen Denkmal in 500 Orten Deutschlands und mehreren Ländern Europas an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, von politisch Verfolgten, Homosexuellen und "Euthanasie"-Opfern während der Nazi-Diktatur. Die Stolpersteine halten für die nachgeborenen Generationen das lokale Gedenken wach und markieren den letzten Wohnsitz, den die Opfer freiwillig wählten.

Weltoffenheit dokumentiert

Das Projekt wird von Anbeginn unterstützt von der Stadt Dessau-Roßlau, verweist Stadtratspräsident Stefan Exner sowohl auf ein überzeugendes Stadtrats-Votum als auch auf die Unterstützung aus der Stadtverwaltung, namentlich vom Tiefbauamt. Erfreut registriert Exner die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler sowie die Anteilnahme der Bürger. Verschiedenheit müsse man aushalten können und selber wollen.

Der Ratsvorsitzende schildert das eigene Erstaunen vor dem Rabbinerhaus in der Kantorstraße: Kann ich, darf ich da überhaupt rein? "Klingeln Sie. Und Ihnen wird geöffnet", heißt ihn die Jüdische Gemeinde willkommen. In der Askanischen Straße begegnen sich drei Weltreligionen: die evangelische Georgenkirche, die jüdische Gemeinde und der muslimische Gebetsraum. "Diese Weltoffenheit - das ist die Stadt Dessau-Roßlau von heute."

Der Roßlauer Ortschaftsrat Lutz Föse und Pfarrer Jürgen Tobies erweisen mit Grußworten die Ehre, die Schüler legen rote und gelbe Rosen nieder. Als Benjamin David Soussan, bis 2005 Landesrabbiner in Sachsen-Anhalt und heute Rabbiner in Baden, erst auf Hebräisch Psalm 121 aus dem Talmud spricht ("Ich hebe meine Augen zu den Bergen"), in diesem Moment reißt der Wolkenberg und ein erster Sonnenstrahl blitzt durch den Nebel auf das Messing der Stolpersteine.

Donnerstagnachmittag wurden in Dessau an drei weiteren Standorten Stolpersteine verlegt: in der Bitterfelder Straße (früher Am Bahnhof 1), in der Beethovenstraße 9, in der Askanischen Straße / Ecke Kantorstraße (früher Steinstraße 11-14), in der Franzstraße 113 (früher Franzstraße 47) und in der Ackerstraße 46.