Tacheles vorm Freibier

Beim Brunnenfest in Dessau benennen Handwerker aktuelle Probleme

Kreishandwerkerschaft fordert Politik zu mehr Kooperation auf. Größtes Problem der Handwerker aus der Baubranche ist der Materialmangel.

Von Annette Gens
Der gemütliche Teil des Brunnenfestes wurde mit Freibier eingeläutet. Markus Bludau, Robert Reck, Frank Brakelmann und Karl Krökel stoßen an.
Der gemütliche Teil des Brunnenfestes wurde mit Freibier eingeläutet. Markus Bludau, Robert Reck, Frank Brakelmann und Karl Krökel stoßen an. Foto: Annette Gens

Dessau/MZ - Das Beste kommt zum Schluss, als alle Ehren- und Auszeichnungen vergeben sind und auf dem Dessauer Marktplatz im Schatten des Handwerkerbrunnens am Freitagnachmittag der gemütliche Teil des Handwerkerfestes beginnt. Sparkassenchef Markus Bludau wird aufgefordert, ein Fass Freibier für Dessaus Handwerker anzustechen. Der Bierschaum spritzt prompt auf Bludaus Hemd.

Der Vorsitzende der Kreishandwerkerschaft fängt die Situation mit einer passenden Beschreibung der aktuellen Lage ein: „Wir wollen das Beste, doch es kommt wie immer“, meinte Karl Krökel trocken.

Einmal im Jahr feiert die Kreishandwerkerschaft Anhalt-Dessau-Roßlau gemeinsam mit der Politik am Handwerkerbrunnen mitten auf dem Markt ein Brunnenfest. Doch bevor das Bier aus dem Fass läuft, bevor Steaks und Würstchen vom Grill direkt in die Hände der Gäste gelangen, wird über Probleme geredet - mit der Politik - mit Bundestags- wie Landtagsabgeordneten, Dezernenten, Stadträten und dem Oberbürgermeister von Dessau-Roßlau.

Seit der Errichtung des Handwerkerbrunnens 2007 feiert die Kreishandwerkerschaft ein Brunnenfest.
Seit der Errichtung des Handwerkerbrunnens 2007 feiert die Kreishandwerkerschaft ein Brunnenfest.
Foto: Annette Gens

Probleme gibt es einige, schilderte Kreishandwerksmeister Karl Krökel. Ein wichtiges betrifft den Baubereich. Ende August hätten fast drei Viertel der Betriebe gemeldet, dass Rohstoffe, Materialien oder Vorprodukte nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar waren. Inzwischen müssen laut Krökel im Handwerk drei von vier Betrieben Aufträge stornieren oder verschieben. „Handwerksbetriebe, die wegen Materialmangels einen Vertrag nicht rechtzeitig erfüllen können, dürfen nicht mit Vertragsstrafen überzogen werden“, richtet der Kreishandwerksmeister einen Appell an die Politiker, die bei der Vergabe von Aufträgen mitentscheiden.

Kreishandwerkerschaft fordert „eine Vereinfachung von Vergabeverfahren“

Es ist zwar der erste, aber bei weitem nicht der einzige Appell der Kreishandwerkerschaft zum diesjährigen Brunnenfest: Sie fordert „eine Vereinfachung von Vergabeverfahren“, kritisiert „den viel zu hohen Aufwand, der mit der Beteiligung an öffentlichen Ausschreibungen“ erforderlich ist. Das sei laut Krökel ein Grund, weshalb sich hiesige Handwerksbetriebe häufig nicht mehr um Aufträge aus der öffentlichen Hand bemühen.

Krökel forderte darüber hinaus auf, sich gemeinsam mit der Politik darum zu bemühen, die Berufsausbildung am Dessauer Berufsschulzentrum auf solide Füße zu stellen. Diese Bemühungen seien vom Land trotz mehrfacher Gespräche und Mahnungen und mehrerer Bildungskonferenzen nicht aufgegriffen worden.

Ein weiteres Thema bewegt die Kreishandwerkerschaft: Im vorigen Jahr wurde von Stadt und Handwerkerschaft ein „Masterplan 2025“ unterzeichnet. Damit sollten die Grundlagen für eine gemeinsame handwerkspolitische Strategie der Stadt Dessau-Roßlau gelegt werden. „Zu den fatalsten Irrtümern im Leben zählt die Vorstellung, ein Problem oder eine Aufgabenstellung sei gelöst, wenn man dazu eine Vereinbarung getroffen hat“, sagte Krökel. Das Ziel sei noch nicht erreicht.

Bevor mit Freibier angestoßen wurde, gab es für Handwerker Orden und Ehrenzeichen - unter anderem für Jungmeister, Altmeister oder Geschäftsjubiläen der sieben Innungen.