Beifall für Vorentwurf

Beifall für Vorentwurf in Dessau: Architekten stellen Konzept für neuen jüdischen Gebetssaal vor

Dessau - Die Architekten Anne Sommer und Dieter Bankert stellen in der Jüdischen Gemeinde erste Planungen für einen Gebetssaal vor. Kostenpunkt: eine Million Euro.

Von Annette Gens 19.05.2017, 14:32

Der Quader ist etwas mehr als zehn Meter hoch, breit und tief. Er wird bedeckt von einem Zeltdach. In seinem Inneren befinden sich zwei Ebenen. Er bietet Platz für 100 Personen. Ein Wandteil der Ostfassade ist direkt nach Jerusalem ausgerichtet.

In der Jüdischen Gemeinde zu Dessau haben am Mittwoch die Dessauer Architekten Anne Sommer und Dieter Bankert (bankertsommer Architekten) zum ersten Mal im größeren Kreis über ihre Vorplanungen für einen Gebetssaal der Jüdischen Gemeinde gesprochen. Ihr Entwurf eines Anbaus an das Kantorhaus ist eine Herausforderung. Das neue Gebäude soll unter eine Millionen Euro kosten. Denn Geld ist in der Jüdischen Gemeinde knapp. Noch sind die Gesamtbaukosten nicht vollständig gedeckelt.

Neubau des Gebetssaals wurde lange diskutiert

Lange schon wurde in der Jüdischen Gemeinde intern ein Neubau beziehungsweise Anbau diskutiert. Denn im alten, jetzt genutzten Kantorhaus gibt es keinen großen Gebetssaal, wo Mitglieder und Angehörige ihren Gottesdienst abhalten können. Den Anstoß dafür, dass eine Synagoge in Dessau kein Traum bleiben muss, gab die Kurt-Weill-Gesellschaft. Sie schenkte 2014 der Gemeinde den Entwurf für einen Neubau. Dieser war wunderschön, er hatte aber einen Makel. Die geschätzten Baukosten machten das Projekt zunichte.

Die beiden Dessauer Architekten Sommer und Bankert suchten auf Bitten nach Alternativen. Ihr „Quader samt Zeltdach“ könnte am Giebel des Kantorhauses gebaut werden. Doch es haben noch viele ein Wörtchen mitzureden, ehe der Bauantrag eingereicht werden kann: Der Rabbiner hat das Projekt noch nicht gesehen. Auch die Meinung von Stadtplanern, Denkmalschützern, ja, dem Bauamt, steht noch aus. Aber für die vielen bevorstehende Diskussion wurde am Mittwoch der Anfang gemacht. Die Gemeinde hatte die Entwürfe am Ende beklatscht. Sie gab aber auch noch einige konstruktive Hinweise.

Gebetssaal soll Platz für 100 Personen bieten

Die Proportionen der neuen Synagoge sind dem Kantorhaus angepasst, auch dessen Hauptgesimshöhe. Sie erinnert in ihrer Geschlossenheit an die Synagoge vor 1900, ein einfaches Haus mit Zeltdach. Die Dreieck-Lichtflächen korrespondieren mit dem Hauptfenster als sechseckiger Davidstern. Der Synagogenraum ist zwei Geschosse hoch. Von der Seite des Gedenkortes und des rückwärtigen Kantorhofes ist der barrierefreie Zutritt gegeben.

Aufzug und neue Treppe im Zwischenbau dienen dem Zugang in das Erdgeschoss des Kantorhauses, zur Empore und zugleich in das erste Obergeschoss des Kantorhauses. Der Gebetssaal bietet einschließlich Galerie gut 100 Personen Platz auf Sitzbänken mit Lesebord auf der Rückenlehne der Vorderreihe. Der Saal ist so geformt und ausgestaltet, dass er eine optimale Akustik für Sprache bietet - insbesondere für die Thoralesung, aber auch für ein- und mehrstimmigen Gesang, Kammermusik und die beliebte Klezmermusik.

Verschiedenen Meinungen sollen bei der Planung berücksichtigt werden

Vorlesetisch (bima), dem Thoraschrein mit dem Ewigen Licht darüber (ner tamid), Vorhang (Parochet) und Gebotstafeln, Menora und Lesepult dienen Gebet und Feier.

In der Fassade sollen zwölf blattförmige Fensterchen mit grünem Glas nach innen und nachts nach außen leuchten. Sie haben doppelte Bedeutung: Sie nehmen Bezug auf die Schwestersynagoge in Wörlitz, die als Museum genutzt wird und auf die Zwölfzahl für die Stämme Israels.

Ob so gebaut wird, zeigt die Zukunft. „Wir stecken ja noch mitten in der Entwurfsplanung“, sagt Architektin Anne Sommer. „Es ist aber gut, wenn wir in diesem Prozess die Meinungen vieler berücksichtigen“, meinte Architekt Dieter Bankert, dem bewusst ist, dass die zu bebauende Fläche momentan noch der Stadt gehört.

Stadtverwaltung will den Bau des Gebetssaals unterstützen

Die Stadtverwaltung wiederum hat der jüdischen Gemeinde schon lange signalisiert, helfen zu wollen. Auch mit dem Grundstück. Und nicht nur die: Die Fraktionen im Stadtrat bereiten gerade eine Vorlage vor, um das Bauvorhaben finanziell ein Stück voranzubringen. Es geht um die Einstellung von Haushaltsmitteln für 2018 und 2019. Aber am Ende muss das der Stadtrat entscheiden.

Die vorgeschlagene Summe ist eine Hilfe und längst keine Vollfinanzierung. Die Jüdische Gemeinde sammelte seit Jahren unter ihren Mitgliedern Geld. Eine sechsstellige Summe ist zusammengekommen. Der Zentralrat der Juden hat Mittel in Aussicht gestellt. Die Anhaltische Landeskirche stellte einen Kredit in Aussicht. Es soll außerdem eine Spendenaktion gestartet werden.

Auch die Umsetzung des Anbauprojekts ist ehrgeizig. Spätestens im November 2018 soll der Grundstein für den Anbau gelegt werden. Alljährlich erinnert der 9. November an das Ende der traditionsreichen, seit dem 17. Jahrhundert bestehende Jüdischen Gemeinde. 1938 wurde die Dessauer Synagoge von den Nazis angezündet. Am 9. November, im 80. Jahr der Wiederkehr dieses traurigen Kapitels, soll möglichst ein neues optimistischeres Kapitel hinzugefügt werden. (mz)

Am Mittwoch wurde in der Jüdischen Gemeinde zu Dessau ein Kuratorium gegründet, welches das Bauvorhaben eines Gebetsraums begleiten und unterstützen will. Es handelt sich um Mitglieder unterschiedlicher Kirchen, Initiativen und Organisationen.

Mitglieder im Kuratorium sind: Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Peter Kuras; Alexander Wassermann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde; Lothar Bärsch, christlich-jüdischer Gesprächskreis; Andreas Janßen, Evangelische Landeskirche Anhalt; Marcel Lepetit, christlich-jüdischer gesprächskreis; Jana Müller, Alternatives Jugendzentrum Dessau; Lena Norinska, Jüdische Gemeinde; Igor Pissezkiy, Landesverband Jüdischer Gemeinden; Bernd Ulbrich, Moses-Mendelssohn-Gesellschaft; Volker Wotzlaw, katholische Gemeinde.