Sprachlos im Ahrtal

2002 war Frank Lauenroth in Dessau Opfer einer Flutkatastrophe, 2021 hilft er in Rheinland-Pfalz

3.000 Euro sammelte er als Soforthilfe. Doch damit nicht genug, er fuhr selbst ins Ahrtal um zu helfen. Was der Unternehmer in Rheinland-Pfalz erlebte, stellt persönlich Erlebtes in den Schatten.

Von Danny Gitter
Frank Lauenroth aus Dessau (rotes T-Shirt) hilft einer Familie aus Altenburg an der Ahr  mit Spenden und Muskelkraft.
Frank Lauenroth aus Dessau (rotes T-Shirt) hilft einer Familie aus Altenburg an der Ahr mit Spenden und Muskelkraft. (Foto: Lauenroth)

Altenburg/Waldersee/MZ - Als Frank Lauenroth Mitte Juli die ersten Bilder von zerstörten Städten und Gemeinden in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sah, ließ ihm das keine Ruhe mehr. Hochwasser haben dort mit voller Wucht zugeschlagen. Der 57-Jährige fühlte sich zurückversetzt in das Jahr 2002. Vor 19 Jahren traten Elbe und Mulde über ihre Ufer. Sein Wohnort Waldersee wurde überflutet.

„Ich konnte also ganz gut nachvollziehen, wie es den Menschen in den Flutgebieten ging“, erzählt der Inhaber eines Honda- Autohauses. Dass er was tun musste, stand für ihn fest. Nur was, darüber zerbrach er sich tagelang den Kopf. „Das bescherte mir auch schlaflose Nächte“, erzählt Lauenroth.

Eine Tombola für die Hochwasseropfer wurde veranstaltet, mit Spenden und aus eigener Schatulle kamen 3.000 Euro zusammen

Wenige Tage nach den ersten Nachrichten von der Flut im Westen Deutschlands feierte er im kleinen Kreis das 30-jährige Jubiläum seines Autohauses nach. Eine Tombola für die Hochwasseropfer wurde veranstaltet. Mit Spenden der Gäste und aus eigener Schatulle kamen 3.000 Euro zusammen. „So ein Scheck war ein Anfang, aber irgendwie zu unpersönlich“, sagt Lauenroth. Er entschloss sich, persönlich vor Ort zu helfen und den Scheck an Bedürftige zu überreichen.

Doch das war eine größere Herausforderung als ursprünglich gedacht. Solidarität unter Autohausbesitzern wollte der Dessauer leben. Doch die Honda-Vertragspartner in den Flutgebieten winkten ab. Ein Autozulieferer für Tuningteile aus Köln fragte schließlich für ihn bei einer betroffenen Familie aus dem Ahrtal nach. Die zögerte zunächst und stimmte dann doch zu.

„Die ersten Eindrücke waren heftig und schockierend“

So konnte sich der Dessauer Unternehmer vor kurzem mit einem Bekannten und viel Spezialwerkzeug im Gepäck auf den Weg machen. Nach mehrstündiger Fahrt kamen sie in Altenburg, im Landkreis Ahrweiler, in Rheinland-Pfalz an. „Die ersten Eindrücke waren heftig und schockierend“, erinnert sich der Dessauer. Der kleine Ort, mit rund 600 Einwohnern an einer Ahrschleife gelegen, hatte sich nach der Flut in eine Kriegskulisse verwandelt. Einigen Häusern riss es die Fassade weg. Müllberge türmten sich in den Straßen. Die Familie, die er vermittelt bekam, kann ihr Haus auch nicht mehr retten. Ein Gutachter stellte einen Totalschaden fest und riet zum Abriss. Dementsprechend herrschte emotionaler Ausnahmezustand.

Der Dessauer Frank Lauenroth war 2002 selbst Hochwasseropfer. Die Zerstörungen in Altenburg aber sind weit heftiger als vor 19 Jahren in Waldersee.
Der Dessauer Frank Lauenroth war 2002 selbst Hochwasseropfer. Die Zerstörungen in Altenburg aber sind weit heftiger als vor 19 Jahren in Waldersee.
(Foto: Lauenroth)

Die Gäste aus Dessau wurden zunächst auch nicht begrüßt, sondern eher ignoriert. „Die Hilfsbereitschaft in den Flutgebieten ist so groß, dass viele Helfer eher im Weg stehen, statt effektiv helfen zu können“, konstatiert Lauenroth. Doch nach und nach näherte man sich an und Lauenroth sah durch die Erzählungen der Familie, die eigenen Fluterlebnisse vor 19 Jahren in den Schatten gestellt. Im Vertrauen darauf, dass es nicht so schlimm würde, blieben die Eltern und ihre beiden Kinder zunächst im Haus. Doch Stunde um Stunde stieg das Wasser, schließlich bis unters Dach. Durch eine Dachluke rettete sich die Familie schließlich schwimmend zu einer Waldböschung, um nicht zu ertrinken.

In DessauWaldersee konnten nach der Flut viele Häuser renoviert werden, in Altenburg im Ahrtal müssen viele Bewohner an anderer Stelle neu bauen

„Das war viel heftiger als bei uns“, erzählt Lauenroth. In Waldersee wurden sie Tage vor dem Brechen der Wälle evakuiert. Das Wasser stand im Wohnzimmer, aber nicht bis unters Dach. Genauso schockierten den Dessauer die vielen Todesopfer im Zusammenhang mit der aktuellen Flut. Im Rückblick auf 2002 kann er sich nicht an so viele Menschen erinnern, die ihr Leben verloren haben.

In Waldersee konnten viele Häuser renoviert werden. In Altenburg im Ahrtal müssen viele Bewohner an anderer Stelle neu bauen. Statt wie geplant beim Renovieren zu helfen, nutzten Lauenroth und sein Bekannter den einen Tag vor Ort, um die Familie beim Entrümpeln zu unterstützen. Die menschliche Geste und der Scheck sollen Lichtblicke bieten. Denn die Zukunft wird herausfordernd. „Nach einem Jahr waren wir damals wieder voll im Alltag angekommen“, sagt Lauenroth zu 2002/03. Bei vielen Menschen im Ahrtal wird es länger dauern. Doch der Dessauer will eine Stütze sein. Regelmäßig steht er mit der Familie in Kontakt und ist jederzeit bereit, wenn seine Hilfe vor Ort wieder gefragt ist.