„Frau Reverte soll bleiben“

Wird die Schulsozialarbeit in Muldestausee aus Kostengründen eingestellt?

Die Art der Fortführung steht gegenwärtig auf dem Prüfstein. Eine Schule in Friedersdorf kämpft um Fortbestand und wird von gleich mehreren Bürgermeistern unterstützt.

Von Silke Ungefroren
Nadine Blümel, die Leiterin der Friedersdorfer Bernsteinschule, übergibt die Schreiben an Jugendhilfeausschuss-Chef Marcel Urban.
Nadine Blümel, die Leiterin der Friedersdorfer Bernsteinschule, übergibt die Schreiben an Jugendhilfeausschuss-Chef Marcel Urban. (Foto: Michael Maul)

Friedersdorf - „Frau Reverte soll an unserer Schule bleiben, weil sie mir Mut macht.“ Bunt bemalt ist das Blatt Papier, auf dem dieser Satz steht. Viele solcher Sätze auf vielen solcher liebevoll gestalteten Blätter wurden dieser Tage in der Friedersdorfer Bernsteinschule geschrieben - mit ähnlichen Begründungen: „Weil sie mir hilft, wenn ich mich streite.“ „Weil sie uns sagt, dass wir es ansprechen sollen, wenn wir Probleme mit anderen Kindern haben.“ „Weil es ohne Frau Reverte keinen Spaß macht.“

Vanessa Reverte ist Schulsozialarbeiterin in dieser Grundschule - drei Tage in der Woche, die anderen beiden Tage ist sie als solche in der Gossaer Grundschule aktiv. Doch die Art und Weise der Fortführung der Schulsozialarbeit und vor allem deren finanzielle Förderung stehen derzeit in ganz Sachsen-Anhalt auf dem Prüfstein.

Bürgermeister Ferid Giebler (parteilis) hat sofort seine Unterstützung zugesagt

Deshalb wird schon länger auch im Landkreis Anhalt-Bitterfeld an einem Konzept gearbeitet, wie das Ganze hier zukünftig gestaltet werden soll. Jetzt liegt ein erstes Papier vor - mit den Planungen für den Zeitraum vom 1. August dieses Jahres bis zum Sommer 2024. Und demnach könnte es durchaus passieren, dass in einigen Grundschulen wie denen in Muldestausee - die dritte befindet sich in Rösa, die sich eine Schulsozialarbeiterin mit Gröbzig teilt - diese wichtigen Fachkräfte künftig wegfallen werden.

Das hat die Friedersdorfer auf den Plan gerufen. Lehrerschaft, Eltern und Schüler wurden aktiv, verfassten Schreiben, holten die anderen beiden Grundschulen ins Boot, wandten sich an Muldestausee-Bürgermeister Ferid Giebler (parteilos). Der hat sofort Unterstützung zugesagt und fand in seinen Amtskollegen aus Sandersdorf-Brehna und Zörbig, Andy Grabner und Matthias Egert (beide CDU), aktive Mitstreiter. In der Friedersdorfer Schule wurden nun sämtliche Schreiben an den Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses des Kreistages, Marcel Urban, übergeben - mit dem dringenden Appell, sich für den Erhalt der Schulsozialarbeit in den Grundschulen einzusetzen.

„Auch wenn wir keine sogenannte Brennpunktschule sind - sie wird gebraucht“

Die Argumente, die vorgebracht werden, sind stichhaltig. „Frau Reverte ist unverzichtbar für uns“, sagt Nadine Blümel, die Leiterin der Bernsteinschule. „Sie bringt den Kindern bei, sich ohne Fäuste zu wehren. Organisiert viele sozialpädagogische Projekte wie Streitschlichtung und Anti-Mobbing- und Anti-Aggressions-Aktionen, ist einfach für alle mit persönlichen Sorgen da.“

Dinge, die von den Lehrern in dieser Form einfach nicht zu bewältigen seien. „Auch wenn wir keine sogenannte Brennpunktschule sind - sie wird gebraucht.“ Einmal mehr seit Corona, wo die Pädagogen oft an ihre Grenzen stießen. Seitdem würden auch immer mehr Eltern die Schulsozialarbeiterin als Ansprechpartnerin wählen.

Beim Chef des Jugendhilfeausschusses stoßen alle diese Argumente auf offene Ohren

Dass die Absicherung des Unterrichts samt Notbetreuung während der Pandemie eine große Herausforderung für die Lehrer ist, betont auch Bürgermeister Giebler. Doch nicht nur deshalb mache er sich für den Erhalt der Schulsozialarbeit stark. „Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert“, sagt er. Spricht von Alleinerziehenden und von erhöhtem Leistungsdruck, von Gewaltpotential und davon, dass es immer schwerer werde, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Beim Chef des Jugendhilfeausschusses stoßen alle diese Argumente auf offene Ohren, wie er sagt. Die Unterstützung des Gremiums sei gewiss, es werde darum kämpfen, die Schulsozialarbeit nicht nur fortzuführen, sondern unter Berücksichtigung des in den letzten Jahren gewachsenen Bedarfes zu optimieren. „Doch ich will dem Landkreis auch nicht den Schwarzen Peter zuschieben“, sagt Urban. Zumal zu der einen Million Euro, die der Kreis jährlich ohnehin dafür zuschieße, ab 2022 eine weitere knappe halbe Million für das vom Land geförderte ESF-Projekt hinzukommen soll (siehe „Schulsozialarbeit über zwei Ebenen“).

Diskussionsgrundlage, die anhand von Zahlen und landesweiten Indikatoren erstellt worden ist

Das erarbeitete Papier sehe er als eine Diskussionsgrundlage, die anhand von Zahlen und landesweiten Indikatoren wie Migrationshintergründen und sozialen Brennpunkten erstellt worden sei. „Wir müssen jetzt in die Schulen gehen, den wirklichen Bedarf ermitteln, mit den Leuten reden.“

Sei es bei dem bisherigen landkreiseigenen Projekt nur um Grundschulen gegangen, kämen jetzt auch Sekundarschulen hinzu. Volle Stellen, Teilzeit, bei über 300 Schülern gar zwei Sozialarbeiter - auch solche Dinge stünden auf der Tagesordnung und müssten berücksichtigt werden. Das Thema ist Schwerpunkt der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 16. Juni.

Auch die Kinder haben ihre Meinung in liebevollen Sätzen aufgeschrieben.
Auch die Kinder haben ihre Meinung in liebevollen Sätzen aufgeschrieben.
(Foto: Michael Maul)