Vertreibung

Vertreibung: Recht- und machtlos in Jahren der Angst

Wittenberg/MZ. - Hubert Kraus kämpft gegen das Vergessen. Das Vergessen des Leids der Vertreibung, das er mit Millionen anderen teilte, und gegen das Vergessen des Dorfes, in dem er geboren wurde: Groß-Iser im Isergebirge mit 38 Häusern, zwei Gasthäusern, einer Schule, Feuerwehr, Försterei, einem Jagdschloss und anderem. Der Ort wurde 1945 dem Erdboden gleich gemacht, geblieben ist nur die ehemalige neue ...

Von Karina Blüthgen 10.02.2004, 17:33

Hubert Kraus kämpft gegen das Vergessen. Das Vergessen des Leids der Vertreibung, das er mit Millionen anderen teilte, und gegen das Vergessen des Dorfes, in dem er geboren wurde: Groß-Iser im Isergebirge mit 38 Häusern, zwei Gasthäusern, einer Schule, Feuerwehr, Försterei, einem Jagdschloss und anderem. Der Ort wurde 1945 dem Erdboden gleich gemacht, geblieben ist nur die ehemalige neue Schule.

Geboren wurde Hubert Kraus im Mai 1935. Bis 1945 lebte er mit seinen Eltern Gertrud und Erich Kraus sowie mit seinen Brüdern Horst und Lothar auf dem Hof der Familie. Am 10. Mai begann die zeitweilige Besetzung des Ortes durch russisches Militär. "Mit dieser Zeit hatten die furchtbaren Verbrechen an deutschen Frauen begonnen", schreibt Hubert Kraus über diese Zeit. Ein Bewohner wurde erschossen, das Jagdschloss niedergebrannt. Nach der Roten Armee kamen polnische Soldaten. "Von da an waren wir ein Nichts", erinnert sich Kraus. Im Juni wurden die ersten Bewohner vertrieben. Mitnehmen durften sie nur, was sie tragen konnten.

Als Zehnjähriger kam er mit seiner Familie nach Bad Flinsberg. Bis 1947 lebten sie dort, ständig in Angst, in ein Vernichtungslager für Deutsche gebracht zu werden, ständig Gewalt, Überfällen, Plünderungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. "Ab 1947 wurde die Lage etwas besser. Die Engländer und Amerikaner verstärkten den Druck auf Polen und Russland, die Vertreibung menschlicher zu gestalten", so Kraus in seiner kurzen Chronik. Im Dezember 1946 war er mit seinem Vater noch einmal nach Groß-Iser gefahren, der Ort war völlig geplündert und lag in Trümmern. Im Juni 1947 wurde Erich Kraus erhängt aufgefunden. Ob es Mord oder Selbstmord war, wurde nie untersucht. Kurz darauf begann die organisierte Vertreibung. "Wir mussten uns mit unserer restlichen Habe auf dem Bahnhof von Bad Flinsberg einfinden, wurden in Transportlisten erfasst und in Waggons verladen", schreibt Kraus.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Quarantänelager, die Versorgung musste jeder selbst organisieren, durchliefen viele die "polnische Endkontrolle", bei der Schmuck, Sparbücher und Bekleidung eingezogen wurden. "Wir selbst hatten Glück - keine Kontrolle." Bewacht von polnischen Soldaten wurde ein neuer Zug zusammengestellt. Nach tagelanger Fahrt, nach einer Entlausung und Essen diesseits der Neiße ging die Fahrt in Güterwagen nach Apollensdorf. Vier Wochen blieb die Familie im dortigen Quarantänelager. "Zum ersten Mal warst du wieder richtig Mensch und durftest dich Deutscher nennen."

Der Transport wurde geteilt, die Familie Kraus kam nach Zahna. "Wir wurden bei der Familie Meusel in der Bahnhofstraße untergebracht", schreibt Hubert Kraus weiter. Drei Leute in einem Zimmer, Essen gab es auf Lebensmittelkarten, Holz musste aus dem Wald geholt werden. "Für einige Einheimische waren wir Fremde. Besonders die Bauernkinder gaben uns Vertriebenenkindern oft zu verstehen: Seht auf mein Butterbrot, und wo ist deins?" Doch es gab Menschen, die den Vertriebenen halfen. Kaufleute, Lehrer und Handwerker unter anderem aus Zahna. Bauern aus den Dörfern, die die Flüchtlingskinder ein bis zwei Wochen mit Mittagessen versorgen konnten und dies auch taten. Der zwölfjährige Hubert Kraus hatte in der schulfreien Zeit zum Unterhalt der Familie beizutragen, durch Kartoffeln stoppeln, Ähren lesen und der Arbeit bei einem Bauern in Kurzlipsdorf.

Ab August besuchte Hubert Kraus die Grundschule Zahna, die er nach der achten Klasse 1950 abschloss. Er absolvierte eine Schlosserlehre im Stickstoffwerk Piesteritz, war von 1959 an zwanzig Jahre bei der Transportpolizei und nach Studium und Lehrgängen als Reichsbahn-Oberinspektor tätig. Er ist jetzt Rentner. Er heiratete 1958 eine Zahnaerin, hat vier Kinder und inzwischen sieben Enkel. Erinnern ist für Hubert Kraus wichtig: "Wer dazu schweigt, das alles verschweigt oder so tut, als hätte es so etwas nach dem Krieg 1945 nicht gegeben, macht aus einem Unrecht noch nach Jahren ein Recht."

Das "Haus der Geschichte" in Wittenberg, Schlossstraße 6, ist dienstags bis freitags 10 bis 17 Uhr, Wochenende und Feiertage 11 bis 18 Uhr offen.