Mahnmal Mahnmal: Neue Stolpersteine in Bitterfeld

bitterfeld/MZ - Es ist das letzte, das sie von ihm weiß: „Ein Verrat führte meinen Vater in die Hände der Gestapo (...). Von einem Sammellager in Malines ist er nach Auschwitz deportiert und Ende 1944 oder Anfang 1945 in einer Gaskammer umgebracht worden.“ Diese Zeilen hat die Tochter Helga viel später über ihren Vater Max Nussbaum aufgeschrieben. Sie sind Teil der Geschichte einer Familie, die Jahrzehnte zum gesellschaftlichen Leben Bitterfelds gehört hat. Die angesehenen Geschäftsleute wollten die Stadt nie verlassen. Im Gedenken an Nussbaums werden nächsten Mittwoch vier Stolpersteine in der Burgstraße 40 verlegt. Deutschlandweit erinnern diese mit Messingplatten versehenen Steine an ehemalige Bewohner der Stadt, die vom Nazi-Regime verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Für Bitterfeld-Wolfen sind es die ersten. Die Tafeln tragen die Namen von Max (1882 bis 1944) und Jenny Nussbaum (1885 bis 1955) sowie von deren Kindern Helmut (1911 bis 2005) und Helga (1915 bis 1996).
Grauenvolle Geschichte
„Es entsteht ein fester Ort, um meiner Familie zu gedenken. Und es ist auch ein Mahnmal, dass so etwas nie wieder geschehen darf“, sagt der Nachfahre Daniel Nussbaum. Er ist der Sohn von Helmut Nussbaum. Den 64-Jährigen aus Saarbrücken prägt die Geschichte bis heute. „Als Kind wusste ich, dass in unserer Familie einiges anders ist. Ich bin Franzose, mein Vater ist in Bitterfeld geboren und der Rest der Familie lebt überall auf der Welt.“ Viel gesprochen habe man zu Hause nicht über das Schicksal der Eltern und Großeltern. „Aber es war auch kein Geheimnis. Ab einem gewissen Alter wusste ich, dass eine grauenvolle Geschichte mit uns verbunden ist.“
Sein Vater Großvater Max Nussbaum kam aus Frankfurt/Oder, besuchte die Schule in Jeßnitz und lebte in Dessau. Nach der Kaufmannslehre übernahm er das Textil-Geschäft aus Familienhand in Bitterfeld am Markt (heute Fielmann-Filiale). Später gründete er ein Manufakturwaren-Geschäft in der Burgstraße. Es wurde 1928 nach großem Umbau eröffnet. Im Haus mit der damaligen Nummer 47 konnten Kunden Berufsbekleidung kaufen, die Firma lieferte aber auch im Großauftrag Handschuhe. Das Geschäft war angesehen. Der Werbespruch hieß: „Nussbaum - das Kaufhaus für alle“.
SA-Posten vor Geschäft
Mit dem Nazi-Regime begannen die Drangsalierungen. „Ab 1933 wurde die SA vor unserem Geschäft stationiert und den Kunden, die sich als sehr treu erwiesen, unter Drohungen der Eingang verwehrt“, steht in den Erinnerung der Tochter Helga Beermann. Ab 1937 „wurden die nazistischen, antisemitischen Aggressionen so stark, dass die Polizei heimlich meinen Vater vor nazistischen Razzien warnte und er mehrere Wochen mal in Leipzig, mal in Berlin anonym wohnen musste.“
Die Kinder Helmut und Helga sahen die Gefahr früh, sie flüchteten kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933. Sie mit 18 Jahren nach Dänemark, er ging mit 22 nach Frankreich. Immer wieder beknieten sie ihre Eltern, die Stadt zu verlassen. Aber die hingen an Bitterfeld, an Deutschland.
Flucht 1938
Schließlich blieb ihnen 1938 nichts anderes übrig, als der Heimat den Rücken zu kehren. Max Nussbaum musste sein Geschäft zwangsverkaufen, auch die Sechs-Zimmer-Wohnung in der Binnengärtenstraße 2 gab die Familie auf. Den weiteren Weg kennzeichnen Verfolgung, Todesangst und Verrat. Über mehrere Stationen führte sie die Flucht 1940 nach Belgien, 10 000 Mark bezahlten sie, um über die Grenze zu gelangen.
Als dort die Judenverfolgung begann, trennten sich die Wege des Ehepaares: Max Nussbaum ging nach Brüssel, seine Frau Jenny nach Frankreich. Warum sie das tat, wissen die Nachfahren heute nicht mehr. „Mein Vater fand Arbeit, musste oft in fremden Wohnungen übernachten, weil sein Leben in Gefahr war“, erzählt Daniel Nussbaum. „Er wurde verraten und kam in ein belgisches Lager. Im November 1944 wurde er von dort nach Auschwitz in den Tod deportiert.“ Seine Großmutter Jenny kam 1944 in ein Lager in der Dordogne, dort wurde sie von den Alliierten befreit. Sie starb 1955 im französischen Metz.
Die Kinder der beiden begannen nach der Flucht ein neues Leben, von der Familie getrennt, in ständiger Sorge. Helga überlebte in Dänemark und Schweden, bekam einen Sohn. Helmut Nussbaum arbeitete in der Landwirtschaft, erhielt die französische Staatsbürgerschaft und lernte seine Frau Irene kennen. Als Vater von zwei Kindern wurde er in die Armee eingezogen. In der Nähe von Hannover kam er in Kriegsgefangenschaft, 1945 befreiten ihn die Alliierten. Er starb 2005 in Saarbrücken. Dort leben noch heute seine beiden Söhne.
Bis heute keine Antwort
Die Vergangenheit lässt Daniel Nussbaum nicht los, sagt er. Damit meint er nicht so sehr die jüdischen Wurzeln seines Vaters, sondern zentrale Fragen: „Wie konnte es so weit kommen? Wozu sind Menschen fähig? Man findet keine Antwort.“ Mit seinem Vater sprach er wenig darüber. Er sei nie ein Gefühlsmensch gewesen. „Man wusste nie so recht, wie es in ihm aussieht. Sicher gehört er auch zu einer anderen Generation. Aber es hat sehr viel mit dem Erlebten zu tun.“ Das hat der Vater nie verleugnet. „Aus Deutschland fliehen zu müssen, war ein harter Einschnitt. Die Geschwister waren noch sehr jung, hatten ihre ganze Zukunft in Deutschland gesehen.“ Später sei der Vater immer wieder nach Deutschland zurückgekehrt.
Ende der 90er Jahre begann der Kontakt zum jetzigen Bitterfelder Ortsbürgermeister Joachim Gülland. Daraus entstand eine tiefe Freundschaft der Familien. Man besuchte sich gegenseitig, Helmut Nussbaum war zu Gast in Bitterfeld. Die Idee zu den Stolpersteinen kam nun von den Nachfahren. Sie wollten einen festen Ort der Erinnerung - und der Mahnung: niemals vergessen. Damit sich Geschichte nicht wiederholt.
