Evakuierung

Evakuierung: Vierzehn Mann an einem Tisch

Wittenberg/MZ. - Ist es sonst nur einer, stehen inzwischen drei volle Müllsäcke vor dem Haus in der Johannes-Runge-Straße 36. Mindestens mal drei muss die Familie Gucinski aus Wittenberg all das nehmen, was sie normalerweise für den Haushalt braucht. Vervielfacht hat sich das Essen, das Trinken, die Schlafplätze, die Spielzeuge - und die Arme müssten um so einiges länger sein, wollte man die Butter von einem Ende des Tisches an das andere reichen: Die Tafel hat man ausgezogen, damit vierzehn Mann Platz finden, wo an anderen Tagen nur drei ...

Von Ina Henrichs 25.08.2002, 15:50

Ist es sonst nur einer, stehen inzwischen drei volle Müllsäcke vor dem Haus in der Johannes-Runge-Straße 36. Mindestens mal drei muss die Familie Gucinski aus Wittenberg all das nehmen, was sie normalerweise für den Haushalt braucht. Vervielfacht hat sich das Essen, das Trinken, die Schlafplätze, die Spielzeuge - und die Arme müssten um so einiges länger sein, wollte man die Butter von einem Ende des Tisches an das andere reichen: Die Tafel hat man ausgezogen, damit vierzehn Mann Platz finden, wo an anderen Tagen nur drei sitzen.

Vor gut einer Woche musste Egbert Gucinski mit seiner Frau, Schwiegermutter und seinen sechs Kindern das Grundstück im überschwemmten Seegrehna verlassen und fand bei seinem Bruder Asyl. "Das ist völlig selbstverständlich", sagt nun der, auch wenn die Umstellung groß ist, er die Nächte auf der Couch verbringt: "Alles kein Problem." Die Stimmung bei der Zusammenkunft im sonnenbeschienen Garten scheint tatsächlich besser, als es die Umstände vermuten lassen. Als Egbert das erste Mal nach der Flut daheim war, den Schaden zu ermessen, stand das Wasser noch so hoch, dass die Gummistiefel völlig überflüssig waren. Auf die trockene Terrasse hatten sich vier Rehe gerettet, die die letzten Zierblumen fraßen. "Aber ich hatte Schlimmeres erwartet." Bereits erste Warnungen hatte die Familie ernst genommen, Hausrat nach oben getragen oder aufgebockt und aus Sorge um die Kinder rechtzeitig die Flucht ergriffen. Hilfe fanden die Gucinkis auch von außerhalb: Die dreißig Hühner etwa fanden bei einem Bekannten Zuflucht, der am Ende der Woche der Familie sogar die Eier tütenweise hinterher brachte.

Die Schäden malt sich das Paar aus Seegrehna nun von Ferne aus, genauso wie die bevorstehenden Aufräumarbeiten. "Das Materielle ist die eine Sache", sagt Maria. Aber es stecke zum Beispiel auch viel Arbeit der Kinder in den Feldern, die jetzt wahrscheinlich unter öligem Schlamm zugrunde gehen.

Mindestens eine Woche lang noch werden sich die Gucinskis als Großfamilie in Wittenberg unterhalten müssen: Es gibt Pizza oder überbackene Schnitten, alles was schnell geht und viele satt macht. "Vorgestern hat Mutti Hefekuchen gebacken und die Schwägerin hat die Pflaumen beigesteuert." Sie alle beteuern, sich nicht auf die Nerven zu gehen. Im Gegenteil: "Wir werden euch vermissen", lacht Rolf. "Eigentlich ist es wie Urlaub", sagt die 13-jährige Sarah und fügt hinzu: "Es ist schon alles traurig. Ich wäre natürlich lieber in der Schule." Die Kinder verstehen sich gut - erinnerten aber die Wittenberger Gucinkis daran, nicht alles offen liegen zu lassen. Die Fotoausrüstung nicht und auch nicht das Aquarium: Nachdem Ludwig, fünf Jahre, den Fisch aus Mitleid mit Salzstangen überfüttert hatte, wurde auch das Tier evakuiert und schwimmt jetzt seine Runden in einem Einweckglas.