„Es kommen immer weniger Kunden“

Händler in Bernburg protestieren gegen Lockdown

Dreimal müssen Polizisten die Demonstration der Unternehmer durch Bernburg wegen Maskenverweigerer stoppen. Dennoch ist die Organisatorin zufrieden.

Von Katharina Thormann
Mit einem Protestzug sind Bernburgs Unternehmer gegen den anhaltenden Lockdown durch die Bernburger Innenstadt gezogen. Foto: Conny Schreiber

Bernburg - Mit einem Protestzug durch die Bernburger Innenstadt haben am Samstagvormittag Unternehmer und deren Angestellte aus Bernburg gegen den seit rund einem halben Jahr andauernden Lockdown demonstriert. Rund 100 Menschen beteiligten sich laut Polizeischätzung an der Aktion, die auf die Not der Selbstständigen vor allem in Gastronomie und der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen sollte.

Dementsprechend zahlreich war die Beteiligung von Gastronomen und deren Angestellte, Selbstständige aus der Kosmetik- und Schönheitsbranche sowie Betreiber von Bernburger Handyläden.

Eine, die ganz vorn in den Reihen der Protestler mitlief, war Melanie Hinsdorf aus Alsleben: „Ich habe einfach keine Perspektive mehr, darum bin ich hier“, sagt die Betreiberin eines Nagelstudios. Dieses darf zwar nach monatelangem Lockdown nun geöffnet bleiben, aber immer mehr Kunden ließen sich von den zertifizierten Schnelltests abschrecken, die bei einem Termin verpflichtend sind.

Henriette Hellfritsch-Hütle hatte den Protestzug der Bernburger Unternehmen organisiert.
Conny Schreiber

„Es kommen immer weniger Kunden“, berichtet die Alslebenerin, die ihren Traum von ihrer Selbstständigkeit aber noch nicht aufgeben will. Genauso wie Patrick Töpfer, der nicht nur seit Jahren Mr. Beefs Diner in der Stadt betreibt, sondern seit Herbst 2020 auch Mr. Steels Dartbar an der Poststraße:

„Drei Wochen lang durfte ich öffnen, seitdem ist zu und die Einnahmen sind gleich null.“ Zumindest sein Vermieter sei ihm bei der Miete entgegengekommen und obwohl er Außer-Haus-Essen in seinem Imbiss anbieten darf, gibt es kaum einen Monat, in dem er damit die Kosten decken kann.

Ebenso düster sieht es auch für Nancy Bornholz aus, die für den Protestzug ein Plakat gebastelt hatte mit der Aufschrift: „Rettet die Gastronomie - Pep-Bistro.“ Denn genau dort ist die Bernburgerin auch angestellt. Doch weil viele der Märkte im Pep-Markt immer wieder wegen zu hoher Inzidenzen geschlossen bleiben müssen, arbeitet auch sie nur verkürzt - seit Monaten.

„Demonstrationen von Ignoranten sind unverantwortlich und gefährden die unbedingt notwendige Reduzierung der Infektionsrate.“

Stadtratsmitglied Erich Buhmann

Dass so viele dem Aufruf der Nienburger Gastronomin Henriette Hellfritsch-Hüttl, die in Bernburg das Caféhaus Henriette betreibt, gefolgt sind, freute sie sehr: „Es zeigt die massive Unzufriedenheit.“

Zu den demonstrierenden Bernburger Unternehmern und deren Angestellten hatten sich aber auch Impfgegner und Maskenverweigerer gemischt, die ihren Frust mit Parolen aus dem Lautsprecher kund taten. „Auch wenn wir eine Teilnahme nicht verhindern konnten, so grenzen wir uns aber massiv von den durchgesagten Ansagen ab“, machte Organisatorin Henriette Hellfritsch-Hüttl klar.

Beinahe wäre der Demonstrationszug bereits kurz nach dem Start auf dem Markt in der Talstadt dann auf dem Saalplatz beendet gewesen, weil einige Teilnehmer ihre Masken aus dem Gesicht abgenommen hatten. Zwei weitere Male mussten die Polizisten eingreifen und einen Teil der Protestler auf die geltende Maskenpflicht hinweisen. „Trotzdem lief die Demonstration verhältnismäßig friedlich ab, es kam zu keinen Ausschreitungen“, bilanzierte ein Polizeisprecher.

Unterdessen gab es nach der Veranstaltung Kritik aus der Politik. Nämlich von Bernburgs Grünen-Stadtratsmitglied Erich Buhmann, der die Aktion öffentlich auf der MZ-Facebook-Seite folgendermaßen kommentierte: „Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen unser Augenmerk, unsere Einzelhändler und unsere Wirte und unsere Künstler müssen unterstützt werden, aber Demonstrationen von Ignoranten sind unverantwortlich und gefährden die unbedingt notwendige Reduzierung der Infektionsrate.“

Eine weitere Aktion ist unterdessen vorerst nicht geplant. Stattdessen liegt die Hoffnung der Organisatorin Henriette Hellfritsch-Hüttl auf dem Inzidenz-Wert im Salzlandkreis, der am Wochenende begonnen hat zu sinken. Ab einem Wert unter 100 habe Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) angekündigt, wieder Modellprojekte in Sachsen-Anhalt zuzulassen. „Auch die Stadt Bernburg hat sich dafür beworben und ich hoffe sehr, dass wir dabei sein dürfen“, sagt Henriette Hellfritsch-Hüttl. Es wäre nach mehr als einem halben Jahr Stillstand ein erster Schritt zur Normalität. (mz)