Erster abgelehnter Asylbewerber aus Syrien

Syrischer Asylbewerber aus Aschersleben

Aschersleben - Schutzstatus statt Asyl

Von Elisabeth Krafft 10.05.2016, 08:49

Mohamad Ghazwan Zaghal, 37, lebt seit acht Monaten in Deutschland. Seit Februar arbeitet er als Friseur im Salon am Tie, hat vor einem Monat den Mietvertrag für seine erste Wohnung in Aschersleben unterschrieben. Eigentlich könnte es dem Syrer gut gehen, hätte er nicht vor zwei Wochen erfahren, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde.

Als Ghazwan Zaghal den Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bonn (Bamf) erhalten hat, habe er zuerst seine Chefin Monika Breitwieser angerufen. Völlig fassungslos habe er ihr erzählt, dass ihm zwar der Schutzstatus zuerkannt, sein Asylantrag aber abgelehnt wurde.

Wunsch nach Leben im Frieden

Der 37-Jährige hat lediglich eine einjährige Aufenthaltserlaubnis zugesprochen bekommen, die für jeweils zwei Jahre verlängert werden kann. Seine Familie, die noch in Syrien lebt, darf frühestens in zwei Jahren nachkommen. Ein Rückschlag für den 37-Jährigen. „Ich will endlich in Frieden leben, gemeinsam mit meiner Familie. Sie ist nicht sicher, sie lebt im Krieg“, sagt Ghazwan Zaghal.

Seitdem der 37-Jährige im Friseursalon arbeitet, sind er und Monika Breitwieser zusammengewachsen. Zuerst war er noch Praktikant, nach zwei Wochen gab sie ihm eine unbefristete Festanstellung. Sie erzählt gern, wie gut sich der syrische Friseur eingelebt hat, von seinen Fähigkeiten und seiner Freundlichkeit. „Sein Können ist ein Gewinn für unseren Laden“, sagt sie. Zuletzt hat sie ihn bei der Suche nach einer Wohnung unterstützt. Im Juni soll er einziehen. „Und jetzt dieser Rückschlag“, sagt Breitwieser.

Wenn man Ghazwan Zaghal fragt, wieso er aus Syrien geflüchtet ist, nennt er nicht nur den Bürgerkrieg als Grund. Weil er viele Jahre in Dubai gearbeitet hat, sei er immer wieder Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Viele Syrer halten Dubai für den Hauptfinanzierer der Freiheitskämpfer und haben ihn deshalb als Verräter beschimpft, erzählt er. Eines Morgens habe er eine Warnung an der Tür seines Salons gefunden: „Pass auf, sonst explodiert dein Laden“. Später wurde sein Salon von einer Bombe zerstört. Erst an diesem Tag habe er beschlossen, zu fliehen.

Angst um Familie und Zukunft

Dass sein Asylantrag abgelehnt wurde, ist für den Syrer auch deshalb nur schwer zu verstehen. „Wieso muss ich verfolgt werden? Reicht es denn nicht, dass in meiner Heimat Krieg herrscht“, fragt er immer wieder. Die Angst um seine Familie und deren Zukunft belastet ihn zunehmend. In den vergangenen fünf Monaten hat er 14 Kilogramm abgenommen. Er könne nicht aufhören nachzudenken, nicht zur Ruhe kommen, sagt er. Seitdem ihn der Bescheid aus Bonn erreicht hat, legt ihm Monika Breitwieser jeden Morgen eine Notiz auf seinen Arbeitsplatz. Darauf steht: „Smile“ oder „Be happy“.

Erster Fall in Aschersleber Unterkunft

„Bevor Herr Zaghal seinen Bescheid erhalten hat, war uns diese Art von Ablehnung bei syrischen Flüchtlingen unbekannt“, sagt Carsten Schulze. Er ist Heimleiter der Gemeinschaftsunterkunft in der Froser Straße, in der auch Ghazwan Zaghal lebt. In den vergangenen Tagen hätten dann zwei weitere Syrer einen Ablehnungsbescheid erhalten. Auch ihnen wurde lediglich der Schutzstatus zugesprochen. Schulze glaubt, dass die plötzliche Häufung mit der Einführung des Asylpaketes II zusammenhängt, das im Februar von der Bundesregierung verabschiedet wurde und im März in Kraft getreten ist. „Davor war die Zahl abgelehnter Asylanträge syrischer Flüchtlinge definitiv geringer. In unserer Unterkunft hatten wir keinen einzigen Fall.“ Wie viele syrische Flüchtlinge seit März ebenso wie Ghazwan Zaghal kein Asyl in Deutschland bekommen haben, ist unklar. Zahlen liegen nicht vor.

Das Asylpaket II bestimmt Gruppen, deren Asylverfahren beschleunigt durchgeführt werden können. Dazu gehören Asylbewerber aus sicheren Herkunftsländern, Folgeantragsteller und Bewerber, die nicht beim Verfahren mitwirken.

Um die Flüchtlingsströme besser zu bewältigen, wird der Familiennachzug für Antragsteller mit subsidiärem Schutz für zwei Jahre ausgesetzt.

Subsidiären Schutz erhält, wem in seinem Herkunftsland die Vollstreckung der Todesstrafe, Folter, unmenschliche Behandlung sowie Bestrafung oder Bedrohung durch willkürliche Gewalt droht.

Asyl erhält hingegen, wer wegen seiner Religion, Rasse, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder seiner politischen Überzeugung verfolgt wird, oder eine Verfolgung fürchtet, heißt es in einer Veröffentlichung der Bundesregierung. (mz/elik)

Bis zum Eintreffen seines Ablehnungsbescheids hatte Ghazwan Zaghal gehofft, seine Eltern und Schwestern nach Deutschland nachholen zu können. „Ich habe Angst um sie“, sagt der Friseur. Warum sie nicht auf dem gleichen Weg flüchten wie er? „Das ist viel zu gefährlich.“ Auf seiner Flucht sei er von Grenzern geschlagen worden, habe sich seine Nase und eine Hand gebrochen. Wenn er keine Aussicht darauf habe, seine Familie nachholen zu können, wolle er zurück nach Syrien. Er wolle sie nicht allein lassen. Gleichzeitig habe er aber auch Angst vor einer Rückkehr. „Um sie beschützen zu können, werde ich ein Gewehr tragen müssen.“

Vor wenigen Tagen hat er Widerspruch gegen die Entscheidung des Bamf eingelegt. Darin schreibt er: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Syrien eines Tages ein friedliches, demokratisches Land wird. Bis dahin möchte ich entweder am Leben bleiben oder eines natürlichen Todes sterben.“ Seither wartet er auf eine Antwort. (mz)