30 Jahre Mauerfall

Gespräch im Bestehornhaus beendet Veranstaltungen Jahrestag friedliche Revolution DDR: Von Chancen und Hoffnungen

Aschersleben - Während Pfarrerin i.R. Dorothee Mücksch und der Arzt Norbert Jahn die Wendezeit in Aschersleben bewusst mitgestalteten, erlebten Claudia König und Sabrina Jung den Fall der Mauer als Kinder. Beide leben heute im ländlichen Brandenburg, haben Ost- und Westerfahrungen gesammelt.

Von Kerstin Beier

„Bei manchen Themen ist man lieber ruhig“. Zum Thema Schokoladensuppe als Hauptspeise zum Beispiel würde Sabrina Jung, die Westdeutsche im Osten, heute nichts mehr sagen.

Die junge Frau ist Teil einer Gesprächsrunde, zu der Kulturanstalt, Fachhochschule der Polizei und Evangelisches Kirchspiel am Montagabend eingeladen hatte.

Fast drei Stunden lang berichteten Menschen verschiedener Prägung und mit unterschiedlichen Lebenswegen von ihren Erfahrungen in der DDR, ließen die Gäste im Bestehornhaus an ihren Gedanken zur friedlichen Revolution teilhaben, sprachen über Chancen, erfüllte und enttäuschte Hoffnungen.

Die Gesprächspartner stammen aus verschiedenen Generationen

Während Pfarrerin i.R. Dorothee Mücksch und der Arzt Norbert Jahn die Wendezeit in Aschersleben bewusst mitgestalteten, erlebten Claudia König und Sabrina Jung den Fall der Mauer als Kinder. Beide leben heute im ländlichen Brandenburg, haben Ost- und Westerfahrungen gesammelt und verwirklichten ein gemeinsames Buchprojekt. Das stellt Frauen literarisch und fotografisch in den Mittelpunkt, die als Folge des Systemwechsels Kränkung, berufliche Umbrüche und Abwertung erfahren haben.

„Wir wollten bewusst Alltagsgeschichten erzählen und das normale Leben in stark politischer Zeit aufwerten“, erklärt Claudia König. Sie denkt, dass die Verluste für Jüngere weniger groß waren, weil sie neue Chancen anders nutzen konnten.

Im Prinzip bestätigt das der Ascherslebener Unternehmer Christoph Remitschka. Vor der Wende in der Wema beschäftigt, musste der damals noch nicht 30-Jährige zusehen, wie von 2.000 Beschäftigten 250 übrig geblieben sind.

Der Modell- und Formenbau wurde ausgelagert, und er nutzte euphorisch und voller Optimismus die Möglichkeit, sein eigener Chef zu werden. Nach einem Jahr harter Verhandlungen mit der Treuhand kaufte er die „Karosse“, heute beschäftigt er 20 Mitarbeiter.

Christoph Remitschka machte sich als junger Mann nach der politischen Wende selbstständig

Leicht ist es nicht, auf dem Markt zu bestehen. Zu groß die Unwägbarkeiten im Automobilsektor und im Maschinenbau, zu groß die Zahl offener Fragen von Brexit bis Sanktionen. Auf die Frage von Moderatorin Annette Schneider-Solis, ob er sich seine Situation anders denken könnte, sagt er: „Nach 30 Jahren Selbstständigkeit wäre alles andere schwierig.“

Den Rückblick auf die „große Politik“ an diesem Abend unternahm Stefan Hilsberg, Mitbegründer der SDP und Erster Sprecher der Partei. Obwohl er die DDR gehasst habe, habe er spät zur Opposition gefunden - sich dort dann aber umso wohler gefühlt. Obwohl er anfangs kein leidenschaftlich-emotionaler Verfechter der deutschen Einheit war, sei ihm bald klar geworden, dass es dazu kommen würde.

Neben Christoph Remitschka saßen mit Dorothee Mücksch, Norbert Jahn und Frank Knöppler drei weitere Ascherslebener im Publikum. Drei, die ganz nah dran waren am politischen Geschehen jener Tage. Dorothee Mücksch berichtete, dass sie sich auch in der DDR frei gefühlt habe - mit Einschränkungen, aber frei.

„Manchmal macht man sich eben auch was vor“, gesteht Dorothee Mücksch

Dass sie beim Anblick der Menschen auf der Mauer hemmungslos weinen musste, habe ihr erst vor Augen geführt, dass es wohl doch nicht so war. „Manchmal macht man sich eben auch was vor.“ Mulmig sei ihr angesichts der unklaren Lage in den Wendetagen nicht gewesen.

„Vielleicht, weil wir so viele waren“, sagte sie. Mit Sorge sah sie eher, dass zum wachsenden Kreis von Leuten, die montags nach Leipzig fuhren, auch die Polizeischüler gehörten, die sich auf der anderen Seite aufstellen mussten.

Unter denen, die dort standen, war auch Frank Knöppler, damals 29 Jahre alt und Polizist. „Da war auf beiden Seiten sehr viel Umsicht“, blickt er zurück, Demonstranten mit Kerzen in beiden Händen hätten ihre Wirkung nicht verfehlt.

„Wir sind klüger geworden, weil wir zwei Seiten kennen“, berichtet Frank Knöppler

Weil seine Studienabschlüsse anerkannt wurden, konnte er verschiedene Kreiskriminalämter leiten und arbeitete zwölf Jahre lang beim Landeskriminalamt. Nie wieder, so schwor er sich nach der Wende, wollte er in eine Partei eintreten.

Und doch: „Wir sind klüger geworden, weil wir zwei Seiten kennen.“ Und so reifte doch irgendwann die Erkenntnis, dass aktiv sein muss, wer etwas bewegen will. „Prägend damals waren für mich die gewaltfreien Proteste.“ Umso schlimmer findet er es, „wenn heute Leute mit den gleichen Slogans andere aufputschen wollen, um neue Mauern aufzubauen. Das sollten wir nicht zulassen.“

Norbert Jahn, damals aktiv im Neuen Forum und bis heute engagiert, widerspricht Leuten, die sagen, man könne „nicht mehr alles sagen.“ Er erinnerte an Diktatur in der DDR, an gebrochene Biografien aus politischen Gründen. „Heute erntet man nicht Knast, allenfalls Widerspruch“, so Jahn, dessen Vater aus politischen Gründen verhaftet wurde und dem die Mutter daraufhin riet, sich anzupassen und möglichst unauffällig zu leben. Trotzdem sei es gut, dass es bei Äußerungen Grenzen gibt, die vom Grundgesetz gezogen werden. (mz)