Fernsehen am Grab?

Friedhof Aschersleben bekommt kuriose Post: Telekom bietet Internet-Flatrate und HD-Fernsehen für „Einwohner" an

Aschersleben - Internet-Flatrate, Festnetz-Flatrate und TV-Unterhaltung in brillanter HD-Qualität - in einem Schreiben, das etlichen Haushalten in Aschersleben zugestellt wurde, rührt die Telekom mächtig die Werbetrommel. Der Anbieter weist zudem darauf hin, dass der Umbau des Telefonnetzes fertiggestellt und schnelles Internet ab sofort verfügbar sei. Wer Interesse habe, müsse allerdings aktiv werden und seinen Vertrag „selbstständig umstellen“. Das aber könnte - selbst in Zeiten digitaler Grabsteine - für einige Empfänger problematisch werden. Denn sie sind ...

Von Susanne Thon 28.11.2017, 09:55

Internet-Flatrate, Festnetz-Flatrate und TV-Unterhaltung in brillanter HD-Qualität - in einem Schreiben, das etlichen Haushalten in Aschersleben zugestellt wurde, rührt die Telekom mächtig die Werbetrommel. Der Anbieter weist zudem darauf hin, dass der Umbau des Telefonnetzes fertiggestellt und schnelles Internet ab sofort verfügbar sei. Wer Interesse habe, müsse allerdings aktiv werden und seinen Vertrag „selbstständig umstellen“. Das aber könnte - selbst in Zeiten digitaler Grabsteine - für einige Empfänger problematisch werden. Denn sie sind tot.

Werbebrief an „Einwohner“ der Schmidtmannstraße 40

Einer der Werbebriefe war nämlich an die „Einwohner“ der Schmidtmannstraße 40 gerichtet, immerhin rund 7 500, handelt es sich bei der Adresse doch um die des städtischen Friedhofs. „Wir überlegen gerade, wie wir die alle informieren“, sagt André Könnecke, Leiter des auch für den Friedhof zuständigen Bauwirtschaftshofes, der das Angebot mit Humor nimmt, „manch einer hätte an dem Entertainment-Paket bestimmt seine Freude.“

Ganz unnütz wäre es auch nicht. Die Internetnutzung ist auf dem Friedhof in Aschersleben schließlich ausdrücklich erwünscht: Es gibt da zum einen den Erinnerungspfad. An den Grabstätten bedeutender Ascherslebener sind spezielle Codes angebracht. Scannt man die mit einem Smartphone ein, gelangt man im Netz auf die Seite www.wo-sie-ruhen.de; dort wird über ihr Leben und Wirken informiert. Zum anderen hat der Friedhof seit Anfang des Jahres eine eigene Facebookseite, auf der Friedhofsbesucher und Angehörige Aktuelles erfahren.

Das Angebot der Telekom wird Könnecke dennoch ignorieren. Auch für die Friedhofsverwaltung, die sich auf dem Friedhofsgelände befindet, aber nicht bewohnt ist, komme es nicht infrage. Die beiden Mitarbeiterinnen hätten bereits sowohl Telefon als auch Internet. Der Anschluss hänge an der Telefonanlage des Bauwirtschaftshofes in der Heinrichstraße. Und zum Fernsehen sei sowieso keine Zeit, „so brillant das Bild auch sein mag“.

Verstorbene bekommen immer wieder Werbung

Werbepost für Verstorbene - da ist der Ascherslebener kein Einzelfall. Solche Brief-Irrläufer sind gar nicht mal so selten: Vor einigen Jahren schickte die Gebühreneinzugszentrale einem Ehepaar zwei Schreiben. Darin wurden dessen tote Kinder - sie starben in den 90ern - aufgefordert, Angaben über ihre Rundfunkgeräte zu machen. In der Schweiz bekam eine gerade erst Verstorbene ein Willkommenspaket. Die Post wollte sie damit an ihrem neuen Wohnort begrüßen.

Der Bezahlsender Sky unterbreitete per Brief einer seit knapp zehn Jahren toten Frau ein verlockendes Fernseh-Angebot. Und eine andere Tote sollte noch Monate nach ihrem Ableben für den Telefonanschluss im Pflegeheim zahlen. Absender war auch hier die Telekom.

Keine Reaktion von der Telekom zur Werbung an den Friedhof in Aschersleben

Die äußerte sich zu dem in Aschersleben verschickten Werbebrief übrigens nicht. Eine schriftliche Anfrage vom Freitag, wie es dazu kommt, dass bestimmte Adressen dem Anschein nach ungeprüft übernommen werden, blieb bis Montagabend unbeantwortet. In einem vorausgegangenen Telefonat hatte eine Sprecherin des Telekommunikationsanbieters zu dem an den Friedhof gerichteten Schreiben noch gesagt: „Das ist wirklich nicht die beste Adresse.“ (mz)