Ruhestätte bepflanzen

Der Grabgarten: Ein Ort für die Lebenden

Friedhöfe sind an sich oft schöne Orte mit viel Grün. Die Grabpflege kann hier mehr sein als Trauerarbeit und das Erfüllen einer Konvention. Sie darf eine Auszeit vom Alltag und sogar ein Hobby sein.

Von Simone Andrea Mayer, dpa Aktualisiert: 21.11.2022, 12:19
Ein Grab ist im Grunde auch ein kleiner Garten - und man kann auf ihm anbauen, was einem selbst am besten gefällt. Zum Beispiel auch Kräuter.
Ein Grab ist im Grunde auch ein kleiner Garten - und man kann auf ihm anbauen, was einem selbst am besten gefällt. Zum Beispiel auch Kräuter. Christoph Killgus/Verlag Eugen Ulmer/dpa-tmn

Filderstadt/Burg - Gräber sind in der ersten Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen vor allem ein Ort für die eigene Trauer. Aber mit der Zeit ist sie nicht mehr so beherrschend. Dann geht man immer seltener zur Ruhestätte - und die regelmäßige Grabpflege kann als Last empfunden werden.

Doch man kann den Friedhof und das Familiengrab auch anders begreifen: Nicht als Ort für die Toten, sondern für die Lebenden. Das Grab kann ein kleiner Garten sein, den man sich schön macht und wo man auch mal eine Auszeit vom Alltag findet. Daher spricht Christoph Killgus auch vom Grabgarten.

„Während ein großer Garten, den man vielleicht von Oma und Opa erbt, auch mal zur Last wird, weil er viel Arbeit macht, kann so ein kleines Beet etwas Leistbares sein. Und etwas, was Freude machen kann“, sagt der Buchautor und Gartenbau-Ingenieur aus Filderstadt. Er rät in seinem Buch „Gräber persönlich gestalten“ sogar dazu, Obst und Gemüse darauf anzubauen.

Nachrichten-Steine für die Verstorbenen

Ist das nicht makaber? Ganz im Gegenteil, findet Killgus. Denn die Pflege einer Grabfläche ist weiterhin vor allem Trauerarbeit. „Das gilt in ganz besonderer Weise in der ersten Zeit nach dem Todesfall.“ Dann sei es für viele hilfreich, mit einer großen Regelmäßigkeit zu einem Grab zu gehen und sich dem, der gestorben ist, verbunden zu fühlen, so Killgus.

Man verbringt beim Gärtnern dort Zeit mit sich selbst, kann nachdenken, darf weinen. Mancher, so Killgus, braucht diesen Grund auch, die Grabbepflanzung pflegen zu müssen. So könne man oft auf den Friedhof gehen und lange am Grab verweilen, ohne dass etwa jemand fragt, ob es einem gut geht.

Zugleich ist die Grünpflege am Grab eine mechanisch einfache Arbeit. Man kann dabei leicht seinen Gedanken nachhängen. Und man bekomme das Gefühl, man mache für den, der gegangen ist, noch etwas Schönes, so Killgus. „Das sind alles kleine Dinge, die dem helfen, der in der Trauerphase ist.“

Daher können auch persönliche Gegenstände oder gar Nachrichten zum Beispiel auf Steinen auf dem Grab hilfreich sein. Darüber findet eine Art Kommunikation mit den Toten statt. Killgus rät, sich Kindergräber als Beispiel zu nehmen. Anders als bei den Ruhestätten für Erwachsene werden sie oft viel farbenfroher, fröhlicher und mit persönlichen Gegenständen gestaltet. Das kann tröstlich wirken.

Das Fußballlogo aus Pflanzen

Ein dezenterer Weg zu mehr Intimität mit dem Verstorbenen kann die Bepflanzung sein. Christoph Killgus rät Angehörigen, das Grab mit dem zu bepflanzen, was sie gerne haben oder was sie in ganz persönlicher Weise an den Verstorbenen erinnert - und nicht nur die Nachbargräber zu kopieren.

Vielleicht ein Rosenstrauch, der dem geliebten Strauch im Vorgarten der toten Oma gleicht. Oder eben auch Gemüse für den begeisterten Hobbygärtner, der der Verstorbene war. Oder das Logo des Lieblingsvereins mit Pflanzen nachgestalten.

Auch Friedhofsgärtner gestalten immer häufiger Gräber mit persönlicher Note, berichtet André Burmester, Mitglied im Bund deutscher Friedhofsgärtner aus Burg bei Magdeburg. Selbst einen Mini-Seerosen-Teich hat er schon in einem Grab angelegt, als Erinnerung an einen verstorbenen Sohn. Aber diese Entwicklung sei noch zaghaft. „Es ist schwierig, die Trauernden davon zu überzeugen. Sie wollen oft das weitermachen, was man jahrzehntelang gemacht hat.“

Friedhöfe als Parkersatz

Dabei kann für Trauernde mit diesem sehr individuellen Umgang mit einem Grab ausgerechnet der Friedhof zu dem Ort werden, der wieder ins Leben führt, ist Killgus überzeugt. Als Buchautor hat er sich viel mit Erinnerungskultur auf Friedhöfen beschäftigt.

Mit der Zeit gehen viele Trauernde auch seltener zum Grab. Das sei ganz natürlich, wenn man die Trauer verarbeitet. Nur verändere sich damit oft auch die Grabgestaltung, sagt Christoph Killgus. „Viele verwenden dann nach einiger Zeit lieber Pflanzen, die weniger Pflege brauchen, die weniger gegossen werden müssen. Das ist kein schlechter Weg. Es entspricht einfach dem Lauf der Dinge.“

Aber auch dann bleibt die Chance, den Friedhof und das Familiengrab mit anderen Augen zu sehen - nicht als Belastung, um die man sich regelmäßig im ohnehin schon stressigen Alltag kümmern muss, sondern als Ort für eine Auszeit.

„Friedhöfe sind ja oft wunderbare Parks und Grünanlagen - und Orte der Ruhe. Meistens bieten sie Bänke“, sagt Killgus. „Man kann so für eine Pause auf den Friedhof gehen. Entweder man sitzt einfach nur da, genießt das grüne Umfeld und schließt die Augen. Oder hat ein Buch dabei und liest eine halbe Stunde.“