Im Sommer

Warum ertrinken so viele Menschen, die eigentlich schwimmen können?

Köln - Im vergangenen Jahr sind in Deutschland mindestens 504 Menschen ertrunken. Die meisten an ungesicherten Badestellen wie Flüsse, Seen und Teiche.

01.08.2019, 12:17

Mindestens 250 Menschen sind in Deutschland nach einer Zwischenbilanz der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in den ersten sieben Monaten dieses Jahres ertrunken. Im heißen Supersommer 2018 ertranken mindestens 504 Menschen, so die Zahlen der Deutsche Lebens-Rettung-Gesellschaft (DLRG). Das waren etwa hundert mehr als im Jahr davor. Die meisten Todesfälle ereigneten sich an den ungesicherten Badestellen, also in Flüssen, Seen und Teichen. 

Aber warum ertrinken so viele Menschen, auch wenn sie eigentlich schwimmen können? Welche Kräfte wirken auf einen Menschen im Wasser ein und was sollte man tun, wenn einen im tiefen Wasser die Kräfte verlassen?

Wir beantworten die acht wichtigsten Fragen zum Thema:

Was macht das Baden in Binnengewässern so gefährlich?

„Binnengewässer führen leider noch immer die Ertrinkungsstatistiken an, denn sie werden in den seltensten Fällen von Rettungsschwimmern bewacht. Das Risiko, zu ertrinken, ist hier deutlich höher“, erklärt Achim Haag, Präsident der DLRG. 

Zudem trügt die Hitze: Obwohl die Sonne knallt, herrschen vor allem in tiefen Baggerseen große Temperaturunterschiede. „Oben ist es kuschelig warm und unten eiskalt, das überfordert den Kreislauf“, erklärt Michael Hohmann, DLRG-Präsident in Hessen. Dem Schwimmer kann schwummrig werden, der Kopf falle ins Wasser. Trotz der Ohmacht setze der Atemreiz nicht aus – es komme zum Ertrinken. 

Bei Flüssen sind es vor allem Strömungen, die Badenden schnell gefährlich werden können. Selbst wenn die Wasseroberfläche still aussieht, kann sich darunter eine starke Strömung verbergen. „Am Rhein ist das ganz dramatisch“, erklärt Hohmann. 

Wie lange kann sich ein Mensch über Wasser halten?

Laut DLRG-Sprecher Achim Wiese hängt das vom Gewässer ab, in dem man sich befindet, wie er gegenüber der „Bild“ erklärt: „Im Winter sagt man, pro Grad eine Minute. Wenn jemand beispielsweise bei sieben Grad kaltem Wasser in die Ostsee fällt, ist die Grundregel, dass derjenige maximal 10-15 Minuten überleben kann.“ Voraussetzung dafür ist natürlich, dass er oder sie schwimmen kann.

Geht ein Mensch aber unter, so schafft er es ungefähr eine Minute lang die Luft anzuhalten, bevor der Atemreflex ihn zum Atmen zwinge. Dann gelangt Wasser in die Lungen. Das wiederum führt nach rund zwei Minuten zum Zwerchfellzittern und zum Stimmritzenkrampf im Kehlkopf, bei dem die Atemwege blockieren. Der Tod durch Sauerstoffmangel tritt schließlich nach drei bis fünf Minuten ein.

Kann ich noch um Hilfe rufen, wenn ich merke, dass ich in Gefahr bin?

Leider nicht. „Das ist wirklich ein Mythos. Ein Ertrinken, wie man es aus Hollywoodfilmen kennt, gibt es nicht“, sagt Wiese. Wer ertrinkt, wird in der Regel vorher bewusstlos. Dabei gerät häufig der Kopf unter Wasser und die Stimmbänder verkrampfen sich. Der Bewusstlose bekommt keine Luft mehr, so dass die eigentliche Todesursache Ersticken und nicht Ertrinken ist. Alternativ kann Wasser in die Lunge gelangen, was auch zum Tode führen kann. Aber: „Beides passiert leise“, so der DLRG-Sprecher.

Wie verhalte ich mich als Schwimmer, wenn im tiefen Wasser plötzlich die Kräfte nachlassen?

Andreas Paatz, Bundesleiter der DRK-Wasserwacht, empfiehlt für den Fall, dass man sich in tiefem Wasser befindet und müde wird, einen Positionswechsel: „Sofort die Rückenlage einnehmen und sich mit der Strömung treiben lassen.“ Dabei sollten die Füße immer Richtung Strand zeigen – so hat man das Ufer im Blick. Außerdem bekommt man Aufwind, und die Atemwege bleiben frei. Außerdem gilt: „Man sollte versuchen, in einem großen Bogen an Land zu kommen und nicht auf kürzestem Weg. Ab und zu rufen und winken kann helfen, auf sich aufmerksam zu machen. Ansonsten nur sparsam bewegen.“

Was tun, wenn ich jemanden sehe, der zu ertrinken droht?

Wer einem Ertrinkenden helfen will, sollte seine Kräfte nicht überschätzen. Denn: Wer kurz vor dem Ertrinken ist, wird panisch. Das DRK dazu: „Ein Ertrinkender gerät oft in Panik, schlägt unkontrolliert um sich und versucht, sich an jedem greifbaren Gegenstand festzuhalten – auch an seinem Retter.“ Die bessere Strategie ist es daher, die Rettung vom Ufer aus zu starten: „Laut um Hilfe rufen, Notruf absetzen, dann schauen, ob ich dem Ertrinkenden etwas Schwimmfähiges reichen kann“, erklärt Paatz.

Wer das Schwimmabzeichen „Seepferdchen“ hat, kann schwimmen. Stimmt das?

Stimmt teilweise. Für Andreas Paatz, gilt ein Mensch erst als schwimmfähig, wenn er das Jugendschwimmabzeichen in Bronze hat. „Die Fertigkeiten für das Seepferdchen reichen aus, um sich ein bisschen über Wasser zu halten“, argumentiert er. Das sei vielleicht als Einstieg hilfreich. „Aber was ist, wenn man etwa auf dem Tretboot die Plätze tauscht und dabei bekleidet ins Wasser fällt?“ Laut dem Experten helfen dann Fertigkeiten, die das Abzeichen fordert: Ich beherrsche die Schwimmtechnik, kann 200 Meter schwimmen, zehn Meter tauchen und mit geöffneten Augen einen Gegenstand hochholen –also auch unter Wasser orientieren. Und ich kenne alle Baderegeln.

Kann man Kinder, die ein Schwimmabzeichen haben, unbeaufsichtigt ins Wasser lassen?

Nein, auf gar keinen Fall. Kinder sollten immer beaufsichtigt werden, wenn sie ins Wasser gehen. Eltern sollten mitgehen und immer dabei bleiben. Generell sollte man lieber zu zweit ins Wasser steigen als allein. DRK-Experte Paatz warnt: „Es kann immer plötzlich eine kalte Strömung kommen, und man verkrampft. Dann ist es gut, eine zweite Person zu haben.“  

Und Nicht-Schwimmer, wie weit dürfen die ins Wasser?

Laut den gängigen Baderegeln dürfen Nicht-Schwimmer nicht weiter als bis zum Bauch ins Wasser, doch Andreas Paatz geht noch weiter: Er rät, nicht weiter als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen. Der Grund dafür: „Man stelle sich vor, wie an Nord- oder Ostsee eine Welle ankommt und die Unterströmung einen ganz schnell von den Beinen wegholt und in die Tiefe spült.“ Das Gefährliche in dem Fall: Der Nichtschwimmer reißt vor Schreck reflexartig den Mund auf, Wasser schwappt hinein, und er kann nicht einmal mehr rufen. „Deshalb sollten Nichtschwimmer nur bis zum Knie ins Wasser - da haben sie einen sicheren Stand.“ (sar / mit dpa)