Ohne Handy

Spracherwerb bei Kindern: Wie Kinder das Sprechen am besten lernen können

Halle (Saale) - Der Spracherwerb bei Kindern kann durch verschiedene Möglichkeiten Früchte tragen. Grundvoraussetzung ist aber immer, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen. Wie der Spracherwerb am besten gelingt.

Von Jessica Quick 05.03.2017, 19:30

Es ist ein faszinierender Prozess, wenn Kinder sprechen lernen. Von dem anfänglichen „da-da“ bis zu kuriosen Wortkreationen wie „übergestern“ erobern sie sich Schritt für Schritt die Welt der Sprache.

Bis zum 5. Lebensjahr ein erster einschneidender Test stattfindet: Die Einschulungstauglichkeit. In diesen Tests wurde nun eine alarmierend hohe Zahl von Kindern mit Sprach- und Sprechstörungen festgestellt, weshalb sich Forscher und Therapeuten für möglichst flächendeckende Tests bei Kleinkindern aussprechen.

„Sprache ist die Basiskompetenz für den Schrifterwerb, und allein deswegen ist sie enorm wichtig für Schulkinder“, erklärt Logopädin Ines Steinmetzger. „Schriftsprache baut auf Lautsprache auf. Kinder müssen lokalisieren können, wo im Wort welche Laute verortet sind“, sagt Steinmetzger, die seit 1994 als leitende Therapeutin am Sozialpädiatrischem Zentrum (SPZ) am Sankt Elisabeth und Sankt Barbara Krankenhaus in Halle tätig ist und schon bei zahlreichen Kindern aus ganz Sachsen-Anhalt Sprachstörungen diagnostiziert und therapiert hat. Früher seien die Einschulungstest erst mit sechs Jahren gewesen - eigentlich zu spät, um sprachauffälligen Kindern helfen zu können.

Spracherwerb bei Kindern: Eltern müssen mit ihren Kindern sprechen

Denn: Sprache ist Macht. Wünsche oder Bedürfnisse zu äußern, in Interaktion mit Mitschülern oder Lehrern zu treten - wer nicht sprechen kann, ist von vornherein im Nachteil.

Entscheidend ist die frühzeitige Unterstützung des Spracherwerbs. „Das geht schon als Baby los“ erklärt Steinmetzger. Die Bezugsperson - egal, ob Mutter oder Vater - ist sozusagen das Vorbild für Dialogsituationen.

In den ersten Lebensjahren stehen für Kinder mehrere Vorsorgeuntersuchungen auf dem Programm, in denen später auch die sprachliche Entwicklung überprüft wird. Die sogenannte U 9 findet zwar im Jahr vor der Einschulung statt - sie ist aber nicht mit der Schuleingangsuntersuchung zu verwechseln. Bei dieser testen Ärzte des Gesundheitsamtes die Bildungsfähigkeit der Kinder. Die U 9 findet ganz normal beim Kinderarzt statt. Er prüft etwa Feinmotorik sowie Hör- und Sehvermögen. Außerdem werden soziale Fähigkeiten und Sprachverständnis des Kindes untersucht. Die U 9 steht zwischen dem 60. und dem 64. Lebensmonat an.

Das heißt, sie oder er sollte stets bewusst eine gemeinsame Aufmerksamkeit herstellen: Blickkontakt, Zuhören, Abwarten und so weiter. Technische Medien bilden keinesfalls einen Ersatz für diese Kommunikation. „Wenn Mütter ihren Kinderwagen schieben und dabei dauerhaft mit dem Handy beschäftigt sind, könnte ich jedes Mal vom Rad springen und einschreiten. So kann sich keine Sprache entwickeln“, sagt die Logopädin.

Spracherwerb bei Kindern: Eltern leben Artikulation des Kindes vor

Handyfreie Zonen wie etwa beim Abendessen, strukturierter Medienkonsum, das gelte nicht nur für den Nachwuchs. Eltern sollten das vorleben. Unabhängig vom sozial-ökonomischen Hintergrund der Familien lässt sich Sprache im Alltag perfekt vermitteln.

So kann man laut Steinmetzger etwa beim Tisch decken jeden Handgriff verbal begleiten und dabei sein Kind einbeziehen: Ich hole die Teller, du holst die Tassen. „Das ist ganz schlicht, fördert aber verschiedene Dinge, die für den Dialog wichtig sind, grammatikalische Regelmäßigkeiten“, so Steinmetzger.

Auch Bitte, Danke, Grüßen und Menschen mit Namen anzusprechen - Höflichkeitsformen als Grundregeln der Wertschätzung können Eltern im Alltag vorleben.

Spracherwerb bei Kindern: Sprechen lernen beim Einkaufen

Es mag anstrengender sein, aber: „Binden Sie das Kind in die Einkaufsroutinen ein, beteiligen Sie es über Fragen“, empfiehlt auch Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie.

Eltern können etwa sagen: „Suchst Du bitte mal die Nudeln - siehst Du sie schon?“ Es helfe, das Eingekaufte zu versprachlichen, sagt die Logopädin. „Dadurch wird das Sprechenlernen kinderleicht.“

Ganz wichtig: Man sollte Fehler dabei nicht im herkömmlichen Sinn korrigieren, sondern das Kind positiv stärken. Wenn es zum Beispiel immer „taufen“ statt „kaufen“ sagt, oder „krei“ statt „drei“, dann helfe es mehr, die Dialogsituation aufrecht zu halten und den Satz in der richtigen Form zu wiederholen: „Ja, genau. Wir kaufen heute drei Erdbeeren.“

Spracherwerb bei Kindern: Regeln und Strukturen anbieten

In Vorbereitung auf die Schriftsprache kann man bei längeren Wörtern wie Erbeere die Silben einzeln nennen und unterstützend mit den Fingern mitzählen: Erd-bee-re.

Logopäden wie Ines Steinmetzger empfehlen regelmäßig Singspiele, Fingerreime, Klatsch- oder Bewegungsspiele. „Kinder lieben Wiederholungen. Sie wollen immer wieder dieselben Gute-Nacht-Geschichte, bis sie mitsprechen können. Das gibt ihnen Sicherheit und stärkt das Selbstbewusstsein.“

Ein weiterer Aspekt: Regeln und Strukturen sind für den Nachwuchs nichts Negatives, sondern im Gegenteil etwas, woran sie sich orientieren können. Zusätzlich kann man mithilfe etwa von Memory oder ’Ich packe meinen Koffer’ ganz spielerisch die Merkfähigkeit und Gedächtnisleistung trainieren. Beide sind entscheidende Voraussetzungen fürs Lernen. „Ansonsten brauche ich sehr lange, bis Dinge automatisiert sind“, sagt Steinmetzger. (mz)