Impf-Pflicht

Impf-Pflicht bei Masern: Warum Experten wenig von Zwang und viel von Freiwilligkeit halten

Erfurt/Berlin - Der Schutz vor Masern soll verbessert werden. Die Frage ist nur, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann. Warum Experten wenig von Zwang und viel von Freiwilligkeit und Vertrauen halten.

Von Anne Brüning 09.04.2019, 07:07
Impfausweis mit angekreuzter Masern-Impfung
Impfausweis mit angekreuzter Masern-Impfung www.imago-images.de

Cornelia Betsch kennt das Spiel von früheren Masernausbrüchen. „Die Politiker sagen ,Impfpflicht‘ in die Kamera, die Medien rotieren. Erfahrungsgemäß ist dann spätestens nach zehn Tagen wieder Ruhe, ohne dass etwas geschieht“, sagt die Professorin für Gesundheitskommunikation der Universität Erfurt.

Sie würde gerne mal eine andere Version erleben: „Ich wünsche mir, dass der Bundesgesundheitsminister sagt: ,Impfen muss einfacher werden. Ich kümmere mich darum‘.“ Denn sie ist überzeugt: „Es gibt viele Möglichkeiten, das System zu verändern, bevor eine Impfpflicht eingeführt werden muss.“

Gesundheitsminister Spahn will Impfpflicht in Kitas und Schulen einführen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kümmert sich nun - aber nicht um bessere Angebote. Vielmehr erwägt er, in Kitas und Schulen eine Impfpflicht einzuführen. Noch dazu liebäugelt er mit einer Regel, die sicherstellt, dass ungeimpfte Eltern gleich mitversorgt werden.

Betsch hält nicht viel von derartigen Plänen. „Aus Studien wissen wir, dass den Menschen die Entscheidungsfreiheit sehr wichtig ist und dass eine teilweise Impfpflicht dazu führen kann, dass bei den anderen, freiwillig bleibenden Impfungen die Quoten zurückgehen“, sagt die Psychologin. Die Bereitschaft für freiwillige Impfungen sinke vor allem bei den Personen erheblich, die eine eher kritische Haltung zum Impfen haben.

Die Forscherin verweist auf die Gründe für die Impfmüdigkeit, die zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Umfragen ermittelt hat. Dabei zeigte sich, dass es vielfach praktische Hindernisse sind, die Menschen vom Impfen abhalten. „Es ist zu aufwendig: Man muss selbst an die Impfungen denken und hat dann womöglich noch lange Wartezeiten beim Arzt“, sagt sie.

Ärzte sollen das Vertrauen der Patienten in Impfungen stärken

Deshalb sei es so wichtig, das Impfen einfacher zu machen. Und dafür gebe es viele Möglichkeiten: systematische Erinnerungen durch die Arztpraxen oder Krankenkassen, Impfungen in Apotheken, beim Gesundheitsamt und in speziellen Sprechstunden. Auch die Möglichkeit zu schaffen, Eltern beim Kinderarzt gleich mitzuimpfen, findet sie gut - solange es freiwillig ist.

Darüber hinaus könnten Ärzte aus ihrer Sicht mehr tun, um das Vertrauen der Patienten in Impfungen zu verbessern. Belehrungen von oben herab sollten dabei der Vergangenheit angehören. Dass Ärzte überzeugte Impfgegner vor sich haben, sei die Ausnahme. „Der Anteil derjenigen, die Impfungen ganz oder teilweise ablehnen, liegt bei zwei bis fünf Prozent“, sagt sie.

Ole Wichmann, Fachgebietsleiter Impfprävention am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, weist ebenfalls darauf hin, dass andere Maßnahmen noch nicht voll ausgeschöpft sind. Ihm geht es auch darum, den öffentlichen Gesundheitsdienst wieder zu stärken. „Man hat das Impfen in der Vergangenheit immer mehr dem privaten Sektor überlassen, also den niedergelassenen Ärzten und den Krankenkassen“, sagt er. Zusätzliche Aktionen, die etwa für die Ausrottung der Masern notwendig sind, könne dieser Sektor nicht alleine schultern.

„Deutschland hat sich auch dazu verpflichtet, die Röteln auszurotten“

Diskutieren könne man zudem über eine Impfpflicht für medizinisches Personal, wie sie zum Beispiel Finnland eingeführt hat, sagt Wichmann. „Ärzte und Pflegekräfte sollten ohnehin mit gutem Beispiel vorangehen. Außerdem haben sie besondere Verantwortung für ihre Patienten.“ Eine Masern-Impfpflicht für Kita- und Schulkinder einzuführen, wie Gesundheitsminister Spahn es zurzeit plant, sollte gründlich abgewogen werden, findet Wichmann.

Er sieht die Gefahr, dass dann der Schutz gegen andere gefährliche Krankheiten zu kurz kommt, unter anderem auch der gegen Röteln. „Deutschland hat sich auch dazu verpflichtet, die Röteln auszurotten. Sie können, wenn sie in der Schwangerschaft auftreten, zu schweren Fehlbildungen beim Kind und zu Fehlgeburten führen“, mahnt er. Darüber hinaus greife die erwogene Impfpflicht-Variante ausgerechnet bei den höheren Altersgruppen nicht, die den größten Nachholbedarf haben.

Um die Masern zu eliminieren, müssten 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sein. „Aus den Schuleingangsuntersuchungen wissen wir, dass etwa 95 Prozent der Kinder mindestens einmal gegen Masern geimpft sind“, sagt Wichmann. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen die Quoten aber viel niedriger. „Eine Studie, die den Zeitraum 2008 bis 2011 untersucht hat, zeigte, dass 80 Prozent der 18- bis 29-Jährigen die erste von zwei empfohlenen Masern-Impfungen erhalten haben.

Druck auf Deutschland in der Impf-Debatte steigt

Bei den 30- bis 39-Jährigen waren es lediglich 47 Prozent“, berichtet er. Aus diesem Grund empfehle die Ständige Impfkommission allen, die nach 1970 geboren sind, mindestens eine Impfdosis gegen Masern, wenn ihr Impfstatus unklar ist oder in der Kindheit nur einmal beziehungsweise gar nicht gegen Masern geimpft wurde.

Ole Wichmann hofft, dass die wiederaufgeflackerte Impf-Debatte dieses Mal dazu führt, dass die Politik sich auch Gedanken darüber macht, wie das System generell zu verbessern ist. „Der Druck auf Deutschland steigt“, sagt er. Bei der Ausrottung der Masern, die ursprünglich mal bis 2015 geschafft sein sollte, sei man seit zehn Jahren keinen Deut weiter. Länder in Skandinavien und USA hingegen hätten es geschafft.

„Als Indikator dafür, dass sich ein Land auf dem richtigen Weg zur Elimination befindet, gilt, dass jährlich höchstens ein Fall pro eine Million Einwohner auftreten sollte. Demnach dürfte es in Deutschland maximal 80 Fälle im Jahr geben“, sagt Wichmann. Die Realität ist: Seit 2008 schwankte die Zahl der jährlichen Fälle zwischen 166 und 2 462. In diesem Jahr sind es bislang 238.

Dass Menschen ihre Meinung ändern, wenn sie sich mit dem Thema Impfpflicht befassen, zeigt sich am Beispiel von Wolfram Henn, Humangenetik-Professor an der Universität des Saarlandes in Homburg. Er ist Mitglied des Deutschen Ethikrates und leitet dort eine Arbeitsgruppe, die eine Stellungnahme zum Thema „Impfen als Pflicht“ erarbeitet. „Vor drei Monaten, bevor wir mit unserer Arbeit an dem Thema begonnen haben, war ich noch Befürworter einer teilweisen Impfpflicht. Aber das war zu eindimensional gedacht“, sagt er. Das Argument der Kollateralschäden leuchte ihm ein. „Man sollte nicht riskieren, dass die Quoten für Impfungen gegen andere Krankheiten stark zurückgehen, wenn man die Impfung gegen Masern zur Pflicht macht.“

„Wir können in den nächsten Jahren die Masern ausrotten“

Überlegenswert findet Henn das „zweitschärfste Schwert“: eine Verordnung, die nicht geimpfte Kinder aus Kitas ausschließt. „Man könnte das zum Beispiel so regeln, dass Kitas nur dann eine Betriebserlaubnis erhalten, wenn sie keine ungeimpften Kinder aufnehmen“, sagt er. Der Wissenschaftler betont, dass es sich um seine persönlichen Einschätzungen zu dem Thema handelt. Denn die Stellungnahme des Ethikrats ist noch nicht fertig. Eine Impfpflicht in Schulen einzuführen, wie es Gesundheitsminister Spahn erwägt, hält er für problematisch: „Das wäre auch verfassungsrechtlich schwieriger, weil es zugleich eine gesetzliche Schulpflicht gibt.“

Aus moralischer Sicht bestehe allerdings eine Impfpflicht, sagt Henn: „Sowohl in der Sorge der Eltern für ihre Kinder als auch für die Allgemeinheit.“ Darüber hinaus trügen wir Verantwortung für nachfolgende Generationen. „Wir können in den nächsten Jahren die Masern ausrotten. Dann haben unsere Enkelkinder Ruhe davor.“

Internetfirmen reagieren auf Impfgegner

Portale wie beispielsweise Facebook, Instagram, Google, Youtube und Pinterest gehen derzeit gegen die Verbreitung von Falschinformationen zum Thema Impfen vor. Bisher landeten unwissenschaftliche oder falsche Beiträge oftmals weit oben bei den Treffern. Die Plattformen ändern nun ihre Algorithmen für Suchen und Newsfeeds oder sperren Suchbegriffe . Bei Youtube können Impfkritiker zudem keine Werbeeinnahmen mehr generieren.

Kontrolle: Die Maßnahmen betreffen bisher vor allem englischsprachige Inhalte, zum Teil auch französische und spanische, sollen aber auf deutschsprachige Inhalte ausgeweitet werden, wie das unabhängige Online-Magazin Medwatch kürzlich berichtete. Bei Pinterest ist der Suchbegriff „impfen“ mittlerweile gesperrt. Facebook plant, Seiten, die falsche Impfinfos verbreiten, zurückzustufen und gleichzeitig korrekte Inhalte zu stärken.

Hintergrund: Es mehren sich die Hinweise, dass Internetportale stark dazu beitragen, dass sich Falschinformationen und Verschwörungstheorien verbreiten. In den USA hatten Politiker und Werbekunden die Konzerne kritisiert oder mit dem Entzug von Werbegeldern gedroht. Die WHO hat kürzlich mangelnde Impfbereitschaft zu den größten Gesundheitsrisiken der Welt erklärt - und auch Nachlässigkeit und mangelndes Vertrauen als Gründe genannt.

(mz)