Verkehrswende

Fahrradstraßen: Nebeneinander radeln stets erlaubt

Ein weißes Fahrrad im blauen Kreis auf weißem Grund. Darunter die Aufschrift „Fahrradstraße“. Immer öfter ist das Verkehrszeichen zu sehen. Gut für Radfahrer, gut fürs Klima, nicht immer gut für Autofahrer.

Von Jens Albes (Text) und Thomas Frey (Foto), dpa Aktualisiert: 22.06.2022, 12:29
Die Casinostraße in der Koblenzer Innenstadt ist seit kurzem als Fahrradstraße ausgewiesen.
Die Casinostraße in der Koblenzer Innenstadt ist seit kurzem als Fahrradstraße ausgewiesen. Thomas Frey/dpa

Mainz - Zu dritt nebeneinander radeln und sich unterhalten, ohne dass Autofahrer drängeln dürfen? Fahrradstraßen ermöglichen Radfahrern dieses Vorrecht. Auch in Rheinland-Pfalz ist im Sinne einer klimafreundlichen Verkehrswende in immer mehr Städten das blau-weiße Schild für Fahrradstraßen mit maximal Tempo 30 zu sehen.

Das hier erlaubte Radeln nebeneinander bildet den Unterschied zu Tempo-30-Zonen. Dort ist das nur zulässig, wenn nicht der Verkehr behindert wird. Fahrradstraßen wiederum dürfen abgesehen von E-Scootern und Tempo-25-E-Bikes nur von anderen motorisierten Fahrzeugen benutzt werden, wenn Zusatzzeichen dies erlauben.

Von einer autofreundlichen zu einer menschenfreundlichen Stadt

Bei einer Online-Beteiligung der Stadt Kaiserslautern, die nach eigenen Angaben eine Fahrradstraße hat, eine weitere plant und an die Einrichtung von noch mehr Fahrradstraßen denkt, hat im Mai der Nutzer Konrad ohne Nennung seines Nachnamens geschrieben: „Ich spreche mich für mehr Projekte wie dieses aus! Am besten sollte die gesamte Innenstadt durch Fahrradstraßen ersetzt werden.“ Es gelte, „von einer autofreundlichen zu einer menschenfreundlichen Stadt zu kommen“.

Auch der Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz urteilt: „Geeignete Fahrradstraßen können ein gutes Signal für die Verkehrswende sein.“ Allerdings könne nicht jede Straße dafür umgewidmet werden: „So sollte Kfz-Verkehr nur im geringen Maß vorhanden sein und es möglichst keinen Parksuchverkehr geben, so dass der Verkehrsfluss nicht dadurch gestört wird.“ Wichtig sei in Kommunen ein Gesamtkonzept zur Förderung des Radverkehrs mit genügend Verkehrsflächen und entsprechenden Bodenmarkierungen für Fahrräder.

Landesverkehrsministerin Daniela Schmitt (FDP) betont: „Es ist gut, dass die Kommunen verstärkt in ihre Radinfrastruktur investieren und passgenaue Lösungen entwickeln.“ Das Land unterstütze die Gemeinden dabei finanziell - teils auch sehr umfangreich.

Während Fahrradstraßen laut dem ADAC bundesweit bereits seit 1997 ausgewiesen werden können, ist dies bei Fahrradzonen mit den gleichen Regeln in einer ganzen Zone erst seit 2020 möglich. Als eine Vorreiterin tritt hier die Stadt Speyer auf. Ihre zwei bestehenden Fahrradstraßen sollen laut dem Rathaus noch in diesem Jahr mit drei weiteren Straßen zu einer Fahrradzone zusammengefasst werden.

Ein Dickicht an Verkehrsregeln

Der Gemeinde- und Städtebund betont mit Blick auf Fahrradstraßen: „Mit dem Aufstellen eines Schildes ist es nicht getan. In unserem Dickicht an Verkehrsregeln fällt es vielen zunehmend schwerer, die geltenden Regeln zu erkennen und umzusetzen.“ Für neue Fahrradstraßen seien daher Infokampagnen ratsam.

Das sieht auch die Stadt Kaiserslautern so. Eine Sprecherin erinnert sich hier an „teils massive Widerstände der Anwohner“ bei der Einrichtung der ersten Fahrradstraße wegen der Verkehrsberuhigung mit sogenannten Berliner Kissen, also Bremsschwellen auf dem Asphalt. „Fahrradfahrer fühlen sich aber durch die reduzierte Geschwindigkeit des motorisierten Verkehrs deutlich sicherer, vor allem Familien mit Kindern, weniger geübte Radfahrende und alle diejenigen, die sich im Mischverkehr mit Pkw unsicher sind“, erklärt die Sprecherin.

Autoverkehr in Worms verringert

Worms hat 2020 eine Fahrradstraße als Pilotprojekt eingerichtet. Der Autoverkehr hat sich laut einem Sprecher seitdem deutlich verringert - und der Radverkehr fast verdoppelt. „Dennoch dominiert weiterhin der Kfz-Verkehr, so dass Konflikte insbesondere mit dem Gegenverkehr und durch dichtes Überholen fortbestehen.“ Die Fahrradstraße werde noch nicht „als Baustein einer zusammenhängenden Radverkehrstrasse wahrgenommen“. Bauliche Änderungen sollen die Situation verbessern.

Bedenken mit Infoveranstaltungen ausräumen

Die Stadt Koblenz berichtet, dass sich vor der Ausweisung ihrer neuen ersten Fahrradstraße Firmen besorgt zeigten, „dass sie ihre Verkehre nicht mehr gut abwickeln können. Dies vor allem, weil sich die Einbahnrichtungen teilweise gedreht haben.“ Diese Bedenken hätten sich jedoch in Infoveranstaltungen ausräumen lassen.

Über eine besonders große Zahl von Fahrradstraßen denkt die Landeshauptstadt Mainz nach. Vier hat sie bereits, die Ausweisung von zwölf weiteren ist beschlossen und zusätzliche sind in der Überlegung, wie ein Sprecher mitteilt.

Natürlich habe es schon Nachfragen wegen teils verschwindender Parkplätze gegeben. „Angesichts der 25 Prozent Radverkehrsanteil am Mainzer Binnenverkehr (Vor-Corona 2019) und den Vorteilen in Fahrkomfort und der Verkehrssicherheit sind Fahrradstraßen ein effektives Angebot für nachhaltige Radinfrastruktur“, ergänzt der Sprecher.

Trier plant weitere Fahrradstraßen

Auch Trier hat nach eigenen Angaben seit 2018 eine 750 Meter lange Fahrradstraße und plant die Ausweisung weiterer solcher Verkehrswege. Ein Sprecher erklärt: „In historischen, eng bebauten Stadträumen wie in Trier stellt die Einhaltung insbesondere der erforderlichen Sicherheitsräume für Radfahrende eine große Herausforderung dar, so dass bei der Planung eine besondere Sorgfalt an den Tag gelegt werden muss.“ Das gelegentliche illegale Parken in Einmündungen der Trierer Fahrradstraße behindere die Sicht.

Legale Parkplätze seien mit ihrer Einrichtung nicht verloren gegangen. „Davon unabhängig ist die Tendenz zu immer breiteren Kfz ein zunehmendes Problem bei der Aufteilung des Straßenraums“, ergänzt der Sprecher der Stadt Trier.

Umwidmung wird noch geprüft

In Ludwigshafen ist nach eigenen Angaben eine 150 Meter lange Sackgasse als Fahrradstraße ausgewiesen. Bei weiteren Straßen werde diese Umwidmung geprüft. Grundsätzlich werde diese Förderung des Radverkehrs begrüßt. Nur zwei Prozent Anteil am Verkehr haben Radfahrer in der Sieben-Hügel-Stadt Pirmasens, wie ein Sprecher mitteilt. Noch gebe es hier keine Fahrradstraße.

Bei einem künftigen Radverkehrskonzept werde aber geprüft, wo solche Flächen ausgewiesen werden könnten. Auch die ebenfalls hügelige Stadt Zweibrücken will nach eigener Aussage im Rahmen eines Mobilitätskonzepts bis 2023 analysieren, inwieweit hier eine Fahrradstraße realistisch ist.