Ist das Land plötzlich ein anderes?

Zwei Wochen nach der Landtagswahl: In Sachsen-Anhalt geht es zu wie auf hoher See

Halle (Saale) - Es war ihm damals auch fast ein bisschen peinlich, sagt Klaus Adolphi. Andererseits hatte es ihn gereizt: „Wie schreibt man eine Hymne für ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt?“ Adolphi, Frontmann der Folkbands Horch und The Aberlours, war der Richtige, das Unmögliche zu versuchen: eine Hymne für ...

Von Christian Eger 23.03.2016, 20:06

Es war ihm damals auch fast ein bisschen peinlich, sagt Klaus Adolphi. Andererseits hatte es ihn gereizt: „Wie schreibt man eine Hymne für ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt?“ Adolphi, Frontmann der Folkbands Horch und The Aberlours, war der Richtige, das Unmögliche zu versuchen: eine Hymne für Sachsen-Anhalt.

25 Jahre ist es her. Im Herbst 1991 suchte das im Jahr zuvor neu gegründete Bundesland sein Lied. Ein Wettbewerb sollte es ermöglichen. Unter 249 Einsendern gewann Adolphi. Der Musiker, der heute im Mansfeld lebt, hatte den Text verfasst und komponiert. „Sehr einfach, sehr volksliedhaft“, wie er sagt. Und sehr im Überschwang. „Dieses Land geh allen Herzen ein, / die für Harz und Fläming glühn.“ So geht es los. Es glühte nicht lange. Mit dem CDU-Ministerpräsidenten Gerd Gies verschwand das Lied. „Ab und an taucht es noch einmal auf“, sagt Adolphi. Dann reibt man sich die Augen. Es wirkt alles wie Comedy.

Ist das Land plötzlich ein anderes?

Heute wissen wir: Das Lied hätte auf Dauer keine Chance gehabt. Es wäre ihm ergangen wie der DDR-Hymne. Man hätte nicht alle Strophen gesungen. Kaum die dritte: „Wollen wir nun eine Heimat baun, / müssen wir uns dafür mühn, / eine gute Heimat ohne Zaun, / Sachsen-Anhalt stolz und kühn.“

25 Jahre danach: Der Zaun ist wieder da. Die Heimat braucht Halt. Der Zaun zeigt sich nicht nur in der CDU-Forderung nach einer „Obergrenze“ für Asylsuchende, sondern auch als politische Grenzziehung nach Innen. Unter den Burgen „stolz und kühn“, die nicht nur an der Saale stehen, geht zur Zeit die Post ab. Zwei Wochen nach der Wahl ist der Sachsen-Anhalter noch immer dabei, sich ein Bild von den Verhältnissen zu machen: Ist das Land plötzlich ein anderes?

Zerrissenes Sachsen-Anhalt

Zunächst genügt ein Blick auf die politische Landkarte. Das Ergebnis der Direktmandate zeigt: Sachsen-Anhalt ist ein zerrissenes Land. Geteilt zwischen CDU und AfD. Geteilt zwischen dem Pro- und Kontra-Merkel-Lager. Geteilt zwischen den konservativen und entschieden rechten Kräften der AfD, wobei die Stichwortgeber der letzteren Westimporte sind. Intellektuelle Trittbrettfahrer der Ost-Krise.

Plötzlich ist das Land Schwarz-Blau. Der Norden, wo die CDU die Direktmandate holte, ist CDU-schwarz, der Süden AfD-blau. Die Trennlinie läuft beinahe entlang der alten Bezirksgrenze. Nicht der Bezirk Magdeburg, sondern der Bezirk Halle ist AfD-Land. Bis auf die Region um Wittenberg: Rund um den Wohnort des CDU-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff sieht es zuverlässig schwarz aus.

Auf dam Land hingegen herrscht Frieden. Der Bauer liebt keine Experimente. Im Gegensatz zum AfD-Bezirk Halle, in dem sich die Problem-Städte ballen. Bitterfeld und Weißenfels allen voran. Aber auch hier gibt es Überraschungen. Köthen ist die rote Insel im blauen Meer; hier holte eine Linke das Direktmandat. Und Naumburg, von jeher ein konservatives Pflaster, fiel an die CDU, nicht an die AfD. Was in der Tendenz heißt, dass die AfD-Chancen sinken, wo das Gemeinwesen nicht nur halbwegs funktioniert, sondern lebendig ist. Und wo Politiker-Persönlichkeiten überzeugen.

Insofern ist es falsch, die gesellschaftlichen Nachwende-Nöte aus der AfD-Debatte auszublenden. Welche Zukunftserzählung kann denn die Regierung einer Stadt wie Weißenfels bieten? Oder Dessau? Außer ruhig halten - und Freizeitkultur? Wo der Ausblick fehlt, greift schnell der Radikal-Protest.

Es geht zu wie auf hoher See

Kurzzeitig geht es in der sachsen-anhaltischen Politik zu wie auf hoher See. Die Protestler treiben die Regierungs-Parteien enger zusammen. Nicht zu deren Vorteil. Auf den vorderen Listenparteien überlebten ja keinesfalls die Neuerer. Was mit der AfD in den Landtag einzieht, weiß auch die Partei nicht genau. Weltanschaulich sitzt in jedem Bundesland eine andere AfD-Abteilung. In Sachsen-Anhalt sammeln sich angeblich die „Liberal-Nationalkonservativen“, wie deren Chef André Poggenburg beteuert, was ihm aber nicht leicht über die Lippen kommt. Noch hat die Partei kein Programm, alles geschieht freihändig. Für die Macher ein Vorteil.

Manche sehen die AfD, ähnlich wie Pegida, als ein struppiges Neues Forum von rechts. Hauptsache Sammeln. Hauptsache Öffentlichkeit. Klingt interessant. Aber die AfD setzte bislang wenig auf „Dialog“, sondern auf Konfrontation. Ihr Hauptgestus war Abwehr. Noch ernährt sich die Partei von einer notorischen Unzufriedenheit, die sie ihrerseits verstärkt.

Immerhin: Das Land ist kenntlicher geworden. Als 1989 die Menschen zu Tausenden auf die Straße liefen, hielten sie Schilder hoch, auf denen stand „Wir sind das Volk“. Oder „Wir sind ein Volk“. Darauf stand nicht: Wir sind für das Grundrecht auf Asyl. Oder: für unbegrenzte Einwanderung. Aber eben auch nicht: für Arbeitslosigkeit. Rund 40 Prozent der Arbeitslosen haben AfD gewählt. Wenn wir es in Sachen-Anhalt mit einem Einwanderer-Problem zu tun haben, dann mit der in Teilen gescheiterten Einwanderung von DDR-Bürgern ins westdeutsche System.

Die Politik darf sich nach einer Wahl erst einmal mit sich selbst beschäftigen. Das kann sie auch gut. Der Abgang der SPD-Chefin Katrin Budde war beispielhaft. Erst gar nicht abtreten wollen, dann auf Kosten der anderen, dann abrupt - mit Löschen des offiziellen Facebook-Profils. Als wäre man als Abgeordnete nicht mehr auf bürgernahe Öffentlichkeit angewiesen. Man war es auch vorher nicht. Die Autorin Elke Erb sprach einmal im Blick auf Sachsen-Anhalt von „thronender Unterlegenheit“.

Andererseits darf man die Politiker auch nicht überfordern. Von Sachsen-Anhalt aus wird nicht Deutschland regiert. Keine Außenpolitik gemacht. Kein Grundgesetz geändert, auch nicht von der AfD in Sachen Kunstfreiheit. Was bleibt, ist Sachsen-Anhalt. Das Land ohne Hymne. Das Land, das selbst immer einmal wieder vom Verschwinden bedroht ist. Für Pessimismus gibt es keine Ursache. Für das Gegenteil keinen Anlass. (mz)