Übersetzer-Tagung in Wolfenbüttel

Übersetzer-Tagung in Wolfenbüttel: Termindruck und schlechte Bezahlung

wolfenbüttel/MZ - Im Schnitt gut 1.000 Euro monatlich bleibt vollberuflich arbeitenden Übersetzern nach Abzug der Betriebs- und Sozialausgaben übrig - keine Summe, die viele Absolventen eines Sprachstudiums motiviert, diesen Beruf zu ergreifen. „Ich kenne von meinen ehemaligen Kommilitonen niemanden, der wie ich Übersetzer geworden ist“, sagt Claudia Riefert. Die 36-Jährige hat in Halle Fachübersetzung Englisch, Arabistik und Islamwissenschaften studiert und arbeitet seit 2008 von Berlin aus als Übersetzerin für Englisch und ...

Von joachim göres 10.06.2013, 16:48

Im Schnitt gut 1.000 Euro monatlich bleibt vollberuflich arbeitenden Übersetzern nach Abzug der Betriebs- und Sozialausgaben übrig - keine Summe, die viele Absolventen eines Sprachstudiums motiviert, diesen Beruf zu ergreifen. „Ich kenne von meinen ehemaligen Kommilitonen niemanden, der wie ich Übersetzer geworden ist“, sagt Claudia Riefert. Die 36-Jährige hat in Halle Fachübersetzung Englisch, Arabistik und Islamwissenschaften studiert und arbeitet seit 2008 von Berlin aus als Übersetzerin für Englisch und Arabisch.

Wenige junge Kollegen

Bei der Jahrestagung des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke am Wochenende in Wolfenbüttel gehörte sie schon zur jungen Generation - etwa 70 Prozent der Übersetzer sind einer Studie des Verbandes zufolge älter als 50 Jahre. 43 Prozent arbeiten als Vollzeitübersetzer, die Honorare stagnieren, der durchschnittliche Rentenanspruch liegt bei 500 Euro im Monat. „Wer im Rentenalter nicht mehr arbeiten kann, ist von Altersarmut bedroht“, so das Fazit. Die Übersetzerin als Sozialfall - drei Viertel der Übersetzer sind weiblich. Dennoch ist die Stimmung auf der Tagung erstaunlich positiv.

„Ich arbeite gerne zu Hause und bin dabei mein eigener Chef“, sagt Riefert und ergänzt: „Ich bin gut ausgelastet, aber muss nicht rund um die Uhr arbeiten. Für Arabisch gibt es nur wenige Übersetzer, die werden händeringend gesucht.“ Allerdings seien Übersetzungen aus dem Arabischen wegen der anderen Sprachstruktur viel aufwendiger als aus dem Englischen, ohne dass sich dadurch die Bezahlung erhöhe. „Zur Not arbeite ich auch, wenn ich krank bin, damit ich die Abgabefrist einhalte. Man will ja nicht einen Kunden verlieren“, räumt Riefert ein.

Englisch dominiert

90 Prozent aller ins Deutsche übersetzten Bücher stammen aus dem Englischen - da haben es Spezialisten für andere Sprachen schwer. „In diesem Jahr ist Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse das Gastland. Seit zwei Jahren kann ich deswegen wesentlich mehr Bücher aus dem Portugiesischen übersetzen, doch nach der Buchmesse wird es damit wieder vorbei sein“, sagt Maria Hummitzsch (Foto) aus Leipzig. 100 Seiten pro Monat schafft sie - für knapp 20 Euro pro Seite. Für Taschenbücher wird deutlich weniger gezahlt als für Hardcover-Ausgaben.

Sabine Schulte (59) aus Kiel übersetzt aus dem Englischen. „Der Termindruck ist stärker geworden. Manchmal lehne ich Aufträge ab, weil die Fristen zu kurz sind. Umgekehrt ist die Recherche durch das Internet viel einfacher geworden“, sagt die ausgebildete Lehrerin. „Viele leben auf Studienniveau, ohne Auto, in einer kleinen Wohnung. Ich bin froh, dass ich nur für mich selbst sorgen muss.“

Lektor Alexander Roesler vom S. Fischer-Verlag stimmte die Übersetzer schon mal auf noch härtere Arbeitsbedingungen ein: „Die deutsche Fassung muss zeitnah mit dem Original auf den Markt kommen“. Das bedeute auch, dass mehrere Übersetzer gleichzeitig an verschiedenen Kapiteln arbeiten würden. „Das ist eigentlich eine Katastrophe, denn jeder Übersetzer hat eine eigene Tonlage, aber es ist nicht zu ändern.“