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Komödie ohne Clowns - Das Drama „Parasite“

Arm und Reich - das ist ein Gegensatz, der viel Sprengstoff bietet. In dem bitterbösen Gesellschaftsdrama „Parasite“ ist es nicht anders. Der Film beginnt als Tragikomödie und endet in blutigem Horror.

Von dpa
Ki Jung (Park So-dam, 3.v.r.) ist sehr beliebt in der Familie Park (Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong).
Ki Jung (Park So-dam, 3.v.r.) ist sehr beliebt in der Familie Park (Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong). -/KochMedia/Degeto/dpa

Berlin - Fernsehzuschauer erwartet an diesem Mittwoch zu später Stunde ein besonderes Highlight. Das „ARD-Sommerkino“ präsentiert um 22.45 Uhr im Ersten die südkoreanische Satire „Parasite“, die bei den Oscars 2020 Filmgeschichte geschrieben hat.

Die höchste Auszeichnung als bester Film war nie zuvor an einen Film gegangen, der in einer anderen Sprache als Englisch gedreht worden war.

Regisseur Bong Joon Ho stieg mit einem Schlag in die Kino-Elite auf, nahm er an diesem Abend doch gleich vier Oscars mit nach Hause. Das war in der über 90-jährigen Geschichte der Trophäe bisher nur Walt Disney im Jahr 1954 geglückt. Und noch ein Superlativ: „Parasite“ mit dem Auslands-Oscar geehrt. Nie zuvor bekam ein Werk die Trophäen für den besten Film und den besten nicht-englischsprachigen Beitrag.

Warum geht es in dem Film, über den im vergangenen Jahr alle Welt sprach? In einer schäbigen Kellerwohnung fristen die Kims ihr Dasein, verdienen sich ihren kargen Lebensunterhalt mit dem Falten von Pizzakartons. An Schule oder Universität für Ki-Woo und seine Schwester Ki-Jung ist nicht zu denken - kein Geld. Da bekommt Ki-Woo eine einmalige Chance: Er kann der Tochter der reichen Parks Nachhilfe in Englisch geben, in einer wohlhabenden Gegend. Nach und nach gelingt es Ki-Woo, seine ganze Familie im Haushalt der Parks einzuschleusen - mit dramatischen Folgen.

Die Kims leben ganz unten in der Gesellschaft, knapp über dem Gestank der Abwasserkanäle, der auch ihrer Kleidung anhaftet. Mit schwarzem Humor versuchen sie, Selbstachtung zu bewahren, auch wenn regelmäßig die Betrunkenen vor ihrem Kellerfenster urinieren. Das luftige Haus der Parks dagegen liegt auf einer Anhöhe, mit idyllischem Garten. „Parasite“ zieht seine Spannung aus diesen Gegensätzen, die aber nie platt daherkommen. Dank den raffiniert gezeichneten Figuren wird deutlich, dass die Umstände ihres Lebens wenig über die Menschen an sich aussagen. Ohne weiteres nimmt man Ki-Woo (Choi Woo Shik) den Studenten aus gutem Hause ab, ebenso wie seiner Schwester. Scheinbar mühelos überwinden sie die Gräben zwischen den Gesellschaftsschichten und die damit verbundenen Klischees - solange das Geheimnis ihrer Herkunft gewahrt bleibt.

Wenn die Kims in die Welt der Reichen eindringen, geschieht das erst vorsichtig, staunend. Bald stellen sie sich die nicht unberechtigte Frage: Warum können wir nicht so leben? Wie Parasiten heften sie sich an die Parks, verdrängen gnadenlos und ohne Mitleid die alten Angestellten und nisten sich in der Nobelvilla ein.

Jong Boon Ho hat sich eine fintenreiche Geschichte ausgedacht, die von einer schwarzen Tragikomödie in ein blutiges Drama abgleitet. Der Horror entfaltet sich subtil aus dem Umstand heraus, dass Familien in völlig unterschiedlichen Lebensumständen auf einmal so eng beisammen sind. Die reichen Parks und die bitterarmen Kims. „Wer kann inmitten einer solchen Welt mit dem Finger auf eine Familie zeigen, die sich im ewigen Kampf ums Überleben abrackert, und diese Menschen Parasiten nennen?“, fragte Bong Joon Ho in einem Kommentar zu seinem Film. „Es ist nicht so, dass sie von Beginn an Parasiten waren. Sie sind unsere Nachbarn, Freunde und Kollegen, die lediglich an den Rand des Abgrunds gedrängt wurden.“ Bong Joon Ho nennt seinen Film „eine Komödie ohne Clowns und eine Tragödie ohne Bösewichte“.