Oper „Sacrifice“

Oper „Sacrifice“ : Alles dreht sich

Halle (Saale) - Größer hätte der Unterschied nicht sein können zwischen der Welt, wie sie zu sein scheint und wie sie wirklich ist. Draußen, auf den Straßen der halleschen Innenstadt, tobt an diesem Montagmittag der Straßenkarneval, Helene Fischers Schlagerstimme brüllt atemlos durch den Sonnenschein. Und drinnen, im Opernhaus, wird erstmals ein Durchlauf geprobt für „Sacrifice“, eine ambitionierte Produktion, die am Sonntag uraufgeführt werden ...

Von Andreas Montag

Größer hätte der Unterschied nicht sein können zwischen der Welt, wie sie zu sein scheint und wie sie wirklich ist. Draußen, auf den Straßen der halleschen Innenstadt, tobt an diesem Montagmittag der Straßenkarneval, Helene Fischers Schlagerstimme brüllt atemlos durch den Sonnenschein. Und drinnen, im Opernhaus, wird erstmals ein Durchlauf geprobt für „Sacrifice“, eine ambitionierte Produktion, die am Sonntag uraufgeführt werden wird.

In dem Werk, das die Komponistin Sarah Nemtsov und der aus Halle stammende Autor Dirk Laucke geschrieben haben, wird der Ernstfall des Lebens, unseres Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verhandelt. Vom schönen Schein der Fröhlichkeit wird also nichts zu berichten sein, so demonstrativ die Närrinnen und Narren vor der Tür ihren Spaß auch zelebrieren.

Freilich, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. „Sacrifice“ bedeutet Opferung, es wird erzählt von Menschen, die zu Opfern werden. Von solchen also auch, die sich opfern wollen, wie zwei junge Frauen, die aus Mitteldeutschland nach Syrien aufbrechen, in den Dschihad, den Heiligen Krieg. Und von anderen, die aus den Opfern Kapital schlagen. Zynische Reporter zum Beispiel, einen hört man den ungeheuerlichen Satz sagen, die Fliegen in den Augen afrikanischer Kinder kämen immer gut an... Eine Momentaufnahme, dann dreht sich die Bühne weiter, auf der das Publikum sitzen wird, ringsum sind die Spielorte angeordnet. Auch dort, wo das Orchester Platz genommen hat. Hier werden alle verwickelt, weil alle beteiligt sind.

Dies ist ein Prinzip des neuen, jugendlich energischen Hausherren Florian Lutz, der das Auftragswerk der halleschen Oper inszeniert. Und die Raumbühne ist die Marke, mit der er zu Saisonbeginn eindrucksvoll, wenn auch nicht unbestritten auf den Plan getreten ist.

In dieser Arbeit, das ahnt man nach einer guten Stunde Probenzeit immerhin, könnte das Konzept, das ja alle Sinne ansprechen soll, seinem Ideal nahe kommen. Nicht nur, weil sich verschiedene Schauplätze und Haltungen wie in einem Panorama abbilden, sondern weil auch die Musik und der Gesang in einem Klangraum wirken. In dessen Geschlossenheit mag sich dem Hörenden und Sehenden der Blick auf die Handelnden öffnen - und auf den Grund seiner Erfahrungswelt, zu der die Medien wie die Kunst, die Politik wie das Alltagsleben gehören. Es ist eine enorm dichte, mal minimalistische, ja fragile, dann wieder hochdramatische, komplexe Komposition, in deren Verwandtschaft wohl auch der Jazz zu finden ist.

Spannend immer, dürfte dieses Werk sein Publikum fordern und es mit einem Geschenk entlassen. Selbst wenn dieser Vergleich Ökonomen vielleicht sonderbar erscheint (Musiker haben ja Humor): Man wird den Ertrag eine ästhetische Dividende nennen können, deren Höhe der Aktionär allerdings selbst bestimmt.

Sarah Nemtsov, 1980 in Oldenburg geboren und schon sehr erfolgreich in ihrem Fach, spricht von einer wahnsinnig intensiven Arbeit an dieser Oper. Zum einen wegen der Kürze der Zeit, die seit dem Vorliegen des Textes im Mai vergangenen Jahres überhaupt zur Verfügung stand. Und auch wegen der für sie neuen Zusammenarbeit mit einem direkten Gegenüber, dem Dichter eben. Erste Klangvorstellungen trafen auf das Libretto, nun musste komponiert, teils verworfen, neu angesetzt werden.

Ein Werk, das ein Prozess ist. Das beiden Autoren gerecht werden soll, also kann es nicht am Text entlang entstehen, wie Sarah Nemtsov sagt. Die Töne müssen sich entwickeln, jeder der Partner hat seine eigene künstlerische Sprache. Komponiert hat sie oft frühmorgens, sagt Sarah Nemtsov. Wenn es noch still war. Bevor die beiden Kinder ihr Recht verlangten. Dabei haben sie ihre Arbeit eher bereichert, ihr Da-Sein hat ihr geholfen.

Probenpause. Während des Gesprächs laufen Gespräche ringsum. Konzentriert, man spürt die Anspannung. Und den Ehrgeiz: Gut soll es werden, natürlich! Viel Zeit bleibt nicht mehr, wenige Tage vor der Uraufführung. Das erhöht die Spannung noch. Theater ist verdammt harte Arbeit, jeder Einsatz muss sitzen, von an allen Spielorten aus wird Michael Wendeberg, der Dirigent, zu sehen sein. Kleine Monitore machen es möglich.

Sarah Nemtsov lobt das ganze Team: „Ich habe eine große Offenheit bei allen gespürt“. Sie spricht vom Vertrauen, das einen dann auch frei sein lässt für die Arbeit. Und Hoffnung macht, dass das Publikum das Ergebnis annehmen wird. Überhaupt, so Nemtsov, sei es ja leichter geworden, Interesse an Neuer Musik zu wecken.

Von einer Quote für Neutöner hält sie gar nichts, weil Orchester dann „Alibi-Stücke“ ins Programm nehmen würden. Lieber ist es ihr, wenn nach neuen Kontexten, neuen Formaten gesucht wird. Wie in Halle, wo man künftig in jedem Jahr eine Uraufführung plant.

Die Premiere von „Sacrifice“ am 5. März ist ausverkauft, weitere Aufführungen am 7. und 8. März, jeweils um 19.30 Uhr, Oper Halle. (mz)