Nick Cave in Berlin

Nick Cave in Berlin: Sein einziger Auftritt in Deutschland hinterlässt Rätsel

Berlin - Wer oder was ist denn nun eigentlich dieser Nick Cave? Schwermütiger Dichter, mörderische Kunstfigur, gottesfürchtiger Misanthrop oder doch der Beelzebub höchst persönlich? Wer am Samstagabend beim einzigen Deutschlandkonzert seiner aktuellen Tour in der restlos ausverkauften Berliner Waldbühne auf Antworten gehofft hatte, blieb einigermaßen ratlos ...

Von Daniel Salpius
Nick Cave bei einem Auftritt am 12. Juli.
Nick Cave bei einem Auftritt am 12. Juli. Keystone/AP

Wer oder was ist denn nun eigentlich dieser Nick Cave? Schwermütiger Dichter, mörderische Kunstfigur, gottesfürchtiger Misanthrop oder doch der Beelzebub höchst persönlich? Wer am Samstagabend beim einzigen Deutschlandkonzert seiner aktuellen Tour in der restlos ausverkauften Berliner Waldbühne auf Antworten gehofft hatte, blieb einigermaßen ratlos zurück.

Überraschend ist das nicht. Immerhin ist es seit je Caves Geschäft, sein Publikum und die Musikpresse zu irritieren. Letztlich sind es ja auch die Widersprüche sowohl im künstlerischen Schaffen als auch in der Persönlichkeit, die seine enorme Anziehungskraft speisen. Er weiß eben, dass Ambivalenz die vielleicht wichtigste Zutat des Rockstars ist. Rockstars sind Monster, bekannte er einmal, und das Monster Nick Cave schüttelt er auch 61-jährig vor den 20.000 in der Waldbühne noch locker aus der Hüfte.

Gegen 20.30 Uhr beginnt der Hexentanz. Cave, der spindeldürre Hüne in den ewig schwarzen Anzügen, mit den schwarzen, nach hinten gelegten Haaren, der gewaltigen Stirn und den buschigen Augenbrauen, stakst auf die Bühne. Er ist so unverkennbar wie eine Comicfigur. Eine gewisse ironische Überzeichnung seiner selbst nimmt er dafür wohl billigend in Kauf. Denn die Präsenz dieser Figur ist atemberaubend.

Gealterter Nick Cave eröffnet das Konzert

Es ist allerdings der gealterte, der gebrochene Nick Cave, der das Konzert mit zwei Songs vom letzten Album „Skeleton Tree“ eröffnet, auf dem er in weiten Teilen den Unfalltod seines 15-jährigen Sohnes Arthur im Jahr 2015 verarbeitet. Der Opener „Jesus Alone“ beschäftigt sich äußerst ungeschminkt mit der Tragödie.

Die Bad Seeds, Begleitband der ersten Stunde, spielen hier gespenstisch zurückgenommen. Der gesamte Talkessel der Waldbühne erzittert nahezu allein unter Caves Bariton. „With my voice I am calling you“, rollt es hinauf bis in die obersten Reihen. Ja, wer wird hier eigentlich angerufen? Jesus, wie der Songtitel vermuten lässt? Gott? Der zweite Song „Magneto“ atmet jedenfalls dieselbe Art von Spiritualität. Der erste Bruch im Antichrist-Image gleich zu Beginn. Das Konzert schickt sich an, zur Messe zu werden.

Mit „From Her To Eternity“ bricht das Inferno los

Doch der melancholische Dichter weiß, dass sich seine Gemeinde hier in erster Linie versammelt hat, um den wildgewordenen Derwisch von einst zu erleben. Und es ist auch nicht so, dass er ihn ungern mimt. So zieht er mit „Do You Love Me?“ langsam das Tempo an, um gleich darauf mit „From Her To Eternity“, jenem Song, der 1984 den Durchbruch brachte, das Inferno loszulassen.

Cave windet sich, seine schlaksigen Beine tanzen und schlenkern und schleudern durch die Luft. Er springt wie angestochen über die Bühne, lässt sich auf die Knie fallen, peitscht hockend markerschütternde Schreie über die Menge. Die Bad Seeds garnieren die böse intonierte Tirade über eine vollkommen pervertierte Schwärmerei mit ohrenbetäubenden Kakofonien aus Rückkopplungen.

Nick Cave in Berlin: Auf Tuchfühlung mit seinen Fans

 „Loverman“, „Stagger Lee“, „Red Right Hands“ und „Tupelo“ entfesseln im Verlauf der Show die gleiche unheilige Energie. Cave trägt diese frühen, blutriefenden Songs über Mörder und die Abgründe der menschlichen Seele mit einer solchen diabolischen Inbrunst vor, dass man den Sänger zwangsläufig mit den Texten identifizieren muss.

Hier wird sein ständiger Körperkontakt zur ersten Reihe – eine neuere Marotte Caves – besonders verstörend. Er ergreift Hände, fixiert das zugehörige Gesicht und schreit ihm brutalste oder wahlweise obszöne Textpassagen ins Gesicht – und wird tatsächlich dafür angehimmelt.

Das sind die Momente, in denen Caves Selbstinszenierung ins heillos Komische abdriftet, und man das Gefühl hat, einen durchgeknallten Geisterbahn-Schausteller bei der Arbeit zu beobachten. Das Morbide birgt eben immer die Gefahr, in Pathos oder Schwulst abzugleiten, und Cave bewegt sich schon allein lyrisch mit seinen alttestamentarischen Metaphern ständig auf diesem schmalen Grat.

Nick Cave: „Das ist der fucking Teufel“

Bei „Stagger Lee“ holt er an die 30 Fans auf die Bühne. Wieder fixiert er sie böse oder stürzt mit ruckartigen Bewegungen auf sie zu. Brav zucken sie zurück, um ihn dann vor lauter Liebe in die Arme zu fallen. Das ist mal wohliger Popcorn-Grusel. Und später, wenn im Song der Teufel mit der Mistgabel auftaucht und Cave mit einem „Uh-uh-uh“ jemanden im Publikum imaginär damit aufspießt und dann auch noch auf Deutsch hinterher schiebt: „Das ist der fucking Teufel“, löst sich die ganze sinistere Veranstaltung in Gelächter auf.

Die starken Momente des Konzerts sind ohnehin die ruhigeren. Besonders „Rings Of Saturn“ von „Skeleton Tree“ und „Push The Sky Away“ vom gleichnamigen 2012er Album sind in ihrer feierlichen Getragenheit heimliche Höhepunkte an diesem Abend. Hier ist Cave authentisch als grübelnder, sinnsuchender Künstler und entsprechend auch poetisch stark.

Ihren Zenit erreicht die gut zweistündige Show mit „Jubilee Street“. Die Bad Seeds, die zuvor routiniert und eher steril gespielt hatten, treten hier zum ersten Mal aus Caves Schatten, der große Zampano ist zum ersten Mal Teil seiner Band. Auf den so hoffnungsvoll groovenden Song scheint alles nur gewartet zu haben. Schon während der ersten Noten sind alle Arme erhoben. Eine Art Knoten löst sich. Der einzige wirklich bleibende Moment an diesem Abend.

Campino, Thees Uhlmann, Westernhagen und Wim Wenders im Publikum

Daran konnte auch der lakonische Kommentar der Toten Hosen, in deren Mitte der leicht verdutzte Rezensent das Konzert verfolgte, ob die Gitarre nicht verstimmt sei, nichts ändern. Sie war es wohl, doch kümmerte es Warren Ellis, zuständig für Gitarre, Geige und Krach, wenig. Und es klang einfach überirdisch.

Nick Cave ist einer der großen im Rockgeschäft. Das beweist allein schon der Auflauf an Prominenz im VIP- bzw. Pressebereich. Neben Campino, Thees Uhlmann, Westernhagen und weiteren Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich, hatte sich auch Wim Wenders eingefunden. Der Regisseur hatte Cave in seinem Film „Der Himmel über Berlin“ mit „From Her To Eternity“ auftreten lassen. Wenders zeigte sich textsicher. (mz)