Bitches brauchen Rap

Shirin David: „Wir müssen laut sein“

Mit ihrem Debüt-Album erreichte Shirin David als erste Deutsch-Rapperin Platz eins der Charts. Über ihr neues Album, ihr Frauenbild - und was Expertinnen über die Bedeutung der Musikerin sagen.

Von Elisabeth Edich, dpa 19.11.2021, 17:00
Shirin David ist auf ihrem neuen Album so offensiv wie noch nie.
Shirin David ist auf ihrem neuen Album so offensiv wie noch nie. Gerald Matzka/zb/dpa

Berlin - Mächtige Beats, feministische Ansagen, subtile Seitenhiebe: Wohl kaum eine Künstlerin hat in den letzten Jahren solch einen musikalischen Wandel vollzogen wie Deutsch-Rapperin Shirin David - und dabei war sie immer begleitet von Kontroversen.

Ihr zweites Album „Bitches brauchen Rap“ wirkt wie ein Befreiungsschlag aus unterdrückten Gefühlen. Die Rapperin zeigt sich laut, offensiv und selbstbewusst wie noch nie.

„Wir müssen laut sein“, sagt die Rapperin im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Deswegen heißt das Album 'Bitches brauchen Rap'“. „Bitches“ stehe für alle Frauen und sei als Umwandlung des Schimpfwortes hin zu einer positiv konnotierten Selbstbezeichnung zu werten. „Rap ist für mich die purste, die lauteste, die ehrlichste Form in der Musik.“

Mit ihrem Debüt-Album „Supersize“ erreichte sie 2019 als erste Deutsch-Rapperin Platz 1 der Charts. Zu dieser Zeit waren ihre Songs von vielen Popelementen geprägt. Als die damals 24-Jährige anfing Musik zu machen, habe man ihr gesagt, dass sie 80 Prozent singen und 20 Prozent rappen dürfe. „Die Leute wollen keine Frauen, die rappen, die Leute wollen kommerzielle Songs haben“, habe man der heute 26-Jährigen gesagt.

Auch Hip-Hop-Forscherin und Kulturwissenschaftlerin Sina Nitzsche beobachtet, dass es als Rapperin noch immer schwerer ist, sich in der Szene durchzusetzen. Shirin David habe aber mittlerweile einen Status erreicht, mit dem sie neue Akzente setzen könne, sagt Nitzsche.

„Ich bin over it, mich von Sachen einschränken zu lassen“, sagt die Rapperin - und beweist das direkt mit dem ersten Song auf ihrem neuen Album: „Babsi Bars.“ Shirin David heißt bürgerlich Barbara Schirin Davidavičius, „Babsi“ steht für ihren ersten Vornamen. „Bar“ bedeutet übersetzt Takt, „Bars“ stehen hier für Rap-Zeilen. Ein druckvoller Beat und spitze „Bars“ wie „Die deklarieren ein' Minirock zu maximaler Schande. Doch 'ne Frau mit Grips im Kopf wird abgetan zu 'ner Emanze“ zeigen schnell - „Babsi“ rechnet ab.

Obwohl sie bei vielen Menschen und besonders bei Frauen symbolisch für Selbstbestimmtheit steht, wird ihr von Kritikern vorgeworfen, sie vermittle aufgrund von Schönheits-OPs und Freizügigkeit ein problematisches Frauenbild. „Ich weiß, ich habe einen Einfluss, aber ich bin mir immer noch unsicher, was ist meine Pflicht und wo kann ich einfach ich selbst sein?“, meint die Rapperin.

„Die sehen oft nur den Brazilian Butt Lift, wie sie selbst in ihrem Song mit Haftbefehl sagt. Aber die vergessen dabei, dass sich Shirin auch zu #MeToo kritisch geäußert hat“, sagt Hip-Hop-Forscherin Nitzsche zur Kritik an Davids Auftreten. Der „Brazilian Butt Lift“ ist eine Schönheits-OP, bei der der Po vergrößert wird.

Shirin David rappt in ihrem Song „Schlechtes Vorbild“ aus einer Nachricht eines 14-jährigen Mädchens: „Welcher Mann wird kritisiert für großer Arsch in enger Jeans?“ Außerdem macht die Rapperin Sexismus und sexualisierte Belästigung gegen die Minderjährige sichtbar: „Mein Sportlehrer sagt, deine Texte wär'n sexistisch. Doch beim Handstand mein'n Arsch berühr'n, findet er echt witzig.“

Die Künstlerin positioniert sich aber auch außerhalb ihrer Musik, wie die Psychologin, Journalistin und Moderatorin Helen Fares beobachtet: „Ich finde es bei Shirins Social-Media-Präsenz schön, dass sie sich mehr und mehr feministischen Inhalten widmet und sich mit Betroffenen sexualisierter Gewalt solidarisiert.“

„Wenn es etwas gibt, was mich triggert, ist es einfach Ungerechtigkeit, vor allem Frauen gegenüber, weil ich so viele Freundinnen und so viele in der Familie habe, denen übergriffige Sachen widerfahren sind“, sagt die Musikerin.

In der Vergangenheit stand Shirin David wegen kultureller Aneignung in der Kritik. Davon spricht man, wenn sich Menschen aus privilegierten Gesellschaftsgruppen an kulturellen Elementen aus Minderheitskulturen bedienen und diese zu ihrem eigenen Nutzen übernehmen. „Ich habe den Eindruck, dass in ihrer Inszenierung da ein Wandlungsprozess stattgefunden hat“, sagt Nitzsche. Auch Fares nimmt wahr, dass die Rapperin durch die medialen Hinweise sensibler für das Thema geworden sei.

Trotz kritischer Diskurse sei es wichtig nicht zu vergessen, wie viel Arbeit in all das fließe, sagt Fares. „Shirin ist augenscheinlich eine unsagbar hart arbeitende Frau, und das finde ich bemerkenswert“, betont sie. Auch Nitzsche sagt: „Frauenbild hin oder her, Shirin David ist die kommerziell erfolgreichste Rapperin, die wir bisher hatten und das muss man einfach auch anerkennen.“