„MeToo“-Debatte

„MeToo“-Debatte: Es ist eine hysterische Jagd eröffnet worden

Halle (Saale) - Bis zur wirklichen Gleichstellung von Frauen und Männern ist es noch weit.

Von Andreas Montag 28.01.2018, 11:00

Fang’ bloß nicht bei Adam und Eva an, sagt man einem, der weit ausholt. Im vorliegenden Fall, bei dem es um das eher zunehmende Missverstehen von Frauen und Männern in der offenen Gesellschaft geht, ist der Rückgriff auf biblische Bilder indes durchaus von Nutzen.

Auch Nicht-Christen haben auf dem Schirm, worum es bei der tief symbolischen Geschichte geht, die der Sündenfall heißt: Eva, von Gott aus Adams, des ersten Menschen Rippe geschaffen, verleitet den Mann dazu, eine verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen, nachdem die Schlange ihr das geflüstert hatte. Und schon fliegen die beiden mit Schmackes aus dem Garten Eden.

Es geht auch um Erotik und Sex

Die archetypische Szene, oftmals bildlich dargestellt, kann auf die verschiedenste Weise interpretiert werden: im engeren Sinne religiös, im weiteren auch philosophisch. Und sozialpsychologisch sowieso.

Denn wo Mann und Frau (auch Mann und Mann oder Frau und Frau) zusammenkommen und es knistern spüren, kommt es unter Umständen nicht nur zu tiefen Blicken, sondern bald zu körperlichen Handlungen. Kurz gesagt: Es geht hier auch um Erotik und Sex.

Das Feigenblatt ist gefallen

Letzterem ist im Zeitalter des Kapitalismus, da alles zu haben ist und das Mögliche das Moralische bestimmt, nicht umgekehrt, kaum noch eine Schranke gesetzt. Das Feigenblatt, das man früher den künstlerisch abgebildeten Damen und Herren noch vor Scham und Penis malte, ist längst gefallen. In jeder Beziehung.

Das ist im Grundsatz zu begrüßen, wenn man mit der neuen Freiheit, die entscheidend mit der Freiheit, selbst über seinen Körper zu bestimmen, zu tun hat, nur verantwortungsbewusst umgeht. Und zur Erlangung eigenen Glücks der oder des anderen Freiheit respektiert. Tatsächlich aber sind die Dinge eben, wie meistens im Leben, viel komplizierter.

Tief verwurzelte Rollenbilder

Ist zum Beispiel mit der sogenannten sexuellen Revolution, die vor Jahrzehnten schon Einzug hielt (übrigens, wenn auch in Nuancen modifiziert, in Ost wie West) auch das Machtmonopol des Mannes über die Frau gebrochen worden? Mitnichten.

Das liegt an Geld und Macht, die noch immer vielfach in Männerhänden konzentriert sind. Es liegt auch an Rollenbildern, die tief verwurzelt sind schon in Knabenhirnen.

Wer sich erinnert, was er als Jüngling von anderen, angeblich oder wirklich erfahrenen Männern darüber hörte in prahlerischen Berichten, wie man sich eine Frau gefügig machen und ins Bett bekommen könnte, müsste eigentlich permanent rote Ohren tragen vor Scham.

„MeToo“-Debatte besonders in den USA präsent

Kein Wunder also, das nun die „MeToo“-Debatte in Gang gekommen ist. Kein Wunder allerdings auch, dass sie in den USA mit Verdächtigungen und Anschuldigungen besonders Furore macht, wo man derart prüde und bigott ist, dass ein Nacktbad am Strand zur Verhaftung führen kann, während in den Schmuddelkinos in Nachbarschaft bürgerlicher Häuser Tag und Nacht die härtesten Pornos laufen.

Nun aber, da die Katze aus dem Sack ist, seit der Filmmogul Harvey Weinstein als offenbar übler Sextäter gebrandmarkt und als Person faktisch vernichtet wurde, gibt es kein Halten mehr.

Nicht um vernünftige Dinge wie die Aufklärung von Vorgängen, die Erhellung von Strukturen, das Beleuchten von sexuellem Missbrauch als Form des Machtmissbrauchs geht nunmehr, sondern es ist eine hysterische Jagd eröffnet worden, die einen erschrecken kann.

Anschuldigungen gegen Woody Allen

Nicht aus Mitleid mit jenen, die sich falsch oder sogar kriminell verhalten, sondern aus Fassungslosigkeit, mit welcher Gewalt jetzt durchmarschiert wird. Der weltbekannte Filmregisseur Woody Allen ist letzthin quasi zum Abschuss freigegeben worden durch Journalisten und Schauspieler, die jahrzehntelang von Allen profitiert haben.

Jetzt soll es eine lange zurückliegende Geschichte über eine niemals bewiesene und auch von den Behörden nicht weiter verfolgte Handlung an einer seiner Adoptivtöchter, damals einem kleinen Mädchen, sein, die über Allen richtet.

Jagd auf Filmemacher

Niemand kann sagen, ob die Vorwürfe berechtigt sind. Mia Farrow, seine verlassene und zuvor von ihm mit einer anderen Adoptivtochter betrogene Frau, hat nie aufgehört, die Geschichte am Kochen zu halten. Der Regisseur sagt, es sei alles ausgedacht. So stehen die Fronten. Mehr gibt es einstweilen eigentlich nicht zu sagen.

Und trotzdem: „Das wird sein letzter Film sein“, schrieb der US-Filmkritiker David Ehrlich vom Branchenportal „Indiewire“ über die aktuelle Produktion Allens. Es glüht ein bisschen Begeisterung auf in diesen Worten. Jagdfieber eben. Und die anderen Filme des vierfachen Oscar-Preisträgers? Kommen die jetzt auf den Index? Werden die Kopien auf den Müll geworfen?

„MeToo“-Debatte hat auch Deutschland erreicht

Es gibt kein Maß in dieser irrationalen Debatte, die längst auch das alte Europa erreicht hat. In Deutschland geht es dabei, wenigstens überwiegend, noch vergleichsweise geordnet zu.

Der Regisseur und Festspielintendant von Bad Hersfeld, Dieter Wedel, hat sich nach schweren, öffentlich erhobenen Vorwürfen in ein Krankenhaus zurückgezogen, von seinem öffentlich finanzierten Amt trat er zurück.

Und die Justiz ermittelt in einem Fall wegen des Verdachts der Vergewaltigung gegen ihn. Das ist ein korrektes Verfahren. Wenn Wedel schuldig gesprochen werden sollte, wird man kein Wort mehr über ihn verlieren. Zu Recht.

Ein Gedicht wird in Berlin gelöscht

Ein anderes Beispiel zeigt allerdings die ganze Absurdität, zu der politische Korrektheit auch führen kann. Studierende der Berliner Alice Salomon Hochschule haben dieser Tage die Übermalung eines Gedichts von Eugen Gomringer durchgesetzt, das an einer Fassade des Schulgebäudes in spanischer Sprache angeschrieben worden war.

„Avenidas“ heißt das Werk, in dem von Alleen und Blumen und Frauen und einem Bewunderer die Rede ist. Sexistisch sei das, befanden die schamlosen Scharfrichter. Man schüttelt den Kopf und ist traurig. Oder auch wütend.

Als sich die französische Diva Catherine Deneuve zuletzt mit anderen Frauen um den Flirt sorgte, der im hysterischen Wortgeklirr auf der Strecke zu bleiben drohe, ist sie dafür hart kritisiert worden. Bis zur wirklichen Gleichstellung von Frauen und Männern ist es noch weit. Eben scheint der Weg dorthin noch verschlungener zu werden. (mz)