Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ in Wittenberg

Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ in Wittenberg: Ehrenrettung für ein verkanntes Genie

Wittenberg - Es ist vollbracht: Wittenberg hat mit dem umgebauten Augusteum seine neue Ausstellungsstätte, und mit „Cranach dem Jüngeren“ das erste dort inszenierte Großereignis. „Die Welt“ ist eingeladen, die „Entdeckung eines Meisters“ in den Blick zu nehmen, immerhin „weltweit erstmals“, wie die Stiftung Lutherstätten betont, unterstützt vom Ministerpräsidenten Reiner Haseloff vor dem knappen Hundert Medienvertretern am Tag vor der Eröffnung. Schaut man über die in Ockergelb und neuer Frische aufleuchtenden Fassaden des einstigen Kolleggebäudes hinaus, nimmt man wahr, dass ganz Wittenberg am Trubel ...

Von Günter Kowa 26.06.2015, 09:27

Es ist vollbracht: Wittenberg hat mit dem umgebauten Augusteum seine neue Ausstellungsstätte, und mit „Cranach dem Jüngeren“ das erste dort inszenierte Großereignis. „Die Welt“ ist eingeladen, die „Entdeckung eines Meisters“ in den Blick zu nehmen, immerhin „weltweit erstmals“, wie die Stiftung Lutherstätten betont, unterstützt vom Ministerpräsidenten Reiner Haseloff vor dem knappen Hundert Medienvertretern am Tag vor der Eröffnung. Schaut man über die in Ockergelb und neuer Frische aufleuchtenden Fassaden des einstigen Kolleggebäudes hinaus, nimmt man wahr, dass ganz Wittenberg am Trubel teilhat.

Der Rat, unter dessen Amtsvorgängern die Cranachs prominent auftauchen, hat „Cranach City“ ausgerufen und den Veranstaltungsreigen eigens finanziert. Die Cranach-Höfe laden in „Cranachs Welt“ zu einem Gang durch seine Werkstatt und haben mit der Hamburger Sammlung Ohm auch einige Originalstücke beizutragen. Im neuen Verbindungsgang – der die Gemüter so sehr erregte und nun fast sang- und klanglos öffnet – stellt die Landeskunststiftung „Ein Schmuckstück für Cranach“ zur Schau, das heißt Arbeiten von jungen Schmuckgestaltern, die auf den Reichtum an Geschmeiden in Cranachs Fürstenporträts anspielen. Die Stadtkirchengemeinde präsentiert die Epitaphien im Chor sowie den restaurierten Cranach-Altar mit medialem Beiwerk und eigenem Katalog, vergewaltigt das Kirchenschiff aber mit einer Milchglas-Trennscheibe.

Lob des Ministerpräsidenten

Doch der Ministerpräsident sagt auch dies: „Wir verstehen uns hier als eine Reformationsregion.“ Reformation ist synonym mit Cranach. Er, Haseloff, habe die Ausstellungen in Gotha, Weimar und Torgau besucht, aber diese hier sei etwas Besonderes. Gleichwohl habe sie mit dem Gotischen Haus in Wörlitz und dem Johannbau in Dessau Korrespondenz-Standorte. So rückt auch die Anhaltische Landeskirche ihre „Cranach-Kirchen in der Region“ in den Blick.

Die Ausstellung „Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters“ ist nach Angaben der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt die weltweit erste große kunst- und kulturhistorische Schau, die sich ausschließlich dem Leben und Werk Cranach des Jüngeren widmet. Ein Kombi-Ticket berechtigt zum Besuch der Ausstellungen im Augusteum, in der Stadtkirche und im Cranach-Haus und kostet 12 Euro (ermäßigt 8 Euro). Gruppentickets (ab zehn Personen) kosten 10 Euro pro Person.

Besucht werden kann zum Beispiel die Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg, die das Leben des Malers von seiner Taufe bis zu seinem Tod bezeugt. Die Kirche beherbergt zahlreiche Originalgemälde Lucas Cranachs des Jüngeren, darunter den berühmten Reformationsaltar, an dem Lucas Cranach der Jüngere zusammen mit seinem Vater gearbeitet hat. Die Werke gelten als besonders wichtige Zeugnisse der Reformationsgeschichte und wurden für die Ausstellung aufwändig restauriert

Neben Museen beherbergen zahlreiche Kirchen im Land Sachsen-Anhalt wertvolle Cranach-Altäre und -Gemälde, die im Rahmen der Ausstellung besucht werden können. Besuchen Sie die St. Johannis-Kirche und die Marienkirche Dessau, die St. Bartholomäi-Kirche in Zerbst, die Patronatskirche in Klieken, die Nikolaikirche in Coswig, die St. Petri-Kirche in Wörlitz, die Stadtkirchen St. Marien in Wittenberg und in Kemberg, die Evangelische Kirche in Dabrun und die Pauluskirche in Dietrichsdorf.

Mit dem Gotischen Haus im Wörlitzer Park hat Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ab 1773 eine Art Kunstkammer inmitten neugotischer Architektur entstehen lassen. Im Zentrum standen bedeutende Werke der altdeutschen und altniederländischen Malerei. Unter den ehemals knapp 600 Gemälden, von denen heute noch rund 250 erhalten sind, befanden sich auch dreißig Meisterwerke von Lucas Cranach, seines Sohnes und ihrer Werkstätten. Achtzehn mit dem Namen Cranach verbundene Gemälde sind noch heute am ehemaligen Ort vorhanden. Präsentiert wird die Schau Cranachjahr 2015 von der Kulturstiftung DessauWörlitz.

Die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung laden Schüler aus dem Land Sachsen-Anhalt zu einem Besuch der Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ ein. Für Schulklassen wurde das Programm »Meister sucht Lehrling. Lucas Cranach am historischen Ort erleben« entwickelt, das in Wittenberg und in Wörlitz angeboten wird.

Die Mitmach-Ausstellung "Pop Up Cranach" wendet sich an Kinder und Jugendliche, die mit Hilfe interaktiver Exponate die Lebenswelt Cranachs und die rätselhafte Schönheit seiner Werke mit ihren komplexen Bildbedeutungen und Chiffren entdecken können. Anschließend können Kinder in einer Werkstatt mit Pinsel und Schablone selbst malen.

Führungen durch die Ausstellung im Lutherhaus werden Sonntag bis Freitag um 11 und 15 Uhr sowie am Samstag um 11 Uhr angeboten (3 Euro/Person zuzüglich Eintritt, Dauer: eine Stunde). Weitere Informationen gibt es im Servicebüro „Cranach 2015“ der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt in der Collegienstraße 54 in Wittenberg, Telefon +49 (0) 34 91–420 31 71, [email protected] Weitere Informationen gibt es auf der Webseite www.cranach2015.de sowie auf Twitter @Cranach2015

Wie hoch die Wittenberger Ausstellung hinaus will, ist beim Eintreten sofort spürbar. In den einstigen Festsälen des Augusteums leuchten Malerei und Grafik vor tief dunkel getönten Stellwänden als Preziosen aus dem Dämmer heraus. Der Besucher wird durch die knapp eingeführten Stationen geleitet, hat auch keine Mühe mit der dezenten, aber bestens lesbaren Beschriftung: Alles andere als eine kuratorische Selbstverständlichkeit, wie die Torgauer Ausstellung unrühmlich unter Beweis stellt.

Der jüngere Cranach soll den Ruch des schwachen Nachahmers seines Vaters ablegen und greifbar werden im vollen Saft von „Leben und Werk“. Zeugnisse aus seinem Familienumfeld, Porträts des Gönners und Schwiegervaters Gregor Brück sowie des Ratgebers Melanchthon bezeichnen das in Abstufungen private, Dokumente des Ratsarchivs das politische und unternehmerische Leben des Malers.

Von „toten Urkunden“ kann keine Rede sein: In höchst amüsanten Animationen Cranachscher Bildgestalten sieht man den Kneipenwirt um sein Schankprivileg kämpfen und den Ratsherr, der sich von seinen Kollegen zum Bürgermeister wählen lässt. (Kinder kommen bei „Pop-up-Cranach“ mit dem Mann erst recht auf Du und Du.)

Sein Leben lang stand er im Schatten seines Vaters. Noch heute – 500 Jahre nach seiner Geburt in Wittenberg – ist Lucas Cranach der Jüngere trotz seiner eigenen bildgewaltigen Formensprache, die die Themen der Reformationszeit in beeindruckende Kunstwerke fasst, vielen weitgehend unbekannt. Doch Lucas Cranach der Jüngere war wie sein berühmter Vater, Lucas Cranach der Ältere, nicht nur ein virtuoser Meister seines Fachs, sondern auch ein wichtiger Wegbegleiter der Reformation und erfolgreicher Unternehmer.

Lucas Cranach der Jüngere wird am 4. Oktober 1515 in Wittenberg als zweiter Sohn des kursächsischen Hofmalers Lucas Cranach der Ältere und seiner Frau Barbara Brengebier geboren. Er wächst mit dem älteren Bruder Hans und den drei jüngeren Schwestern Barbara, Ursula und Anna in Wittenberg auf. Seine ersten Lebensjahre verbringt er in einem der Cranach-Häuser am Markt.

1517 erwirbt der Vater einen großen Hof in der heutigen Schlossstraße 1, den er für seine expandierende Malerwerkstatt ausbaut. Angeschlossen ist auch eine Apotheke. Lucas der Jüngere wächst in einem begüterten, im höfischen Milieu verankerten Haushalt, der von Wohlstand, Dynamik und Geschäftssinn geprägt ist, heran und gehört zur ersten Generation, die im neuen Glauben erzogen wird.

Lucas der Jüngere tritt, wie zuvor sein Bruder Hans, als Lehrling in die väterliche Werkstatt ein und beteiligt sich bald an der gesamten Bildproduktion. Erstmals aktenkundig wird er 1535 durch Lohnzahlungen für Arbeiten am Torgauer Schloss. Für die Herkunft der Gemälde der Cranach-Werkstatt bürgt eine Marke: die geflügelte Schlange. Individuelle Signaturen, an denen man hätte Vater, Söhne oder Mitarbeiter unterscheiden können, gibt es nur ausnahmsweise. Um 1537 erfolgt ein Signaturwechsel: Die Schlange trägt fortan liegende Flügel.

Eigentlich ist der Bruder Hans zum Nachfolger der Cranach-Werkstatt bestimmt. 1537 tritt er eine Studienreise nach Italien an, auf der er am 9. Oktober in Bologna einem „tödlichen Fieber“ erliegt. Die Nachricht versetzt alle in tiefe Trauer; sein Freund, der gleichaltrige Dichter Johannes Stigel, widmet ihm ein Trauergedicht. Von seinem großen Können zeugt das Porträt des Gregor Brück, das neben dem Schlangensignet unter einer Übermalung die Initialen HC trägt, ihm also zugeschrieben werden kann.

Seit dem Tod des Bruders ist Cranach der Jüngere zum Nachfolger und künftigen Hausvater der Familie bestimmt. 1541 heiratet er Barbara Brück, Tochter des einflussreichen kursächsischen Kanzlers Gregor Brück. Als sie 1550 an der Pest stirbt, vermählt er sich mit Magdalena Schurff, Tochter des kurfürstlichen Leibarztes und Freund Luthers, Augustin Schurff. Aus beiden Ehen gehen neun Kinder hervor, von denen vier früh sterben. Die Kinder Cranach des Jüngeren werden gut verheiratet und haben zahlreiche Nachkommen.

Das Jahr 1550 bringt eine tiefe Zäsur: Der Vater folgt nach langem Zögern dem 1547 im Schmalkaldischen Krieg vom Kaiser gefangen genommenen ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich nach Augsburg. Vor seinem Weggang regelt er sein Erbe, überlässt die Apotheke dem Schwiegersohn Caspar Pfreund und übergibt die Werkstatt seinem Sohn Lucas. Wohl um die Erinnerung an den Vater festzuhalten, malt Cranach der Jüngere sein Bildnis. 1553 stirbt Cranach der Ältere 81-jährig in Weimar im Hause seiner Tochter Barbara.

Cranach der Jüngere engagiert sich viele Jahre in der politischen Selbstverwaltung der Stadt. Als reicher Bürger Wittenbergs gehört er dem Ratskollegium an, wird Kämmerer und Bürgermeister. 1565 ernennt ihn der Kurfürst zum Landessteuereinnehmer. Geschickt vermehrt er das eigene Vermögen und den Immobilienbesitz, übernimmt zahlreiche Vormundschaften und engagiert sich für das Gemeinwohl. 1569 bestätigt der Kurfürst ihm das Recht auf Weinausschank, das die Stadt ihm wiederholt streitig zu machen suchte.

Auch wenn Cranach der Jüngere nicht zum Hofmaler ernannt wird, erhält er von den albertinischen Herrschern bedeutende Aufträge und bleibt der Maler der Kurfürsten. Über die schweren politischen und konfessionellen Konflikte hinweg hält er die Werkstatt auf gutem Niveau, wahrt die Kontinuität ihrer reformatorischen Bildproduktion und verhilft dem Epitaph wie dem Standesporträt zu großer Blüte. Erstaunlicherweise hat er kein Selbstbildnis hinterlassen, nur ein Rollenbildnis als Mundschenk in einem seiner Gemälde.

Am 25. Januar 1586 stirbt Lucas Cranach der Jüngere im Alter von 71 Jahren. Der Stadtpfarrer Georg Mylius hält die Leichenpredigt, lobt seinen christlichen Lebenswandel, seinen unermüdlichen politischen Einsatz und seine Kunst. Als „Erbe der Kunst und des Namens“ wie als „frommer Herr“ hat er in Wittenberg höchstes Ansehen genossen. Mit dem Verkauf eines Teils des künstlerischen Nachlasses im Jahr 1588 an die Dresdner Kunstkammer wird das Ende der Werkstatt, die sein Sohn Augustin fortführt, eingeläutet. (Quelle: cranach2015.de)

Die Beglaubigung des kunsthistorisch verkannten Genies muss freilich auf Bildwerke bauen. Für das eventuelle Frühwerk mit nach wie vor unsicherer Zuschreibung steht da die Kopenhagener Tafel des „Herkules bei Omphale“, doch die kuriosen Dresdner Darstellungen ebenfalls aus der Mitte der 1530er-Jahre von „Herkules bei den Pygmäen“ bleiben in der Gemäldegalerie. „Undenkbar, dass sie die Dauerausstellung verlassen hätten“, sagt Kuratorin Katja Schneider. Gilt das auch für die beiden Fürstenporträts (definitiv von Cranach dem Jüngeren), die im Gotischen Haus hängen und sogar Leihgaben des Landes Sachsen-Anhalt sind? Immerhin dürfen sie als Vorgänger der stupenden Gruppe der Familienporträts von Kurfürst August von Sachsen gelten, die in Torgau Furore machen. Man könnte noch andere Hauptwerke nennen, die dieses Mal nicht nach Wittenberg gekommen sind, die „Taufe Christi mit Reformatoren und Fürsten“ aus dem Jagdschloss Grunewald etwa.

Berühmt für seine Porträts

Die Sektion „Lukas Cranach der Jüngere und sein Werk“ stützt sich auf das, wofür der Maler bei aller Verkennung doch immer gerühmt wurde: die Porträts. Aus Dresden sind die duftig-feinen Ölstudien von August und Moritz dabei, andere Sammlungen wiederum belegen die neue Auftraggeberschicht der höfischen und städtischen Beamten, auch das Genre der ganzfigurigen Reformatorenporträts. Nichts aber wird für mehr Entzücken sorgen als die bisher wenig beachteten Blätter aus Reims, in denen Cranach alle Feinheit seines Pinselstrichs dem Antlitz widmet, zum Greifen lebensnah.

Eröffnung am Freitag in der Stadtkirche 15 Uhr, danach Bürgerfest im Lutherhof. Der MDR bietet einen Thementag, vor allem auf MDR-Figaro. Ausstellung geöffnet bis 1. Nov., tägl. 9-18 Uhr. Weitere Informationen www.mdr.de/sachsen-anhalt/landesausstellung