Krimi

Krimi: Krieger im Kaninchenstall

Halle/MZ. - Der Staat auf der Jagd nach Hassreligionen, seine Ordnungshüter verbündet mit Tod und Teufel und hinter der Blümchentapete der Fernsehnachrichten eine Gegenwart voller Lügen und Verschwörungen, grausamer als jeder ...

Von STEFFEN KÖNAU 04.09.2009, 17:11

Der Staat auf der Jagd nach Hassreligionen, seine Ordnungshüter verbündet mit Tod und Teufel und hinter der Blümchentapete der Fernsehnachrichten eine Gegenwart voller Lügen und Verschwörungen, grausamer als jeder Horrorfilm.

Keine Hoffnung, nirgends. Die Politik hat versagt, der Krieg gegen Terror und Krise ist verloren im ersten Teil der apokalyptischen Thriller-Serie "Unsere Feinde", die der frühere Elitepolizist, Werbestar und spätere Gangster Samuel Meffire geschrieben hat. "Ich wollte das so hart", sagt Meffire über seine "Stadtkrieger"-Welt und macht die Lippen schmal, "ich wollte keine Schere im Kopf, sondern meine Vision." Die ist ebenso sehr Science Fiction wie wahres Leben, die enthält auf zwei Teile Krimi-Action jeweils ein Teil politischer Realität und ein Teil Biografie des Ex-Polizisten aus Dresden.

In Meffires Krimi-Universum versucht ein Mann zu überleben, der erst Elite-Soldat und dann Hochsicherheitshäftling war: Nach einem Geldtransporterüberfall sitzt er jahrelang im Gefängnis, als er herauskommt, ist nichts mehr, wie es war. Keiner weiß besser, wie sich das anfühlt als Sam Meffire, Sohn einer deutschen Mutter und eines afrikanischen Vaters, der am Tag der Geburt seines Sohnes gestorben ist. In Zwenkau bei Leipzig und in Dresden ist Meffire aufgewachsen, er war Fußballer und Ruderer, sportlich und clever, er lernt früh, sich zu wehren, und er hat große Träume. Sam Meffire schafft es an die Sportschule, er trainiert mit der späteren Olympiasiegerin Carsta Kühn und er trainiert hart. "Dagegen war die KSK-Ausbildung nur ein Spaß", erinnert er sich an Einheiten im Winter, wenn die Hände am Ruder festfroren und die Trainer "weiter, weiter" brüllten.

Samuel Meffire, den alle Sam nennen, ist ein Riesenkerl geworden, mit Schultern wie ein Schrank. Mit 16 will er zur Volkspolizei, aber die will ihn nicht, "obwohl meine Mutter da gearbeitet hat". Oder deshalb? Er lernt Maurer. "Halt irgendwas Anständiges", sagt er. Sam Meffire ist hin- und hergerissen zwischen dem Drang, Geschichten zu schreiben, und der Sehnsucht, echte Abenteuer zu erleben. "Ich hatte immer Zettelchen dabei, auf der Baustelle, im Training", erzählt, "und immer habe ich Notizen gemacht und Sachen geschrieben." Einmal hat die Zeitung sogar ein Nelson-Mandela-Gedicht von ihm gedruckt, da war er elf oder so. "16 Mark gab's dafür", weiß er heute noch.

Trotzdem traut er den eigenen Geschichten nicht. "Brotlose Kunst, dachte ich", sagt er. So nennt es seine Mutter ja immer. Meffire schlägt sich als Nachtwächter und Krankenpfleger durch die End-DDR. Er ist 19, als die Mauer fällt, und mit 23 in der neuen Republik am Ziel seiner Wünsche: Samuel Meffire, Halbwaise mit schwerer Kindheit, schaut von zahllosen Plakatwänden. "Ein Sachse" steht unter dem Bild des ersten farbigen Polizisten des Freistaates, der in der Sonderkommission "Rex" Dienst tut, die Jagd auf die ganz schweren Jungs macht.

Heinz Eggert, damals sächsischer Innenminister, nimmt den großen Kerl mit dem sportlich geschorenen Kopf zu Talkshows und auf Kneipentouren mit. Zeitungen porträtierten ihn als kernigen Kumpeltypen, der ehrgeizige Neueinsteiger darf sogar einen Lehrfilm über polizeitaktisches Einsatzverhalten produzieren.

Nur zufrieden ist der 1,90-Mann mit den Baggerhänden nicht. Sam Meffire will raus aus dem Büro, er will Rechtsradikale fassen und Mafia-Banden jagen. "Er hasste die Typen, die Dienst nach Vorschrift schoben", beschreibt ein Vorgesetzter später, als alles längst zu spät ist. Weil die Polizei ihn nicht lässt, fährt Sam Meffire auf eigene Faust Streife. Als er in den Innendienst versetzt wird, um Autodiebstähle zu bearbeiten, kündigt er.

Es ist der Beginn einer langen Reise auf die andere Seite des Gesetzes, eine Reise, die Sam Meffire tief nach unten führt und an deren Ende er in einer Einzelzelle in Chemnitz sitzen wird, eingekreist von Schuldgefühlen und Verzweiflung, Selbstmitleid und Furcht. Zuerst hätten sie nur Sicherheit verkauft, beschreibt er, dann Geld eingetrieben. "Plötzlich war die Schwelle überschritten", sagt Meffire, "wir haben, was wir konnten, für die falschen Dinge eingesetzt."

Ein Jahr ist er auf der Flucht, auf dem Weg nach Südafrika bleibt er im Bürgerkriegs-Kongo stecken. "Ich habe dort soviel Tod, soviel Blut und so viele Leichen gesehen", sagt er, "ich war froh, dass es vorbei war." Samuel Meffire wird nach Deutschland ausgeliefert und wegen mehrerer bewaffneter und gewalttätiger Überfälle auf ein Rentnerehepaar, eine Bar und eine Postfiliale zu zehn Jahren verurteilt. Die ersten zwei sitzt er in Einzelhaft. Nachdem er im Prozess gegen seine einstigen Gangsterkumpel ausgesagt hat, gilt er nicht nur als gefährlich, sondern auch als gefährdet. "Ich durfte jeden Tag einmal ganz allein in den Hof, 55 Schritte im Kreis gehen und zwischen den Mauern ganz oben einen Streifen Himmel angucken", erzählt er. Danach warten wieder 23 Stunden Einsamkeit, allein mit dunklen Gedanken, klappernden Schlüsseln und Knastklo-Gestank.

"Das Schreiben hat mir damals unheimlich geholfen", erinnert sich der 39-Jährige an die sieben Haftjahre. Keine Geschichte von Läuterung, neuem Glauben und plötzlicher Reue erzählt er. Anfangs habe er nur gegen das Gefühl angeschrieben, lieber sterben zu wollen, als so eng eingemauert weitervegetieren zu müssen. "Ich habe jeden Tag gesehen, was mit denen passiert, die aufgeben." Als er für eine seiner Geschichten einen Preis gewinnt, wird es heller in der Zelle. "Ich dachte mit einem Mal, Mensch, Du kannst das, Mensch, das ist was wert."

Die Gefängnisleitung wollte ihn trotzdem nur gefesselt zur Verleihung fahren lassen. Sam Meffire schüttelt den Kopf. Er hat seinen Preis nicht abgeholt. Aber mit doppelter Energie weitergemacht. Aus der Flucht in den eigenen Kopf, dem Versuch, "nicht innerlich unterzugehen", ist die Ambition geworden, "einen kleinen Weckruf rauszuschicken, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Menschheit aus diesem Hamsterrad des Immermehr und Immerschneller herausspringen muss".

Für diese Botschaft, die er in eine Hochgeschwindigkeits-Handlung eingewickelt hat, kämpft Samuel Meffire an allen Fronten. Statt ein Buch zu schreiben, hat er einen multimedialen Kaninchenbau aus E-Books, Hörbuch, Filmen, Internet und Musik gebastelt, in dem sich Krimi-Welt und Realität vermischen sollen. "Ich will unterhalten, den Menschen aber auch zeigen, was falsch läuft in der Welt."

Dem, was man getan habe, könne man nicht entkommen, sagt Samuel Meffire, "aber das, was man tut, kann man so tun, dass man es nicht bereut". Für ihn selbst sei seine Geschichte gut ausgegangen, "denn sie hat mich hierher geführt, wo ich glücklich bin mit dem, was ich mache". Doch so wie ihn die Szenen der eigenen Taten und die Bilder aus dem Kongo bis heute aus dem Schlaf schrecken, glaubt er, quäle das Rentnerpaar, das sie damals überfallen haben, immer noch der Gedanke an den Überfall. "Das ist es, wofür ich mich schäme", sagt Samuel Meffire und streicht mit den großen Händen ein paar Stäubchen vom Tisch, "dass ich nichts ungeschehen machen kann."