Jenseits von Wandlitz

Jenseits von Wandlitz: Ist der Ostdeutsche ein unbekanntes Wesen?

Erfurt - Ist der Ostdeutsche ein unbekanntes Wesen? Vor allem für sich selbst, sagt der Berliner Zeithistoriker Patrice G. Poutrus, der an der Uni Erfurt forscht.

Von Andreas Montag 07.11.2019, 11:00

Manche Westdeutsche finden, dass man die 40-jährige Existenz der DDR vor dem Horizont deutscher Geschichte vernachlässigen könne. Eine historische Randnotiz, mehr nicht. Viele Ostler hingegen meinen, der DDR-Bürger sei immer noch ein unbekanntes Wesen. „Vor allem für sich selbst und untereinander“, wirft Patrice G. Poutrus lebhaft ein. Das Thema schmeckt ihm, aber die These des Fremdelns mit den Ostdeutschen hält er für überstrapaziert und falsch.

Die Probleme sind andere, davon ist der 1961 geborene Zeithistoriker überzeugt, der an der Universität Erfurt lehrt und forscht - ein geborener Ostberliner mit SED-Vergangenheit. Darauf ist er nicht stolz, aber verleugnet sich nicht. Das zeichnet ihn aus.

Abschied von Idealen des „real existierenden Sozialismus“

Länger schon zweifelnd an der verschlissenen DDR, hat er sich nach dem Mauerfall verabschiedet von den Idealen des „real existierenden Sozialismus“, begann ein Studium und fing neu an. In diesem Jahr hat sein im Christoph Links Verlag erschienenes Buch „Umkämpftes Asyl“ viel Aufsehen erregt. Poutrus, der aus einer binationalen Familie stammt, wird selbst oft für einen Fremden gehalten. Als Deutscher mit dunkler Hautfarbe lernt man seine Landsleute noch einmal anders kennen.

Das war übrigens schon in der DDR so, erzählt Poutrus. Einmal, während seiner dreijährigen Unteroffizierszeit bei der NVA, habe der Vater eines Soldaten Bedenken gegen ihn angemeldet: Ob einer wie er, also „ein Farbiger“, denn überhaupt als Vorgesetzter geeignet sein könne?

Die oft debattierten und mystifizierten Ost-West-Unterschiede sind für den Historiker nicht das Entscheidende, aus dem die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Konflikte wachsen. „Deutschland ist so groß, da gibt es Gegenden, die einem näher sind - und andere eher fern“, sagt Poutrus. Schon in Berlin sei es so, was er nicht schlimm findet.

Die Erwartung, wir müssten uns alle nur gut kennen, damit alles gut werden kann, verwundert ihn. „Ich will mich gar nicht mit allen und jedem verstehen“, sagt er: „Mir würde es reichen, wenn wir alle gut miteinander umgingen. Aber der Respekt ist im Alltag leider eine Ausnahme.“

Zuweilen komische Missverständnisse zwischen West- und Ostdeutschen

Im Übrigen sei er sich keineswegs sicher, dass die Neugier der Deutschen aufeinander wirklich verschlafen worden sei im Einigungsprozess. Anfang der 1990er Jahre habe es zahlreiche Begegnungen gegeben zwischen West- und Ostdeutschen, allerdings auch Missverständnisse.

Letztere hatten zuweilen komisches Potenzial. Poutrus erinnert sich, wie er gemeinsam mit Kommilitonen im Bergischen Land von wohlmeinenden Menschen in eine Gaststätte eingeladen wurde: „Sie dachten, sie müssten uns jetzt mal eine große Portion Essen bestellen. Das war peinlich. Ein Bier wäre vollkommen ausreichend gewesen.“

Aber warum ist der Ton im Osten oftmals so ruppig und pöbelnd? Gehört das zu den Diktaturfolgen bei jenen, die jenseits von Wandlitz lebten? Geht es auf Selbstwertdefizite zurück? „Hier scheint es einen Zusammenhang zu geben“, sagt Poutrus, warnt aber zugleich vor einer vorschnellen Erklärung, die nur die halbe Wahrheit liefern würde.

Wandel und Veränderung

Für gesichert hält der Historiker, dass ein Wandel der politischen Verhältnisse nicht notwendigerweise das Denken und Verhalten der Menschen ändert. Im Gegenteil: „Der politische, ökonomische und nicht zuletzt kulturelle Systemwechsel führt eher zum Festhalten am Vertrauten - selbst dann, wenn fast alle diesen Wechsel wollten.“ Verständlich einerseits, wie Poutrus findet, aber eben auch ein Problem.

Hinzu kommt für ihn, dass die Motivation für die erhoffte Veränderung nicht einheitlich, sondern sehr unterschiedlich gewesen ist: „Aber die Diskussion darüber wird nicht entsprechend differenziert geführt.“ Wenn überhaupt. Dabei sollte es doch einleuchtend sein, dass Ossi nicht gleich Ossi war - und ist. Allein die Auffächerung der DDR-Opposition in verschiedene und gegensätzliche Parteien und Gruppierungen, wie sie sich noch 1989 zu vollziehen begann, belegt das.

„DIE Opposition hat es nicht gegeben“, stellt Poutrus fest. So, wie es weder den Westen noch den Osten absolut und homogen gebe. Man müsse die Unterschiedlichkeit von Menschen anerkennen - und die Tatsache, dass sie ihre Positionen ändern können: „Es ist mechanisch und lebensfern anzunehmen, Menschen müssten so bleiben, wie sie sind. Sich für etwas entscheiden und auch dabei bleiben, als würde man zwangsläufig zum Repräsentanten von irgendeiner Idee. Da ist der Schritt zu Zwang und Gewalt sehr klein“, sagt Poutrus.

Poutrus: „Natürlich war die BRD ein attraktives Angebot“

Zudem sei es damals, in den Tagen der Friedlichen Revolution, zunächst durchaus unklar gewesen, wohin die Reise nun eigentlich gehen sollte: Hin zu einem demokratischen Sozialismus? Oder möglichst schnell in die staatliche Einheit mit der Bundesrepublik Deutschland?

„Natürlich war die BRD ein attraktives Angebot“, sagt Poutrus, auch politisch - in verschiedener Hinsicht. Er verweist auf Ostdeutsche, die nichts mit dem Sozialismus am Hut hatten, aber auf Recht und Ordnung setzten und immerhin diese Erwartung in der zwar ungeliebten, aber obrigkeitsstaatlichen DDR erfüllt gesehen haben mochten.

„1989 wurden plötzlich Dinge frei, die man vorher nicht sah, weil die Leute sie nicht zeigten. Es gab ja auch Nazis in der DDR, nicht nur unter Jugendlichen, sondern zum Beispiel bei der NVA.“ Und den starken Staat, den sich viele wünschten, „hatte die DDR im Prinzip ja auch zu bieten“, sagt Poutrus. Jedenfalls hätten Menschen entsprechende Hoffnungen auf das damals von Helmut Kohl regierte Westdeutschland alter Fasson gesetzt.

Ein ungewöhnlicher und reizvoller Gedanke, der, führt man ihn weiter, zu einer Erklärung für die Zustimmung, die gerade Menschen aus der bürgerlichen Mitte Ostdeutschlands dem politischen Auftritt der AfD entgegen bringen, zumindest beitragen könnte: Die CDU unter Angela Merkel ist ihnen zu sozialdemokratisch oder linksliberal geworden.

Merkels Entscheidung habe politisches Klima gravierend verändert

Die Entscheidung Merkels, im Jahr 2015 aus humanitären Gründen Tausende von Flüchtlingen in Deutschland aufzunehmen, dürfte die entscheidende Zäsur gewesen sein, die polarisierte und das politische Klima im Lande gravierend verändert hat. Manche wollen die Schuld an der Misere bei jenen Leistungsstarken sehen, die den Osten in Scharen verlassen haben. Diese Diskussion findet Poutrus problematisch: „Es sind nicht alle als Helden geboren. Und es gehört zur Freiheit auch, dass man entscheidet, wo man leben will.“

Die Lage bessert es freilich nicht. Dabei seien, so Poutrus, „die Demokratie-Gefährder“, die Rechtsextremen, eine Minderheit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: „Die demokratische Mehrheit hat im Moment keine Stimme.“ Zugespitzt sei es so, dass mancher sich wohl frage: „Muss ich nur extremistisch und rassistisch sein, damit meine Forderungen erfüllt werden?“

Paradox sei auch, dass jenen, die gegen die Demokratie-Gegner auftreten, vorgeworfen wird, sie seien intolerant. Dazu passt für Poutrus auch folgende Haltung: „Lasst uns doch zu Verhältnissen zurückkehren, die wir hatten, als die Gesellschaft noch nicht so divers war.“ Der Historiker erinnert an Positionen aus der Weimarer Republik: „Wenn die Juden nicht so selbstbewusst wären, gäbe es auch weniger Antisemitismus.“ Eine perfide Logik.

Einfache Muster sind bequem

Poutrus ist für Klarheit im Komplizierten. „Es ist kein Widerspruch, dass man in der DDR gut leben konnte - und sie dennoch eine Diktatur war.“ Für den Westen seien dagegen die einfachen Muster bequem gewesen, ein meinungsbildender Film wie „Das Leben der Anderen“ habe gewirkt: „Wenn man nur Klavier spielen kann und Beethoven mag, wird sogar der harte Stasi-Mann weich“, sagt er sarkastisch.

Der Historiker wünscht sich eine andere, eine wahrhaftigere Erzählung über Ostdeutschland - „so unterschiedlich, wie diese Gesellschaft war“. Das müssten die Menschen allerdings jeweils selbst leisten: Sich erinnern, was sie getan, wie sie gelebt haben. Und eines beglaubigen, das Poutrus am wichtigsten ist: „Für Menschenfeindlichkeit gibt es kein Argument. Egal, gegen wen sie sich richtet.“ (mz)