«Herrschaft und Wirkung»

«Herrschaft und Wirkung»: Die Sache mit der Gnädigen

Halle/MZ. - Bei der gnäd'gen Frau war ich die Nummer Eins!", sagt Anni Krümmling. In ihr versonnenes Lächeln mischt sich eine Spur Stolz. Noch immer. Denn das alles liegt ja gut und gerne 70, 80 Jahre zurück. Doch wenn die zierliche alte Dame mit dem sorgfältig gelockten Weißhaar so in Erinnerungen schwelgt, klingt das alles ganz frisch. Da mag man ihr kaum abnehmen, dass sie schon ihren 95. Geburtstag gefeiert hat. Oh ja, viele Einzelheiten weiß sie noch ganz genau aus "ihrer" Zeit in Bennstedt. Das ist ihre Heimat, der kleine Ort vor den Toren von ...

Von MARGIT BOECKH 30.04.2010, 15:24

Bei der gnäd'gen Frau war ich die Nummer Eins!", sagt Anni Krümmling. In ihr versonnenes Lächeln mischt sich eine Spur Stolz. Noch immer. Denn das alles liegt ja gut und gerne 70, 80 Jahre zurück. Doch wenn die zierliche alte Dame mit dem sorgfältig gelockten Weißhaar so in Erinnerungen schwelgt, klingt das alles ganz frisch. Da mag man ihr kaum abnehmen, dass sie schon ihren 95. Geburtstag gefeiert hat. Oh ja, viele Einzelheiten weiß sie noch ganz genau aus "ihrer" Zeit in Bennstedt. Das ist ihre Heimat, der kleine Ort vor den Toren von Halle.

Das Haus, in dem wir uns in ihrem so winzigen wie gemütlichen Wohnzimmer zum Gespräch treffen, hat ihr Vater gebaut. Hier hat sie mit ihrem Mann gelebt, bis er starb. Dreißig Jahre ist das auch schon wieder her. Jetzt wohnt sie hier mit Enkel und Urenkel. Und mit den Erinnerungen an fast ein Jahrhundert. "Oral history" ist der Wissenschaftsbegriff für das, was die betagte Frau aus Bennstedt da so mühelos aus ihrer ganz persönlichen Erinnerung holt - mündliche, also erzählte und weitergegebene Geschichte. Das, was nirgendwo in Geschichtsbüchern festzuhalten ist und was mit denen, die dabei waren, irgendwann aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwindet.

Nicht die großen Fakten, die man in der Schule lernt, sondern das ganz Persönliche, die Details, die nur die so genau wissen können, die dabei waren. Entsprechend subjektiv sind solche Erinnerungen und Histörchen, aber sie sind das, was Geschichte letztlich lebendig macht. Irrtümer ebenso eingeschlossen wie Sichten, die Wissen und Einstellungen der Nachgeborenen schwer Stand halten. Und uns manchmal auch ungläubig lächeln lassen.

Wie die Sache mit der "Gnädigen". Bei ihr handelt es sich um die Gattin des einst so mächtigen letzten Gutsbesitzers auf Bennstedt namens Koch. Herrin über Schloss und Park und jede Menge Gesinde. So was lief jahrzehntelang hierzulande unter "Junkerbrut", "Ausbeuter", "Menschenschinder". Was Anni Krümmling damit verbindet, wenn sie an die Gutsbesitzersgattin denkt, ist die Mitgliedschaft im Luisenbund. Einem Frauenverein, streng national und königstreu ausgerichtet, der nach der legendären Luise von Preußen benannt worden war, die just in diesem Jahr anlässlich ihres 200. Todestages als "Königin der Herzen" vielfach gefeiert wird.

1923 gegründet, wurde der Verein kurz nach dem Machtantritt der Nazis im Zuge der Gleichschaltung aufgelöst. Nichtsdestotrotz bestimmte der Luisenbund in dem nur reichlichen Jahrzehnt seines Bestehens wesentliche Teile des gesellschaftlichen Lebens von Frauen. "Gerade bei uns auf dem Dorf, wo sonst nichts los war, haben wir da allerhand auf die Beine gestellt", macht Anni Krümmling klar. Die "gnädige Frau Koch" hatte den Vorsitz inne. Und Anni, die nach der Schule Kochen und Nähen gelernt hatte, dann verheiratet und Hausfrau war, brachte sich mit ihrem lebhaften Wesen aktiv ein, wenn Theater gespielt wurde oder Ausflüge und sonstige Veranstaltungen anstanden. Damit war sie wohl zur "Nummer eins" bei den Luisendamen geworden, wie sie es rückblickend sieht. Für die rüstige alte Dame eine der angenehmeren Erinnerungen an jene Zeiten in Bennstedt.

Doch sie weiß auch noch: "In den schönen Koch'schen Gutspark durfte keiner rein, das war alles eingemauert. Bis dann nach dem Krieg der Kindergarten eingezogen ist. Erst waren die Amis da. Als dann die Russen kamen, hat der alte Herr Koch sich ja aufgehängt. Seine fünf Kinder waren da schon alle weg. Ein Sohn war gefallen, einer verunglückt."

Anni Krümmling hat die dramatischen Geschehnisse von damals genauso parat wie die Erinnerung an das weitere Schicksal der Frau Koch. Die war alleine zurückgeblieben, verfemt, in ärmlichen Verhältnissen. Die fürsorgliche Anni hat ihre Luisenbund-Schwester gelegentlich mit Essen versorgt. "Als sie starb, wurde sie in der Gruft bei unserer Kirche beerdigt. Neben ihrem Mann und dem gefallenen Sohn", sagt Anni und holt eine Postkarte hervor. Die hatte sie von Frau Koch zu Neujahr 1924 bekommen und bis heute aufbewahrt. Das vergilbte Schwarz-weiß-Foto zeigt "Schloss Bennstedt", im Vorgarten eine Frauenstatue.

"Die weiße Frau haben wir die genannt. Irgendwann ist die dann verschwunden, gestohlen wahrscheinlich", vermutet die alte Dame und legt die postalische Reminiszenz sorgsam wieder ins Kästchen. Ihre Lektion in ganz persönlicher Geschichte ist beendet. Man kann sie nachvollziehen, wenn man ins Dorf geht und dort auf die erhalten gebliebenen Zeugnisse trifft. Das Schloss, mehr ein größeres Gutshaus, lässt früheres Herrschafts-Prestige genau so nur noch ahnen wie der einst berühmte Park.

Dagegen überrascht die barocke Kirche mit ihrem prächtigen Inneren, das wesentlich von den kunstvollen Epitaphen der Marschälle von Bieberstein geprägt wird. Die bestimmten einst eine ganze Ära auf Gut Bennstedt, das sie an den preußischen König verkauft hatten, ehe schließlich die Kochs den alten Adelssitz erwarben. In der Gruft ruhen Blaublüter und Bürgerliche dicht gedrängt nebeneinander.

Wie das zusammenhängt, die großen Namen aus den alten Geschlechtern und die der Gutsherrschaften, lässt sich nachlesen in dem Buch "Herrschaft und Wirkung", das jetzt im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist. Der Autor Felix Bachmann ist dabei den Spuren von Adel und Großgrundbesitzern in Halle und im westlichen Saalekreis gefolgt. Spannende Geschichten aus der Region sind da enthalten. Über so bekannte Namen wie das uralte Haus derer von Trotha ebenso wie über die des Großgrundbesitzers und ideenreichen Unternehmers Carl Wentzel, der im Zusammenhang mit dem 20. Juli von den Nazis ermordet wurde.

Oder warum der namentlich weit weniger bekannte Friedrich Madeweis als "Postmeister, Gelehrter und Lebemann" nicht nur ein Dutzend Sprachen beherrschte, sondern auf Trothaschem Besitz das prächtige und bis heute bestehende "Riesenhaus" in Halle errichten ließ und daraus eine Akademie machen wollte. Auch die Grabplatte für den letzten Koch auf Bennstedt ist in dem Band abgebildet. Die Inschrift vermerkt: "Hier ruht in Gott Kgl. Pr. Major Oberst a.D. Moritz Adolph Otto Koch - Rittergutsbesitzer auf Bennstedt". Und die Daten: geboren 8.9.1875, gestorben 14.10.1945 in Bennstedt. Anni Krümmling weiß die Geschichte dahinter und um das Ende des Mannes der "Gnäd'gen".

Felix Bachmann, "Herrschaft und Wirkung", Mitteldeutscher Verlag, 184 S., brosch. mit zahlreichen Abb., 12,90 Euro