Geburt der Grünen

Geburt der Grünen: Kotze, Kafka, Kokosnüsse

Halle (Saale)/MZ. - Die Spuren sind verweht, fast lässt sich schon der Grabstein nicht mehr lesen, der in einem Eckchen auf dem Friedhof von Klein Oschersleben die Stelle bezeichnet, an der Deutschlands Südseeträume zerplatzten. Stefan von Kotze liegt hier, Spross eines alten Landadligen-Geschlechts und um die vorige Jahrhundertwende herum ein Weltreisender auf der Suche nach Exotik.Kotze berichtete aus Australien und Afrika, aus dem Orient und der Südsee, damals ein Sehnsuchtsort eines bunten Volkes deutscher Aussteiger, wie der Schriftsteller Christian Kracht gerade in seinem Buch "Imperium" beschrieben hat. Was Kracht vergaß: Ihre Wurzeln haben die Sinn- und Sonnensucher, von denen er erzählt, in Sachsen-Anhalt.Denn nicht nur Stefan von Kotze, 1869 geboren, brach von hier aus auf nach Neuguinea, das vom Deutschen Reich kurz vor der Jahrhundertwende von der Neuguinea-Kompagnie als Kolonialgebiet übernommen worden war. Nein, nur 60 Kilometer weiter westlich bei Stapelburg bauten die Gebrüder Adolf Just und Rudolf Just zur selben Zeit an der Verwirklichung ihrer Vision von einer alternativen Naturgesellschaft mitten im Wald. "Jungborn" nannten sie ihre "Kuranstalt", die ab 1895 zur ersten ökologisch ausgerichteten Kommune Deutschlands ...

Von Steffen Könau 15.06.2012, 14:53

Die Spuren sind verweht, fast lässt sich schon der Grabstein nicht mehr lesen, der in einem Eckchen auf dem Friedhof von Klein Oschersleben die Stelle bezeichnet, an der Deutschlands Südseeträume zerplatzten. Stefan von Kotze liegt hier, Spross eines alten Landadligen-Geschlechts und um die vorige Jahrhundertwende herum ein Weltreisender auf der Suche nach Exotik.

Kotze berichtete aus Australien und Afrika, aus dem Orient und der Südsee, damals ein Sehnsuchtsort eines bunten Volkes deutscher Aussteiger, wie der Schriftsteller Christian Kracht gerade in seinem Buch "Imperium" beschrieben hat. Was Kracht vergaß: Ihre Wurzeln haben die Sinn- und Sonnensucher, von denen er erzählt, in Sachsen-Anhalt.

Denn nicht nur Stefan von Kotze, 1869 geboren, brach von hier aus auf nach Neuguinea, das vom Deutschen Reich kurz vor der Jahrhundertwende von der Neuguinea-Kompagnie als Kolonialgebiet übernommen worden war. Nein, nur 60 Kilometer weiter westlich bei Stapelburg bauten die Gebrüder Adolf Just und Rudolf Just zur selben Zeit an der Verwirklichung ihrer Vision von einer alternativen Naturgesellschaft mitten im Wald. "Jungborn" nannten sie ihre "Kuranstalt", die ab 1895 zur ersten ökologisch ausgerichteten Kommune Deutschlands wurde.

Adolf Just war durch persönliche Betroffenheit zivilisationsmüde geworden. Schon in jungen Jahren erkrankte der gelernte Buchhändler schwer an einem Nervenleiden. Daraufhin begann er, Naturheilverfahren an sich selbst auszuprobieren, er experimentierte mit Lehm als Heilmittel und Diät bei Licht und frischer Luft als Therapie. Mit 26 zieht er schließlich ins idyllische Eckertal im Harz.

Hier lebt Just nach seinem Leitspruch "Kehrt zurück zur Natur", unter dem er auch eine Art grünes Manifest veröffentlicht hat. Er arbeitet hart und körperlich, entsagt dem technischen Fortschritt, lebt in einer "Lichtlufthütte" mitten im Wald, schläft auf dem Boden und isst vor allem Obst und Gemüse.

Mehr als ein lichtes Birkenwäldchen ist nicht geblieben von dem Ort, der zur vorletzten Jahrhundertwende zum Anziehungspunkt für frühe Hippies aller Art wurde. Für die DDR-Grenzsicherungsanlagen wurde abgerissen, was nichts weniger war als das erste Ökodorf Europas. Die Häuser hier hatten keine Fenster, sondern nur Löcher, um das Licht durchzulassen. Große Speisesäle kollektivierten das gemeinsame Essen, die Gäste gingen nackt umher, die Geschlechter allerdings säuberlich getrennt in "Damenpark" und "Herrenpark".

Ein Ort für Prominente. Die Schauspielerin Marika Rökk spannt hier ebenso aus wie ihre Kollegen Victor de Kowa und Hans Albers. Die Promis unterziehen sich wie die normalen Gäste einem individuell zugeschnittenen Heilprogramm. Es gibt Luft- und Sonnenbäder, Massagen, Turnübungen und Regenbäder, dazu Atem^übungen und Rohkostessen. Gesundheit, so glauben Adolf Just und sein Bruder, entspringt direkt aus den vier Urelementen Licht, Luft, Lehm und Wasser. Ist der Mensch nur bereit, sie nahe an sich zu lassen, lebt er gesund.

Im Sommer vor 100 Jahren trifft der Schriftsteller Franz Kafka in Stapelburg ein, der gerade unter einer schweren Schreibblockade leidet. Er bezieht das Haus "Ruth", eine nach drei Seiten offene Hütte. Und staunt über die Verhältnisse. "Nackte liegen still vor meiner Tür", vermerkt er sichtlich verwundert in seinem privaten Tagebuch, "alle bis auf mich ohne Schwimmhose." Er bekomme "hie und da leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen vorbeibewegen sehe", bemerkt Kafka. Nein, und "ihr Laufen macht es nicht besser."

Das aber ist eine Welt, wie gemacht für August Engelhardt, dessen Schicksal der Erfolgsautor Christian Kracht neben dem des Stefan von Kotze als Vorlage für sein Buch "Imperium" genommen hat. Der gelernte Apothekenhelfer sucht schon als junger Mann nach neuen Antworten auf alte Fragen. Warum wird der Mensch krank? Macht ihn nicht die Gesellschaft erst zum Leidenden? Engelhardt schließt sich dem Jungborn an, muss aber bald einsehen, dass Deutschland wohl zu klein ist für seine großen Ideen. Weil das im Gelände der Naturanstalt obligate Nacktgehen als Sittenverstoß gilt, gehen die Behörden gegen die Just-brüder vor. Engelhardt, dem das Konzept des Jungborn da schon viel zu lasch geworden ist, hat längst seine eigene Philosophie entwickelt: Der "Kokovarismus" gründete auf Sonnenanbetung und einer ausschließlich auf Kokosnüsse und tropische Früchte setzende Ernährung. Dank einer auskömmlichen Erbschaft kann er nach Deutsch-Neuguinea auswandern. Dort will er seine Vision vom naturnahen Leben fern der Moderne in die Realität umsetzen. Engelhardt kauft die Insel Kabakon, auf der er Kokosnussplantagen bewirtschaften will, die ihn und seine Anhänger ernähren sollen.

Zu denen, die sich im nudistischen Sonnenorden zusammenfinden, gehört mit August Bethmann aus Alsleben bei Könnern noch ein weiterer Sachsen-Anhalter. Bethmann hat mit 30 Jahren aufgehört, etwas anderes zu essen als Früchte. Als "Frugivor", wie er sich nannte, müsse er nicht einmal mehr trinken, so sagt Bethmann stolz. "Das reinste Lebensglück empfindet nur der Fruchtesser", schwört der Sonderling, als er seinem Guru Engelhardt nach Kabakon folgte, um von dort aus das "internationale tropische Kolonialreich des Fruktivorismus" zu errichten. Motto: "Hoch der Äquator! Nieder mit den Polen!"

Pläne, die in der Tragödie enden. Die 30 Anhänger, die Engelhardt um sich geschart hatten, sterben bei Unfällen, verlieren das Vertrauen in ihren Guru oder die Geduld. Engelhardt selbst wird krank. Bethmann stirbt beim Versuch, nach Deutschland zurückzukehren. Dort steht es kaum besser um den Jungborn der Just-Brüder. Die Kuranstalt muss sich gegen Anfeindungen wegen Quacksalberei wehren. Adolf Just scheidet aus der Leitung aus, er experimentiert jetzt erfolgreich mit Heilerdeanwendungen. Die von ihm in Blankenburg gegründete Firma Luvos produziert noch heute den von Just für innerliche Anwendungen für ideal befundenen Lößlehm als "Luvos-Heilerde".

August Engelhardt hingegen vermag sich nicht noch einmal zu berappeln. Ganz allein gelassen von seinen Anhängern kehrt er zeitweise zum Fleischessen zurück. Als die Australier Deutsch-Neuguinea nach Beginn des 1. Weltkrieges erobern, wird der spindeldürre Sonderling festgesetzt, aber bald wieder laufen gelassen, weil er den Truppen der Königin als "harmloser Irrer" gilt. Engelhardt stirbt im Mai 1919 auf seiner Insel Kabakon, Just folgt ihm 1936 in Blankenburg. Der Jungborn wird Flüchtlingslager und Heim und nach 1964 vollständig ausradiert. Die DDR-Grenzanlagen verlaufen genau durch das Gelände der Kuranstalt.