Foresight-Festival in Halle

Foresight-Festival in Halle : Fragen, was eine lebenswerte Zukunft ausmacht

Halle (Saale) - Es war ein Abend mit Goldrand-Atmosphäre im gut gefüllten Steintor-Varieté in Halle. Viele Forschende, Filmschaffende und vor allem jüngere Menschen waren zum Foresight-Filmfestival gekommen, um Antworten auf die auch in digitalen Zeiten spannende Frage zu hören: „Wie wollen, wie werden wir leben?“ Der Ablauf des Abends war jedoch so engmaschig, dass viele Themen unter den Tisch fielen. Oberfläche statt Tiefe - an den hochwertigen Kurzfilmen, die gezeigt wurden, lag es ...

Von Mathias Schulze

Es war ein Abend mit Goldrand-Atmosphäre im gut gefüllten Steintor-Varieté in Halle. Viele Forschende, Filmschaffende und vor allem jüngere Menschen waren zum Foresight-Filmfestival gekommen, um Antworten auf die auch in digitalen Zeiten spannende Frage zu hören: „Wie wollen, wie werden wir leben?“ Der Ablauf des Abends war jedoch so engmaschig, dass viele Themen unter den Tisch fielen. Oberfläche statt Tiefe - an den hochwertigen Kurzfilmen, die gezeigt wurden, lag es nicht.

Ralf B. Wehrspohn, Leiter des Foresight-Filmfestivals, eröffnete es und wies darauf hin, dass die Köpfe, die hinter den Filmen stecken, zu 50 Prozent aus Wissenschaftlern und zu 50 Prozent aus Filmemachern bestehen. Kerstin Angela Schmal vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ergänzte: „Solche Festivals sind notwendig, um, das sagt schon der Begriff, die Not zu wenden.“ Wessen Not gemeint war, blieb im Dunkeln. Auch ihre Anmerkung, dass ihr Bundesministerium kein drittes Foresight-Festival unterstützen werde, fiel wie ein Stein in den Saal - öffentliche Publikumsnachfragen waren nicht vorgesehen.

Abendfüllende Fragestellungen

Ebenso irritierten die Jury-Kriterien: Warum hat sich das 16-köpfige Gremium gerade für jene gezeigten Filme entschieden? 56 waren ursprünglich eingereicht, 16 wurden gezeigt. Nach gut einer Stunde Geplänkel durfte man die Filme, meist zwischen zwei und fünf Minuten lang, bestaunen. Virtuelle Realitäten, neuartige Lernmodule, digitale Reizüberflutung, Glücksimplantate, Selbstversorgerversuche und die persönliche Beteiligung an der Energiewende standen in drei Rubriken im Fokus. Digitale Kompetenz, Nachhaltigkeitsprojekte und bereits jetzt praktizierte Konzepte für Ernährung, Gesundheit und Verkehr waren weitere Themen.

Flankiert wurden die Filme von Blitz-Gesprächen mit Experten, alle moderiert von Daniel Schlechter (MDR). Bereits die erste Rubrik mit der Leitfrage „Wie, wo, was lernen wir in 20 Jahren?“ öffnete Fragestellungen, die mehrere Abende hätten füllen können: Wer ist das „Wir“ des Bildungsprozesses in 20 Jahren? Kann moderne Technik soziale Bildungsungleichheiten abbauen? Wie demokratisierend wirken Google und Facebook?

Und: Wie kommt Dominik Bücheler auf einen grotesken Werbefilm, der uns Glücksimplantate verkaufen will und mit der Botschaft „Füge dich, egal in was!“ aufwartet? Welche gesellschaftlichen Diagnosen liegen dieser Idee zugrunde? Eingegangen wurde darauf nicht, die Folge dieser Unschärfen offenbarte sich im weiteren Verlauf der Veranstaltung.

Keine Zeit für Gespräche

Diskussionspartner wie Constanze Kurz, Pressesprecherin des Chaos Computer Clubs, bemühten sich um geistige Tiefe. Wie soll die aber gelingen, wenn aufgrund der Fülle an Filmen und Blitz-Gesprächen keine Zeit bleibt? Eins, zwei profunde Gäste hätten genügt. So fielen die immer gleichen Phrasen, die sich zusammenhanglos um den Abend kugelten: ökonomische Interessen, eine vielschichtige Wirklichkeit und der Kulturwandel.

Die schöne Gelegenheit der Filmemacher, sich präsentieren zu dürfen, schmälerte das. Doch immerhin hatten einige Filme die Kraft, für sich allein zu stehen. Da gab es beispielsweise den Beitrag „Die Urbanisten“ von Johanna Ickert über eine nachhaltige Lebensmittelproduktion in der Stadt durch Selbstversorgung.

Der Film „Pellworm - offene Landschaft“ von Uta Kolano und Wolfgang Gaube zeigte eine Energie-Community auf der Nordseeinsel, die mit ihrem Windpark Energie erzeugt. Solche konkreten Geschichten zeigten, dass es mehrere „Zukünfte“ gibt, die auch in einer globalisierten Welt von jedem Einzelnen gestaltet werden können.

Erstaunlich ist aber, dass bei solch einem Festival notwendige Begriffe wie „Kapitalismus“, „weltweite Flüchtlingsbewegungen“ und „Renationalisierung“ nicht fallen. Dabei zeigte der Abend doch sehr eindringlich: Ohne Gegenwartsanalyse kann man nicht ernsthaft über eine wünschenswerte Zukunft für alle nachdenken. (mz)

Die Kurzfilme und Infos im Internet:www.foresight-festival.de